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und sah auch gern, wenn die Gäste ihm den Anlass gaben, über die wichtigsten Angelegenheiten der Regierung sich zu erklären.

Der Patan fing an: Herr der Zeiten4, sagte er, wie ich bei der Pforte deiner Burg anlangte, so fragte ich nach deinem Wasir, dem wollte ich die Briefe von dem Wasir meines Herrn, und die Geschenke übergeben, die der hohen Stelle angemessen waren, auf welcher Persiens Polstern erhoben ist5. Man kennt hier keinen Wasir, war die Antwort. Ich glaubte, vielleicht hat Persien seine Kolas, oder seine Häupter in einer jeden Abteilung der verschiedenen Geschäfte des Reiches. Ich fragte nach dem haupt des Kriegswesens: es fand sich keines, und eben so ging es mit den Kammersachen, der Gerechtigkeit, und der inneren Ordnung.

Gott hat dem weisen Usong seines Ahnherrn, des gefürchteten Tschengis, Geist gegeben, er übersieht, wie die Sonne, sein ganzes ausgebreitetes Reich auf einmal. Ist aber Usong, wie die Sonne, unermüdlich? Sie glänzt heute über dem haupt des Kaisers eben so lebhaft, als sie über dem Oguz glänzete. Kann aber ein Sterblicher sich schmeicheln, unermessliche Lasten zu tragen, und niemals zu ermüden? Das Wesen, das den Usong von allen Sterblichen mit so grossen Eigenschaften unterschieden hat, lässt ihn dennoch in der Reihe der Sterblichen, deren Oberster er ist! Möchte es deine Tage verlängern, wie die Tage der ersten Kaiser, wie die Tage des Cajumaras6! Aber Usong muss alt werden, er wird einen Nachfolger haben. Werden die Kräfte des ehrwürdigen Greises die Last tragen können, welcher der jüngere Usong gewachsen war? Werden deine Nachfolger eben die Riesenschultern der Bürde, des Staates unterziehen, mit denen Usong Persiens Wohlfart stützet? Verzeihe, Weisester der Herrscher, wenn der Diener deines Freundes einen Zweifel äussert, der eine wirkung der aufrichtigsten Teilnehmung an deinem Wohlstand ist. Könnte Usong nicht, wie andere Herren, hülfe in treuen Dienern finden, er, der scharfsichtig, sie wohl zu wählen, und aufmerksam wäre, sie ihren Pflichten getreu zu erhalten?

Usong sagte mit der Freundlichkeit, die bei ihm nach dem tod der geliebten Liosua die Stelle seines fröhlichen Lächelns vertretten musste: Ich erkenne es als eine Glückseligkeit, dass auch weise Freunde mich lieben: es wolle der Khan meine Antwort hören.

Einen Wasir Azem7 wurde ich nimmermehr annehmen, so eingeschränkt meine Kräfte sind. Ich will von meinem volk geliebet sein: ich will, dass es glücklich sei. Ist der Wasir ein würdiger Verweser des Staates, so bleibt der Dank des Volkes bei ihm stehen, so wie die Wohltaten von ihm kommen. Der Wasir wacht über den Gesetzen, er erhält die Ordnung, seine sind die Siege, sein die Erhörung der Bittschriften, sein die Gerechtigkeit. Ein solcher Wasir wäre eine Wolke zwischen mir und meinem volk. Die Perser sähen an ihm den Glanz, ich bliebe ungesehen und verborgen. Mein Ehrgeitz ist, gutes zu tun, ich muss also selbst sehen, selbst befehlen.

Hat der Wasir Fehler, ist er unfähig, ist er habgierig, beredet ihn sein Ehrgeitz Eroberungen zu machen, lässt er sich von seinen Günstlingen einnehmen, drückt er die allzuschimmernden Verdienste anderer Diener des Reiches: hat das Volk Ursache zu gerechten Klagen, so trift den Usong die Schuld, den unweisen Usong, der übel gewählt hat, den trägen Usong, der auf dem Trone sitzen will, aber die Pflichten des Zepters zu schwer findet. Usong ist unglücklich, sein Volk liebt ihn nicht mehr. Aber er ist noch viel elender, denn sein Volk ist unglücklich. Und wenn er schon erwacht, wenn er den Wasir stürzt, der das Volk zu murren gezwungen hat, so ist vieles Gutes verabsäumt, das ohne den Untüchtigen hätte geschehen können, viel Böses geschehen, das ein minder mächtiger Diener nicht würde gewagt haben, das nicht geschehen wäre, wenn Usong selbst die Geschäffte gekannt und geleitet hätte. Und wo ist die Sicherheit, dass ein zweiter Wasir ohne Fehler sein werde?

Ein Fürst hat keine Ursache geitzig zu sein, er sinkt unter dem Ueberflusse. Er soll nicht eifersüchtig über gute Diener sein, von ihnen kann er nicht verdrungen werden, er hat sie nicht zu befürchten. Ein jedes Verdienst im Reiche macht den Herrscher grösser, weil es das Reich glücklicher macht. Kein fleissiger Landmann ergräbt eine neue Quelle, die mich nicht bereichere: kein Pflug entsteht, dessen Arbeit ich nicht geniesse: kein Zweig der Handlung erweitert sich, ohne den Glanz meines Trones zu vermehren. Usong leidet hingegen von allen Fehlern seiner Bedienten. Er ist also innigst durch sein eigenes Glück verbunden, alle Guten zu lieben, alle Bösen zu entfernen, alle Teile des öffentlichen Wohlseins zu vermehren, alle Arten von Ungemach vom Reiche abzuwenden: denn die Ruhe seines Gemütes, und die Liebe der Perser ist sein teurestes Eigentum. Wird ein anderer besser für den Usong sorgen, als Usong für sich selber?

Ich will die geschichte nicht anführen, worinn ich doch die Folgen erwiesen finde, die der Fürsten Fehler oder Tugenden haben. In den Abendländern dulden die Völker auch böse Fürsten viel ruhiger, und sie leiden sie als Strafen des Höchsten, wie die Blitze, und den Hagel, den Gott als Zeichen seines Zornes auf schuldige Länder ausschickt. Und doch selbst in den Abendländern habe ich gefunden, dass die Tugenden und die Laster der grossen Staatsdiener die Tronen umgestürzt haben. drei mächtige Wasire drungen bei den Franken die