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zeigte dem Unterkönig den gelben Gürtel, das Wahrzeichen des kaiserlichen Geblütes, das er niemals abgelegt hatte. Er stunde in der Majestät eines beleidigten Kaisersohnes da. Der Sohn der Iwen, der Enkel des Tschengis, darf keine Vergleichung mit dem Ming befürchten. Nun schicke mich zum tod hin, denn deine Verachtung ist bitterer für mich.

Liewang liebte den Jüngling; er erschrack über die gefährliche Erklärung, und wollte keinen übereilten Entschluss fassen. Er liess den von Zorn errötenden Usong in ein Zimmer führen, und ohne Beleidigung sorgfältig verwahren. Am folgenden Tage rief er den Fürsten wieder vor sich, und sagte zu ihm mit dem gesetzten Wesen, das der grösste Vorzug der chinesischen Staatsbedienten ist, und sonst wohl oft die Weisheit selber bei ihnen ersetzen muss; der fremde Jüngling kann im Reiche nicht mehr leben, ihn beschützen wäre eine Untreu, die ich am Sohne des Himmels12 begehen würde. Auch in sein Vaterland zurück zu kehren kann ihm nicht erlaubt werden. Die Iwen sind vom Verhängnisse zum Untergange bestimmt. Wenn aber der Fremdling in einem entfernten land, am äussersten Ende der Welt, sein Leben zuzubringen sich verpflichten wird, so kann vielleicht der Saamen der Weisheit bei ihm zur Reife gelangen, und bei einem andern volk Früchte tragen.

Usong antwortete mit der Grösse eines wahren Tschengiden: Dasjenige Land wird mir am liebsten sein, das am entferntesten vom Trone der Ming ist.

Liewang liess den Jüngling von sich; er schrieb unverzüglich an den Unterkönig von Quangtscheu13 "ein Fremder würde aus wichtigen Ursachen aus dem Reiche verbannet; weil aber derselbe Zeichen der Tugend von sich gegeben hätte, so wäre der Zongtu14 vom Liewang gebeten, diesen Fremdling auf einem nach den entferntesten Abendländern abgehenden Schiffe wegbringen zu lassen: doch möchte er ihm dasjenige mitgeben, was Liewang ihm zu den Notdürftigkeiten des Lebens abfolgen liesse."

Usong sah sich nunmehr gezwungen, die geliebte Liosua ewig zu meiden; jung, wie er war, konnte er sich nicht entalten zu versuchen, den letzten Abschied von ihr zu nehmen. Er und sein Freund Scherin späheten alle Augenblicke aus, in welchen die junge Schöne in den Gärten sich befinden würde, und es gelang dem Usong, eben bei dem Teiche, aus welchem er sie gerettet hatte, unvermutet vor ihre Füsse sich zu werfen. Tochter des himmels,15 sagte er, Usongs Tugend, und nicht seine Abkunft, war deiner nicht würdig. Warum habe ich nicht die Vorzüge eines Schung! Warum kann ich nicht hoffen, der Sohn eines neuen Yu zu werden!16 Er schwieg, und Tränen stiegen das erstemal in seine glühenden Augen.

Die gerührte Liosua erinnerte sich, was die Strenge der Sitten erforderte, sie entfernte sich, und sagte im Gehen: Usong ist ein Fremdling, und kennt unsre Gebräuche nicht, man muss ihm verzeihen. Da sie aber langsam sich ihren Frauen näherte, konnte sie sich der Wehmut nicht erwehren, da sie sich von einem liebenswürdigen Fürsten trennen sollte, der an eben dem Orte, mit der Gefahr seines eigenen Lebens, das ihrige gerettet hatte. Sie sah sich noch einmal nach ihm um, ihre Augen sagten ihm, mit einem sittsamen Schmachten, aufs deutlichste, sie verlöre ihn nicht gern.

Usong verstand die Sprache; das Herz lernt sie von der natur; er sprang auf, und eilte halb entzückt, und halb verzweifelnd ins Gebüsch.

Der Tag kam, da er mit dem getreuen Scherin verreisen musste. Er fand in Quangtscheü Reichtümer an Golde, an seidenen Zeugen, und an allen den Werken der in China so arbeitsamen Künste. Auch der Schuking, und die geheiligten fünf Bücher der alten Weisen, waren unter den Geschenken des Liewangs, und in einem derselben fand er einen Brief von dem Unterkönige.

Nun ich des edlen Usongs Angesicht nicht mehr sehen werde: so ermahne ich ihn, wie ein Vater einen auf ewig sich entfernenden Sohn ermahnet, die Weisheit und die Tugend unverrückt zu lieben. Usong hat Gaben, die ihn zum nützlichen Fürsten machen können: wird er diese Kräfte anwenden, so kann er vom Himmel hoffen, ein Werkzeug der Güte desselben zu werden.

Usong küsste dankbar und wehmütig dieses Vermächtnis eines Guttäters, der seiner Liosua Vater war. Die Schiffahrt ging ohne Hindernisse fort, und der Kaufmann setzte ihn mit seinen Schätzen zu Atschin aus: denn weiter gingen aus dem Reiche keine Schiffe. Der junge Fürst hatte sich in der Einsamkeit des Schiffes einen Grundriss zu seinem künftigen Leben entworfen: er nahm sich vor, Länder zu besuchen, wo er sich ausbilden könnte, Reiche, wo die Weisheit blühete, und wo eine Regierung wäre, die die Untertanen glücklich machte. Er hatte zu Singan, und noch jetzt durch die Bücher der Alten, und durch Liewangs glänzendes Vorbild, sich ganz mit der Begierde angefüllt, sich tüchtig zu machen, am Glücke der Menschen zu arbeiten. Ihm blieb kein andrer Trieb, neben der unschuldigen sehnsucht nach der bescheidenen tugendhaften Liosua.

Atschin stand unter einem kriegerischen und grausamen Könige. Usong hatte in China die Schonung liebgewonnen, mit welcher man, selbst wider die rächenden gesetz, das Leben eines jeden Menschen verteidigt, so lang als er die Gesellschaft seiner Mitbürger nicht unerträglich störet. Hier sah er alle Tage auf einen blossen Befehl des Königes, ohne Verhör, ohne Verantwortung, ohne Ueberführung, und oft ohne Schuld, diejenigen den Elephanten vorwerfen, oder unter dem Säbel sterben, auf die der Unwillen des Herrschers gefallen war. So würde ein Tiger