der alten Helden, mit kleinen Heeren grosse Siege zu erfechten. Gleichwohl war es nicht anders möglich, als dass die Scheschianer anfangs alle ihre Kräfte aufbieten mussten, um die grossen Summen zu erschwingen, die zur Ausführung seiner Anstalten zum gemeinen Besten vonnöten waren. Aber schon im zehnten Jahre seiner Regierung sah er sich im stand, die Last des Volkes merklich zu vermindern; und in den letzten Jahren bezahlten die Scheschianer dem staat kaum den dritten teil dessen, was ihnen unter Sultan Azorn abgenommen worden war; und gleichwohl war der öffentliche Schatz nicht um eine Unze leichter als in den ersten Jahren Tifans, und wenigstens um neunzehn Teile von zwanzig reicher als unter Azorn."
"Wie ging dies zu?" fragte Gebal.
"Durch die einfachste Operation von der Welt", antwortete Danischmend. "Im zehnten Jahre Tifans waren ungefähr dreissig Millionen Menschen in Scheschian, welche zusammen zweihundert Millionen Unzen Silbers in die Schatzkammer bezahlten. Im funfzigsten Jahr eben dieses Königs zählte man über sechzig Millionen Einwohner, welche, um die nämliche Summe zusammen zu bringen, nur halb so viel bezahlten als ihre Vorgänger, aber noch immer in die Schatzkammer. Hingegen befanden sich in den letzten Jahren Azors vierzig Millionen Einwohner in Scheschian, welche drei- und zuletzt viermal so viel bezahlen mussten; aber unglücklicher Weise das meiste weder an die Schatzkammer noch an den König, sondern an die ungeheure Anzahl der Pachter und Einnehmer, an die Mätressen des Königs, an die Günstlinge und Höflinge, an die königliche Küche, an die königliche Garderobe, an die königlichen Pferde, Hunde, Katzen, Elefanten, Riesen, Zwerge, Affen und Papageien, und an eine unendliche Menge anderer entbehrlicher Geschöpfe, die zum Hofstaat Seiner Majestät gehörten, und insgesamt sehr grosse Bedürfnisse hatten. Alle diese Teilnehmer an den Staatseinkünften nahmen soviel davon zum voraus weg, dass ein mässig starker Esel wenig Mühe hatte, den Rest in die königliche Schatzkammer zu tragen; und dieser einzige Umstand löset, deucht mich, das ganze Geheimnis auf."
Es gefiel dem Sultan Gebal, bei dieser Stelle in ein so starkes Gelächter auszubrechen, dass Danischmend inne halten musste. "Der arme Azor", rief er einmal über das andere aus, "der arme Mann! Kann man auch ein ärmerer Schelm sein als Azor!"
"In der Tat", sagte Danischmend, "der gute Azor war beinahe noch ärmer als seine armen Untertanen." "Du hast recht, Danischmend", versetzte Schach-Gebal: "die guten Leute sind wirklich zu bedauern! – Aber wo blieben wir? Die Wahrheit zu sagen, ich sehe noch nicht sehr hell in der Haushaltung deines Tifan."
"In kurzem, hoffe ich, soll Ihrer Hoheit alles sehr deutlich werden", erwiderte der Philosoph. "Sultan Tifan machte in seinem Gesetzbuch eine merkwürdige Distinktion zwischen den Bedürfnissen des Königs und den Bedürfnissen des staates, und folglich auch zwischen dem Beutel des einen und des andern. Zu jenen bestimmte er eine beträchtliche Anzahl von Krongütern, welche seit den zeiten Ogul-Kans die Domänen des Königs ausgemacht hatten. Er vermehrte sie, mit Bewilligung der Nation, durch einen teil der verödeten Gegenden, welche, von den bürgerlichen Unruhen her, aus Mangel an Bewohnern unangebaut lagen, und als dem Staat anheim gefallen betrachtet, von Tifan aber mit fremden Kolonisten bevölkert und in wenig Jahren in einen sehr ergiebigen Stand gesetzt wurden. Ausserdem waren die Einkünfte von den Bergwerken und Salzgruben von jeher als königliche Güter angesehen worden; und Tifan liess es um so mehr dabei bewenden, weil er sich und seinen Nachfolgern das Vermögen auch willkürlich Gutes zu tun nicht entziehen wollte; eine idee, welche sich mit der menschlichen Schwachheit vielleicht entschuldigen lässt, wiewohl sie durch ihre Folgen in spätern zeiten dem scheschianischen Reiche verderblich geworden ist.
Alle diese Einkünfte betrugen durch die gute Wirtschaft des Königs Tifan in seinen letzten Jahren ungefähr neun bis zehn Millionen Unzen Silbers, welche der König verwalten konnte wie er wollte, ohne jemand deswegen Rechenschaft zu geben. Hingegen musste er davon seine ganze Hofhaltung, alle seine Privatausgaben, und, nach Tifans ausdrücklicher Verordnung, selbst alle diejenigen bestreiten, welche die Majestät des Trones erfordert. Da nun diese Summe, so beträchtlich sie war, gar leicht für die Begierden eines schwachen oder ausschweifenden Fürsten unzulänglich hätte sein können: so verordnete Tifan in einem besonderen Abschnitte seines Gesetzbuches, wie der Hofstaat des Königs, seine Tafel, und alles was zu seiner Haushaltung gehörte, eingerichtet sein sollte. Eine edle Einfalt und eine sehr grosse Mässigung war der Geist dieser Verordnungen. 'Wenn der Luxus', sagte Tifan, 'einem wohl eingerichteten staat verderblich, und nur in einem sehr verdorbenen eine Zeit lang ein notwendiges Übel ist; wenn der grösste Reichtum desselben in der Menge arbeitsamer Einwohner besteht, und die Bevölkerung, ohne Mässigung der Begierden und des Aufwands, unmöglich so weit gehen kann als sie sonst natürlicher Weise gehen würde: so fällt in die Augen, wie notwendig es ist, dass der Hof dem ganzen Staat ein fortdauerndes Beispiel einer Tugend gebe, welche die stärkste Schutzwehre der guten Sitten ist. Nach dem hof bilden sich die Grossen und der Adel: und vereinigen sich diese, dem volk mit dem Beispiel einer einförmigen, in die Schranken der Anständigkeit und einer guten Wirtschaft eingeschlossenen Lebensart vorzuleuchten; so wird das Volk desto weniger der Gefahr ausgesetzt sein, den Geist seines Standes und den Geschmack an der Einfalt seiner eigenen Lebensart zu