1772_Wieland_107_108.txt

bis man eine vollständige Abschrift desselben gefunden haben wird, weiter nichts davon sagen, als dass der ehelose Stand durch Tifans gesetz niemanden verstattet wurde, der nicht eine angeborne oder zufällige körperliche Untüchtigkeit von der unverbesserlichen Art gerichtlich erweisen konnte."

"Aber, Herr Danischmend", sagte der Sultan, "ich möchte wohl wissen, wie du mir den Zweifel auflösen wolltest, der mir in diesem Augenblicke gegen Tifans Grundsätze über die Bevölkerung einfällt. Ich setze voraus (was doch in der Tat kaum zu glauben ist), dass er wirklich alle physischen, politischen und sittlichen Hindernisse, welche der Vermehrung eines Volkes nachteilig sind, glücklich aus dem Wege geräumt habe; was wird die Folge davon sein? Seine Scheschianer werden sich vermehren wie die Kaninchen; in kurzem werden sie nicht mehr Raum genug haben neben einander zu wohnen; und der blosse Mangel an Unterhalt wird endlich eine ärgere Verwüstung unter ihnen anrichten, als Despotismus, Schwelgerei, Bonzen, Tänzerinnen, Ärzte und Apoteker zusammen genommen nicht anzurichten vermocht hätten. – Wie oft, sagt man, muss sich ein Volk ordentlicher Weise verdoppeln, Danischmend?"

"Die Auflösung dieser Frage", versetzte Danischmend, "hängt von einer Menge zufälliger Umstände ab, welche das verlangte allgemeine Zeitmass, in so fern es richtig sein soll, unmöglich zu machen scheinen. Gleichwohl, da sich mit gutem grund voraussetzen lässt, dass unter einem volk, wie wir uns das neue Geschlecht von Menschen, welches die Gesetzgebung Tifans in Scheschian bildete, vorstellen müssen, das ist, unter der gesundesten, nüchternsten, mässigsten, fröhlichsten und gutartigsten Nation von der Welt, die Leute natürlicher Weise ungleich länger leben, und die Ehen viel länger fruchtbar sind als bei allen andern Völkern: so können wir, deucht mich, ohne Bedenken annehmen, dass sich die Anzahl der Einwohner Scheschians unter besagten Umständen in hundert Jahren wenigstens zweimal verdoppelt haben müsse; und dies macht freilich in zweihundert Jahren eine ungeheure Summe aus."

"Und woher sollen alle diese Menschen ihren Unterhalt nehmen?"

"Ich setze (vermöge einer Berechnung, womit es unschicklich wäre Ihrer Hoheit beschwerlich zu fallen) voraus, dass Scheschian, auf dem Grade der Vollkommenheit wozu Tifan den Anbau des Landes brachte, vermögend war, wenigstens hundert Millionen arbeitsamer und mässig lebender Menschen zu ernähren."

"Dies nenn ich viel, Herr Danischmend, wofern Ihr Euch nicht verrechnet habt. Aber setzen wir immer, dass es so gewesen sei; woher sollen zweihundert, vierhundert, achtundert, sechzehnhundert, und alle die unzähligen Millionen, welche am Ende der zwanzigsten Generation vorhanden sein werden, ihren Unterhalt bekommen? Ich wollte wetten, dass zuletzt nicht einmal Luft genug in der Welt wäre, sie zu nähren, wenn sie auch von blosser Luft leben könnten."

"Und dazu kommt noch ein Umstand", sagte die schöne Nurmahal, "der dem armen Danischmend eine gelegenheit entzieht, wodurch er die Anzahl seiner Scheschianer von Zeit zu Zeit merklich hätte vermindern können. Wenn Tifans Nachfolger ihrem Vorbilde nur einiger massen ähnlich waren, und wenn sich also die Verfassung, welche dieses Reich von Tifan empfing, einige Jahrhunderte erhalten hat, wie man von so einer vollkommenen Gesetzgebung nicht anders erwarten kann: so ist nicht begreiflich, wie Scheschian in dieser ganzen Zeit in einen Krieg von einiger Bedeutung hätte sollen verwickelt werden können. Wer hätte sich unterstehen wollen, einen solchen Staat anzugreifen oder sich ihn zum Feinde zu machen? Und was in der Welt hätte einen König von Scheschian bewegen können, selbst der Angreifer zu sein?"

"Die Ehre seiner Krone kann den besten König nötigen, einen Krieg anzufangen, oder an den Händeln seiner Nachbarn Anteil zu nehmen", sagte Schach-Gebal.41 "Doch, wir wollen diese Betrachtung gelten lassen was sie kann; immer sehe ich nicht ab, wie sich Freund Danischmend diesmal aus der Sache ziehen wird."

"Bald würden mir Ihre Hoheit bange machen", erwiderte der Doktor. "Gleichwohl ist diese Bevölkerungssache so schlimm nicht als sie beim ersten Anblicke scheint. Je mehr sich die Bewohner von Scheschian vervielfältigen, je mehr hände haben wir die natur zu bearbeiten; eine Quelle, welche desto ergiebiger ist, je grösser die Zahl derer ist die aus ihr schöpfen. Und wer kann das Mass und die Grenzen ihrer Fruchtbarkeit bestimmen? Überdies nimmt auf der einen Seite mit der Zahl der Menschen auch die Summe ihrer Bedürfnisse, und folglich auch der hände zu, die ihrentwegen in Arbeit gesetzt werden müssen und von dieser Arbeit leben; so wie auf der andern Seite Fleiss und Erfindsamkeit durch die immer nahe Gefahr des Mangels angespornt werden, die Künste zu einer Vollkommenheit zu bringen, wodurch ihnen vermittelst des auswärtigen Handels eine Menge andrer Völker zinsbar wird. Reicht endlich alles dies nicht zu; nun so werden wir uns freilich entschliessen müssen, die Bienen zum Muster zu nehmen, und von Zeit zu Zeit die jungen Schwärme zu nötigen, sich andre Wohnsitze auszusuchen: es sei nun, indem ein grosser teil der Scheschianer sich einzeln in fremde Länder zerstreut, wo fleissige und geschickte Ankömmlinge allezeit willkommen sein werden; oder indem der Staat selbst Kolonien aussendet, welche sich auf entlegnen Küsten niederlassen, Künste und Sitten zu barbarischen Völkern tragen, und durch das nämliche Mittel, wodurch sie ihren eigenen Zustand verbessern, zugleich Wohltäter des menschlichen Geschlechts werden. Wie viele und grosse Inseln, wie viele bewohnbare Gegenden des festen Landes liegen entweder noch ganz öde, oder sind