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und das Glück eines ganzen lange vor ihm ausgedähnten Lebens.

Ismael war feurig, aber tugendhaft: er bückte sich, küsste des Kaisers Hand, ihm blieb die einzige Bitte, abwesend zu sein, wenn er die edle Eudoxia auf ewig verlieren sollte. Vor seinen Augen sie in die arme eines geliebten Mitbuhlers gehen zu sehen, wäre für seine schwache Tugend zu viel.

Die Usbecken hatten nach einer langen Ruhe unter neuen und gierigen Fürsten einen Einfall in Khorassan getan, und Usong liess unter dem Nortimur, einem der wenigen übriggebliebenen Nowianen, ein fliegendes Heer wider sie zu feld gehen. Ismael zog mit den Persern wider die Räuber, seine Erfahrung in Kriegssachen zu vermehren. Nortimur wollte die Usbecken nicht nur zurücktreiben, Persien würde nur eine kurze Ruhe genossen haben. Er nahm sich vor sie zu bestrafen, und für eine lange Zeit abzuschrecken, ihre friedlichen Nachbaren zu reizen.

Sie waren, sobald sie den Anzug der Perser vermerkt, gegen ihre grenzen zurückgewichen. Die Flächen von Khorassan lagen hinter ihnen, und sie hatten sich eines engen Tales zwischen gähen Felsen bemächtigt, das sie gegen ihre land führte.

Nortimur versah sich mit einer Heerde Pferde, dem angenehmsten Raube für die Usbecken. Er lagerte sich in der Fläche, die hieher des vom Feinde besetzten Tales war. Er zog seine Völker nahe zusammen, so dass der Haufen klein schien. Die Pferde liess er zwischen ihm und dem Feinde unter einer schwachen Bedeckung grasen. Die Räuber, deren Begierden nichts, als die Furcht zähmen konnte, glaubten eine leichte Beute zu finden. Sie fielen aus ihrem festen Lager, und bemächtigten sich der Pferde begierig, deren Bedeckung entfloh; Nortimur selbst zog sich um etwas zurück.

Er sah die Usbecken nunmehr beschäfftiget, die flüchtigen Pferde zu haschen; ein jeder von ihnen hatte fast ein Pferd zu schleppen, das seinem unbekannten Meister ungern folgete, als Nortimur das Panier von Persien vorrücken hiess. Die Völker kannten das Wahrzeichen, und brachen mit verhängtem Zügel, und dem hirkanischen Säbel in der Faust, in die zerstreuten Usbecken. Sie fanden wenig Widerstand bei den mit ihrer Beute bemühten Feinden; die Räuber flohen nach der Enge, wodurch sie sich zurückbegeben mussten. Da sie aber fast nur einzeln durchkommen konnten, so wurden die meisten von den Persern der Rache aufgeopfert, die sie oft gereizt hatten, und wenige konnten entkommen.

Der Feldherr rückte ihnen nach, und besetzte ihre besten Städte; denn nichts ist feiger, als geschlagene Räuber. Seine Absicht war nicht, Persiens grenzen auszudähnen, aber er gewährete den bestürzten Feinden nicht eher den Frieden, bis sie ihm eine Anzahl ihrer Mursen zu Geiseln gegeben hatten, die sie alle drei Jahre gegen eine gleiche Zahl verwechseln sollten. Die Geisel wurden in die festen Plätze von Khorossan verteilt, und genossen, ausser der Freiheit, sonst alle Mildigkeit von Seiten der Perser. Usong wollte versuchen, ihre Herzen zu gewinnen, und es gelang ihm bei vielen.

Dieweil Persiens Ehre vom Nortimur behauptet wurde, und Ismael den beschäftigten Eifer eines herzhaften Jünglings mit dem Ruhme sättigte, den er durch seine Tapferkeit und Kriegswissenschaft erwarb, wurde die schöne Eudoxia getraut, und verliess Schiras. Ihr Haus setzte sich zu Venedig, und ihre Töchter18 vermälten sich nachwärts in die edelsten Geschlechter der Republik. Usong beschenkte die Schwester seiner gemahlin mit einer Freigebigkeit, die seiner würdig war: und als Ismael frohlockend zurück kam, waren alle Vorwürfe seiner leidenschaft entfernet.

Usongs vornehmstes Geschäffte war nunmehr der Unterricht, den er für seinen Tronfolger selbst aufsetzte, und davon er eine Abschrift bei jeder der vier Abteilungen der Staatsverfassung niederlegte, auf dass das Reich wissen möchte, was Usongs Staatsregeln wären, und auf dass Ismael erwarten müsste, man würde seine Regierung gegen die Räte seines grossen Ahnherrn halten, und so von ihm urteilen, wie er diese Räte befolgen würde. Ich habe kein geheimnis, sagte der edle Usong: möchte doch jeder Perser in mein Herz schauen, und die Triebe einsehen, die es lenken! Die vornehmste Urkunde hatte er sich vorgenommen, dem Ismael bei einer Feierlichkeit zu übergeben, die in seinen Gedanken schon festgesetzt war: sie war von Usongs eigener Hand geschrieben, und sie entielt wesentlich, was man in diesem Auszuge lieset.

Usongs, Kaisers der Perser

Letzte Räte

Schach Sade' Ismael.

Usong gibt seinem geliebten Enkel die Räte, die er selbst heilsam gefunden hat. Er hat lang gelebt und lang geherrscht, und allemal gefunden, dass die Tugend Weisheit ist.

Fürchte nichts so sehr, mein Sohn, als deine eigene Macht: sie ist unumschränkt, Persien hat mich mit völligem Vertrauen über sich gesetzt, ohne mir Bedinge vorzuschreiben. Diese grosse Macht ist nur alsdann ein Gut, wann die Weisheit sie lenkt; sie wird zu deines Volkes Unglücke, sobald dein Wille der Beweggrund deiner Taten sein wird. Schränke dich selbst ein, teile deine Macht mit den Gesetzen mit den Feierlichkeiten, mit der Staatsverfassung, behalte nur so viel, als das allgemeine Beste zu bewirken erfodert wird. Beleuchte eine jede Foderung deines Willens, eine jede aufsteigende Begierde, ehe sie zur Tat wird: verwirf sie, sobald du sie nicht deinem volk bekennen darfst, sie ist deine Feindinn.

Gedenk, dass wir dasjenige lieben, wodurch wir glücklich werden. Wann die Perser unter deiner herrschaft in Ruhe und Freiheit leben, wann kein äusserer Feind sie beunruhigt, wann die Frucht ihres Schweises ihr Eigentum ist, wann sie die Gerechtigkeit in den Gerichtshöfen finden