Enkel ihrer Helden vom Trone weg8, und erniedrigten sie in den Stand geschorner Derwische: und schlimme Staatsverweser haben andere Reiche von ihren Schätzen entblösst, ihr wahres Wohl verabsäumt, und das Schiff des Staates, woran sie das Steuer führten, gerade an die Klippen geleitet.
So lang Usong Kräfte fühlt, für sein Volk zu arbeiten, so lang wird diese Arbeit seine Wollust sein. Das hat die Tugend vor der Wollust bevor, dass beide durch die Gewohnheit zur natur werden: dass aber die Tugend den Menschen erhebt, und die Wollust ihn erniedrigt; dass bei jener das Vergnügen durch die Gewohnheit zunimmt, und bei dieser die Empfindung täglich schwächer, und endlich zum Eckel wird. Usong ist dabei nicht zu bedauren: er geniesst, was ihn einzig vergnügen kann, den täglichen Anblick des Wohlstandes seiner Perser. Welche Georgische Schöne kann den Reitz haben, den ich bei einer Stadt finde, die aus ihrem Schutte steigt, oder bei einem neuen dorf geniesse, dessen Einwohner wohlgekleidet, freudig ihren Pflug mit starken Ochsen treiben, und am Abende unterm Schatten eines Tschinars ihrer Kinder Vergnügen, und die Aufnahme ihrer Felder überdenken.
Meine späten Nachfolger kann ich nicht kennen, meine Verpflichtung geht nicht so weit, ihre Fehler sich nicht die meinigen. Davon ist aber Usong überzeugt, dass unter einem Fürsten keine Völker glücklich sein können, der nicht selbst arbeitet, nicht selbst für sie sorget. Alles, was ich tun kann, ist, meinen nächsten Nachfolger so zu bilden, dass ich hoffen könne, er werde ein Kaiser, und nicht die Larve eines Kaisers sein, durch die ein andrer sprechen und befehlen müsse. Die gute Auferziehung des Tronerben ist das einzige Mittel, das einen herrschenden Stamm auf dem Trone befestigen, und den Wohlstand des Reiches verewigen kan.
Usong sprach mit einem Feuer, das in alle Gemüter drang, und eine dauerhafte Verehrung seiner Tugend bei den erlauchten Fremden bewirkte. Dennoch brachte der Gesandte von Venedig seine Zweifel an. Er war ein Sohn der Freiheit, der die Härte der Regierung, und die despotische Gewalt verabscheute: ihm war unbegreiflich, wie eine herrschaft gerecht geführt werden könnte, wo ein einziger Wille für alle zum gesetz würde. Verzeih, erhabner Freund der Tugend, sagte er, wenn ein in entfernten Ländern gebohrner mit befremdeten Augen die morgenländischen Staatsverfassungen ansieht. Gewähre mir die Gnade, die Zweifel aufzulösen, die in meinem Herzen wider die Regierung eines einzigen, vielleicht durch blosse Vorurteile erzeuget, geherrschet haben. Wenn jemals die unumschränkte Gewalt einen sieghaften Verteidiger finden kann, so wird es Usong sein, der diese Gewalt so offenbar zum Besten der Welt anwendet.
Aber wie manchen Usong wird die geschichte unter den unumschränkten Herrschern der Morgenländer finden? Mir kommt die Regierung eines einzigen wie eine gesetzliche Tyrannei vor, die ihre grausamen Wirkungen unfehlbar ausübt, wenn nicht ein Wunder der Welt auf dem Trone sitzt. Ich habe mir Haruns Alraschids, ich habe mir Timurs, und so vieler andern morgenländischen Helden geschichte bekannt gemacht: sie waren grosse Fürsten, herzhaft, edelmütig, öfters auch gerecht: sie beschützten die Wissenschaften, und hatten überhaupt einen Gefallen an der Tugend, und an den Gemütsgaben ihrer Untertanen. Aber diese guten Eigenschaften erfüllen noch nicht die Pflichten eines Beherrschers, sie versichern das Leben und das Glück der Völker nicht. Wie grausam hat nicht Harun aus einer niederträchtigen Eifersucht den edlen Giafar, und das würdigste Geschlecht unter den Arabern, die Barmekiden, unterdrückt? Würde ein solches Unrecht möglich gewesen sein, wenn sein Rat über das Blut des unschuldigen Giafars gerichtet hätte, der bloss die Rechte der natur einem unsinnigen Verbote vorgezogen hatte9? Wie oft hat Timur ganze Völker ausgerottet, wie oft hat er den ihre Schlüssel bringenden Städten Gnade versprochen, und dennoch dem Schwerdte den Lauf gelassen: Wie manche Kriege hat bloss der Ehrgeitz bei den gesetzfreien Fürsten erweckt? Wie haben die Osmannen halb Asien verwüstet, und Europa mit den rauchenden Spuren der Verheerung angefüllt, bloss weil ein Sultan nach dem Namen eines Gazi10, und nach dem Rechte einer Dschiami11 lüstern war?
In freien Staaten werden alle Entschlüsse von vielen genommen. Es ist nicht leicht möglich, dass ein ungerechter Entschluss von vielen ungleich denkenden, von vielen mit einander eifernden Männern angenommen werde, dabei nicht mancher, oder dabei gar keiner, seinen eigenen Vorteil siehet. Der heimliche Stolz, der auch in tugendhaften Herzen keimt, waffnet die Beredsamkeit derjenigen, die den Verfechter eines ungerechten Anschlages nicht lieben; es wird schwerlich geschehen können, dass er zugleich dem Hasse seiner Gegner, und der Wahrheit zu widerstehen vermöge, die der Beweggrund des uneingenommenen ist.
Aber bei einem unumschränkten Herrscher ist der Zorn eines Augenblickes ein Todesurteil, eine aufwallende leidenschaft zerstöret eine Stadt, und der Grimm über ein hartes Wort wird zur Kriegeserklärung. Der Strahl fällt augenblicklich nach dem Blitze, und die Reu kommt nach dem Unglücke.
Ich sehe, dass Usong nach den Gewohnheiten Persiens unumschränkt herrscht, dass er auch eine eigentümliche herrschaft besitzt, die ihren Sitz in den Herzen der Völker hat. Wie hat aber seine Tugend das Mittel gefunden, dass unter einer keinen Gesetzen unterworfenen Macht niemand leidet, niemand klaget, und so viel tausend Münde sich alle zu seinem Lobe vereinigen?
Eine aus vielen weisen Männern bestehende Regierung kann nicht auf einmal verfallen. Der Tod des einen würdigen lässt sich verschmerzen, wo so viele andere übrig sind. Zeno starb, aber Venedig blieb blühend. Unter Monarchen hängt das Glück des Reiches am Atem