davon ab, dass ein jeder zu den Tugenden seines Standes und Berufs gebildet werde; und wann soll, wann kann diese Bildung vorgenommen werden, wofern es nicht in dem Alter geschieht, wo die Seele, jedem Eindruck offen und zwischen Tugend und Laster unschlüssig in der Mitte schwebend, sich eben so leicht mit edlen Gesinnungen erfüllt, an richtige Grundsätze gewöhnt, in tugendhaften Fertigkeiten bestärkt – als, dem Mechanismus der sinnlichen Triebe, dem Feuer der Leidenschaften und der Ansteckung verführerischer Beispiele überlassen, die unglückliche Fertigkeit der Torheit und des Lasters annimmt? Der Wohlstand eines Staates, die Glückseligkeit einer Nation hängt schlechterdings von der Güte der Sitten ab. Gesetzgebung, Religion, Polizei, Wissenschaften, Künste, können zwar zu Beförderungsmitteln und Schutzwehren der Sitten gemacht werden: aber sind erst die Sitten verdorben, so hören auch jene auf wohltätig zu sein; der Strom der Verderbnis reisst diese Schutzwehren ein, entkräftet die gesetz, verunstaltet die Religion, hemmt den Fortgang jeder nützlichen Wissenschaft, und würdiget die Künste zu Sklavinnen der Torheit und Üppigkeit herab. Die Erziehung allein ist die wahre Schöpferin der Sitten; durch sie muss das Gefühl des Schönen, die Gewohnheit der Ordnung, der Geschmack der Tugend, durch sie muss vaterländischer Geist, edler Nationalstolz,45 Verachtung der Weichlichkeit und alles Geschminkten, Gekünstelten und Kleinfügigen, Liebe der Einfalt und des Natürlichen, mit jeder andern menschenfreundlichen, geselligen und bürgerlichen Tugend, von den Herzen der Bürger Besitz nehmen; durch sie müssen die Männer zu Männern, die Weiber zu Weibern, jede besondere Klasse des staates zu dem was sie sein soll, gebildet werden. Die Erziehung – höret es, o ihr, die nach Tifan auf seinem Trone sitzen werden! sie ist die erste, die wichtigste, die wesentlichste Angelegenheit des staates, die würdigste, die angelegenste sorge des Fürsten! Alles übrige wird ein Spiel, wenn die öffentliche Erziehung die möglichste Stufe ihrer Vollkommenheit erreicht hat. Die gesetz gehen alsdann von selbst; die Religion, in ihrer Majestät voll Einfalt, bleibt was sie ewig bleiben sollte, die Seele der Tugend und der feste Ruhepunkt des Gemütes; die Wissenschaften werden zu unerschöpflichen Quellen wahrer Vorteile für das gemeine Wesen; die Künste verschönern das Leben, veredeln die Empfindung, werden zu Aufmunterungsmitteln der Tugend. Jede Klasse von Bürgern bleibt ihrer Bestimmung treu; allgemeine Emsigkeit, von Mässigkeit und guter Haushaltung unterstützt, verschafft einem unzählbaren volk Sicherheit vor Mangel und Zufriedenheit mit seinem Zustande. Von dem Augenblick an, da ihr die Veranstaltungen, von deren vollkommenster Einrichtung und öfterer Wiederbelebung so grosse Vorteile abhangen, vernachlässiget, werden unvermerkt alle übrige Räder des staates in Unordnung geraten; der Verfall der Erziehung wird die Ausartung der Sitten, und diese, wofern ihr nicht weise genug sein werdet die Quelle des Übels in zeiten zu entdecken und zu verstopfen, unfehlbar den Verfall des staates nach sich zu ziehen.'
Nach Tifans Begriffen war es also bei der Erziehung viel weniger darum zu tun, den künftigen Bürgern gewisse Kenntnisse und Geschicklichkeiten beizubringen – wiewohl auch dieser teil, nach Massgebung der künftigen Bestimmung eines jeden, keinesweges verabsäumt wurde – als, jede besondere Klasse zu den Tugenden ihres künftigen Standes, und überhaupt Alle zu jeder Tugend des gesellschaftlichen und politischen Lebens zu bilden. Auf diesen grossen Zweck war der ganze Erziehungsplan angelegt. Alles in demselben war praktisch: die Schule machte nicht, wie in den meisten übrigen Staaten, ein besonderes für sich bestehendes Institut aus, welches mit dem gemeinen Wesen nur durch einzelne schwache Faden zusammen hängt; alles bezog sich in den scheschianischen schulen auf den künftigen Gebrauch, und die Jugend wurde nichts gelehrt, was sie ohne Schaden wieder vergessen konnte.
Tifan verordnete, dass in dem ganzen scheschianischen Reiche die Knaben öffentlich, die Töchter hingegen, deren Bestimmung ordentlicher Weise in den engern Zirkel des häuslichen Lebens eingeschränkt ist, absonderlich von ihren Müttern oder nächsten Verwandten erzogen werden sollten. Unter jenen waren nur die Söhne des Königs, und unter diesen allein diejenigen, welche in besonderem verstand die Pflegetöchter der Königin genannt wurden, von der allgemeinen Regel ausgenommen. Denn diese letzteren wurden, eben so wie die Knaben, in besonders dazu eingerichteten Erziehungshäusern, unter eigener oberster Aufsicht der Königin, zu der einfältigen, arbeitsamen und schuldlosen Lebensart, die ihrer Bestimmung angemessen war, und zu allen Tugenden, ohne welche es unmöglich ist eine rechtschaffene Ehegattin und eine gute Mutter zu sein, auferzogen. Alles was man gemeiniglich gegen dergleichen Anstalten einzuwenden pflegt, fand bei diesen nicht Statt; sie waren so vorsichtig und in allen Betrachtungen so zweckmässig eingerichtet, dass (den Fall einer allgemeinen Verderbnis der Sitten in Scheschian ausgenommen) eine merkliche Verschlimmerung derselben unmöglich war.
Die Hauptquelle der Gebrechen solcher öffentlichen Anstalten liegt darin, dass man so wenig als möglich darauf verwenden will. Die Leute, die dabei gebraucht werden, sind oft selbst rohe und mit den Eigenschaften zu einem so edlen Beruf gar nicht begabte Leute. Sie haben so wenig, Anspruch an einige achtung der Welt zu machen, dass es kein Wunder ist, wenn sie meistens schlecht denkende Geschöpfe sind; und sie werden so armselig belohnt, dass es noch weniger zu verwundern ist, wenn Leute ohne Grundsätze und Tugend ihren eigenen Zustand auf Unkosten ihrer Untergebenen zu verbessern suchen; welches denn, da diesen letzteren ohnehin alle ihre Bedürfnisse so sparsam als möglich zugemessen werden, nicht geschehen kann, ohne sie an dem Unentbehrlichen Mangel leiden zu lassen. Tifans Veranstaltungen für die Erziehung armer Kinder von beiderlei Geschlecht verdienten