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er auch alles getan habe, doch nur seine Schuldigkeit getan habe, seinen redlichsten und besten Dienern den Mut benimmt, ihren Eifer niederschlägt, und eben deswegen nicht die Hälfte des Nutzens erhält, den er und der Staat von ihnen ziehen könnten. Noch andre berauben sich der guten Dienste würdiger Männer durch die unglückliche Gemütsart, wegen kleiner Fehler den Wert der wichtigsten Vorzüge zu verkennen; durch immer währendes Misstrauen und Geneigteit, bei allem was Menschen tun, immer die unedelsten Bewegursachen vorauszusetzen; durch die Gewohnheit, ihre Diener um der unerheblichsten Dinge willen zu schikanieren, ihnen kein Verdienst anders als gezwungener Weise, und nur wenn es unmöglich ist noch eine Einwendung dagegen aufzubringen, einzugestehen, usf. In allen diesen Betrachtungen verdiente Tifan von den Regenten zum Vorbilde genommen zu werden. Seine unermüdete Aufmerksamkeit; sein aufmunternder Beifall; seine Geneigteit eher einen Fehler als ein Verdienst zu übersehen; seine Klugheit jeden in sein gehöriges Licht zu stellen, jeden zu demjenigen zu gebrauchen, wozu er die meiste Tüchtigkeit hatte; die Gerechtigkeit, womit er sein Vertrauen jedem nach dem Grade des persönlichen Wertes und der wirklichen Verdienste zumass; sein Bemühen das Unangenehme in einem Auftrage durch die Leutseligkeit seines Tons oder durch eine verbindliche Wendung zu versüssen; die achtung, womit er seinen Dienern überhaupt zu begegnen pflegte, und womit er sie desto stärker aufmunterte, selbige zu verdienen, weil er gegen alle Fehler, die aus einem schlimmen Herzen oder aus Mangel an Empfindung für Ehre und Rechtschaffenheit entsprangen, sehr streng war: – alle diese Eigenschaften brachten bei seinen Untergebenen eine beinahe wundertätige wirkung hervor. Niemals ist ein Fürst von bessern Leuten, und muntrer, sorgfältiger, redlicher bedient worden als Tifan. Wer wollte nicht einem so liebenswürdigen Fürsten dienen? sagte man: er besitzt das Geheimnis, die beschwerlichsten Pflichten zum Vergnügen zu machen, und ein einziger blick von ihm belohnt besser als die reichsten Belohnungen eines andern. Kein Wunder also, dass Tifans Regierung ein Muster einer weisen und glücklichen Staatsverwaltung war; dass er so grosse Dinge zu stand brachte; dass Scheschian unter ihm von der untersten Stufe des Elends bis zum Gipfel der Nationalglückseligkeit empor stieg. Kein Wunder, da er die Besten seiner Zeitgenossen zu Gehülfen hatte; da er kein Talent unbenützt, kein Verdienst unbelohnt, aber auch mit eben so vieler Aufmerksamkeit keine Saumseligkeit ungeahndet und keine Bosheit unbestraft liess; da jede wichtigere Stelle mit dem tüchtigsten und redlichsten mann, den er finden konnte, besetzt war; kurz, da alle Kräfte des staates in der schönsten Übereinstimmung einander unterstützten und förderten, um den gemeinschaftlichen Zweck der öffentlichen Wohlfahrt zu bearbeiten."

"Danischmend", sagte der Sultan, "ich bin noch nie besser mit dir zufrieden gewesen als heute. Ich fühle wohl, dass es in gewissem Sinn eine sehr nachteilige Sache ist Sultan zu sein. Aber ich bin doch nicht so sehr Sultan, dass ich mich schämen sollte, noch immer etwas zu lernen. Wenn du mir einen Dienst tun willst, so lass mir die vornehmsten Maximen deines Tifan über die Wahl seiner Diener und sein Betragen gegen sie, mit goldnen Buchstaben in ein schönes Buch zusammen schreiben. Ich gebe dir mein Wort darauf, dass esimmer neben meinem Kopfküssen liegen soll."

11.

Der sinesische Übersetzer bedauert, dass er, alles Nachforschens ungeachtet, das Buch mit den goldnen Buchstaben, welches Danischmend für den Sultan Gebal verfertigen lassen musste, nicht habe zu gesicht bekommen können. Er vermutet, man habe am hof zu Dehly ein Staatsgeheimnis daraus gemacht, oder (welches allerdings noch wahrscheinlicher ist) dass es der goldnen Buchstaben und des prächtigen Bandes wegen in die königliche Kunstkammer gelegt, und durch diese gar zu grosse Hochschätzung der Welt eben so unnütz gemacht worden sei, als wenn man es unter eine von den Pyramiden bei Kairo vergraben hätte. Da wir also ausser stand sind, die vermutliche Neugier unsrer Leser durch Mitteilung eines Buches zu befriedigen, welches (wenn es anders bei der bekannten Ausraubung des mogolischen Schatzes durch Tamas Kuli-Kan nicht nach Ispahan gekommen ist) vielleicht noch immer in irgend einem Winkel der kaiserlichen Schatzkammer zu Agra verborgen liegt: so bleibt uns nichts übrig, als den wohl meinenden Danischmend seine Erzählung von der Regierung des Königs Tifan fortsetzen zu lassen so gut er kann.

"Alle Nachrichten", fuhr er fort, "welche sich aus den blühenden zeiten des scheschianischen Reiches erhalten haben, vereinigen sich, den Zustand desselben unter Tifans Regierung als den glückseligsten, worin sich jemals eine Nation befunden habe, abzuschildern. Alles, was uns die alten Fabeln oder Überlieferungen von dem wonnevollen Leben der ältesten Menschen unter der Regierung der Götter melden, wurde in dieser bewundernswürdigen Regierung wahr gemacht. Die Fremden, welche Scheschian zu Isfandiars Zeit gesehen hatten, und im dreissigsten Jahre der Regierung Tifans wieder dahin kamen, konnten kaum sich selbst bereden, dass dies das nämliche Land und das nämliche Volk sei. Alle Provinzen dieses weit grenzenden Reichs standen in voller Blüte; das Land und die Städte wimmelten von fleissigen, wohl gesitteten und fröhlichen Einwohnern; und unter diesem fast unzählbaren volk herrschte eine Ruhe, eine Sicherheit, eine Eintracht, welche, in Verbindung mit der immer regen Tätigkeit und allgemeinen innerlichen Bewegung, unbegreiflich schien. Das Volk ehrte seine Obern, und liebte seinen eignen Zustand; der Adel schien seiner Vorzüge durch die Tugenden würdig, womit er den Gemeinen vorleuchtete. Kein Richter bog das Recht, kein Finanzeinnehmer stahl, kein Stattalter sog seine Provinz aus.