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den Sälen ein, wo die Kaufleute von den entferntesten Ländern sich bei dem neuerfundenen Getränke versammelten, das als ein unschuldiges Labsal der müden Seele gesucht wurde:22 und daselbst geriet er in einigen Umgang mit einem edlen aus Venedig, der mit dem Gesandten dieses Freistaates seinem Oheim, nach Alkähirah gereiset war; sein Name war Katarin Zeno.

Usongs Wesen war einnehmend, und er reizte die Neugier selbst durch die Entfernung, aus welcher er herkam; ein Einwohner von China, für den man ihn hielt, war für einen Europäer eine nie gesehene Seltenheit.

Usong kam mit dem Zeno auf die abendländischen Staatsverfassungen zu sprechen. kommt denn der edle Zeno nicht aus einem land, wo man die Wissenschaften ehret, und die Würde der Sitten kennt? Aus seinem Betragen sollte man schliessen, es gäbe Völker, denen der Namen der Barbaren mit Unrecht beigelegt wird, sagte der Fürst auf arabisch. Zeno lächelte: wann uns die Morgenländer für ungesittet ansehen, so erwiedern wit ihnen diese Unbilligkeit mit der unsrigen. Einer von uns (Marc Pol,) hat etwas von der Grösse und der Weisheit von Katai uns erzählt, aber insgemein halten sich die Europäer für einzig gesittet. Und gewiss, wann Usong die gesetz, die Ordnung, den Gottesdienst, die Künste, die Kriegszucht zu Venedig wird gesehen haben: so wird er uns eingestehen, wir haben vor dem volk, bei welchem wir beide jetzt leben, dennoch ächte Vorzüge.

Die Vaterstadt des Zeno erweckte Usongs nachfragende Neugier, und er bezahlte seinen neuen Freund mit Nachrichten aus China. Er sah selbst aus den Waaren, die aus den Schiffen dieser freien Stadt nach Alexandria kamen, den blühenden Zustand der Künste. Die Schiffe waren besser gebaut, und wurden geschickter gelenkt, als in China, und an allem Geräte erkannte man Geschmack und Erfindung. Usong entschloss sich leicht, da des Zeno Oheim eben seine Jahre geendigt hatte, mit beiden edlen nach Venedig zu segeln. Er legte sich mit seinem gewöhnlichen Feuer auf die welsche Sprache, und auf die Kenntniss der Buchstaben: eine durch viele Windstillen verlängerte Schiffahrt half ihm, sich in beiden zu üben, und zu Venedig war er bald im stand, seine Gedanken zu erklären.

Diese stolze Stadt stunde damals auf dem höchsten Gipfel des Wohlstandes. Niemals hatte Tyrus eine solche Uebermacht in der Handlung erworben. Unter dem Herzoge Tomas Mocengio besass, kurz vor des Usongs Ankunft, Venedig über drei tausend Schiffe, die mit sechs und dreissig tausend Seeleuten besetzt waren. Sein Reichtum war fast unermesslich. Es verschickte alle Jahre Waaren für den Wert von zehn Millionen Goldmünze in fremde Häfen, und gewann an der blossen Fracht zwo Millionen. Der ganze Handel von Indien ging über Alexandria nach Venedig, und die Venetianer waren die allgemeinen Kaufleute aller abendländischen Völker.

Usong erstaunte in der Tat, als er die hohen Türme von Venedig sich allmählich aus den Wellen erheben sah. Er hatte in China grössere Städte gesehen, aber der blosse Gedanke, mitten ins Meer eine Hauptstadt, die Beherrscherin ganzer Königreiche, zu bauen, war für ihn mehr als menschlich. Er fand mehr Festigkeit in den steinernen Gebäuden, in den Tempeln mehr Pracht, reichere Zeughäuser, und einen Gottesdienst, der mehr Anstand hatte, als der kindische Götzendienst der Bonzen, und mehr Andacht zeigte, als die kalte Verehrung der Voreltern.

Nichts bestürzte aber den jungen Usong mehr, als die Staatsverfassung. Der Begriff eines Freistaates war im despotischen China noch nicht entstanden. Man glaubte viele Götter, aber stellte sich nur einen König als möglich vor. Dass aber Edle mit gleicher Gewalt neben einander herrschen, und der Grösste auch vom Geringsten abhangen könnte, kam dem Usong wie eine Erscheinung aus dem Reiche der Geister, und als eine Nachricht aus einer andern Erdkugel vor. Seine Erstaunung vermehrte sich, da er vernahm, in den Abendländern wären ehmals alle Völker frei gewesen, und durch ihre eigenen, von ihnen selbst gewählten Obrigkeiten, beherrschet worden. Er konnte den Grund nicht einsehen, warum eben in diesen Ländern eine der übrigen Welt unbekannte Art zu herrschen üblich wäre: und begriff nicht, wie unter vielen gleichmächtigen einmütige Befehle und Maasregeln verfasst werden konnten. Er sah zwei Völker; ein herrschendes, das das kleinere war, und ein grösseres, das gehorchte, und niemals zum herrschen gelangte.

So stark sein Vorurteil wider die Regierung der edlen war: so fand er doch in Venedig, dass sie mit dem allgemeinen Wohlsein bestehen konnte: denn das Volk schien reich zu sein, es wohnte in bequemen Häusern, und seine Arbeit war nicht übermässig. Die Künste blühten wie in China, alles was zu der Menschen Nutzen und Vergnügen dienen konnte, wurde hier verfertigt. Die edlen schienen bei ihrer Obermacht bescheiden zu sein, die gesetz galten auch wider sie, und ihr Vorzug verhinderte ihre Bestrafung nicht, wann sie schuldig waren. Er sah die knechtische Unterwerfung nicht mehr, die in China Menschen gegen Menschen bezeigen; die Geissel war nicht, wie dort, der Zepter der gesetz.

Der Fürst der Mongalen fand sehr bald, dass der Kriegsstand besser eingerichtet war, als in dem gepriesenen Reiche der Ming: es herrschete unter den Kriegsleuten mehr Ordnung, mehr Geschicklichkeit, mehr Kriegszucht, und er lernte einen Trieb kennen, der den morgenländischen Kriegsleuten noch fremd war: die Ehre. Er vernahm, dass die Europäer dm gewissesten Tod der Schande vorzögen, und das Fliehen bei vielen Völkern für die grösste der Missetaten angesehen würde.