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, und er lernte mit Zittern den Namen des Richters der Welt verehren, vor dem die Kaiser Menschen sind. Die Kaiserstochter arbeitete unermüdet, dem Gifte der Schmeichler vorzukommen, und den Erben von Persien zu überzeugen, dass der Tron nur darin seinem Besitzer eine wahre Grösse gebe, weil er auf demselben mehr Gutes tun könne. Gott, sagte sie, erwartet aber auch von demjenigen am meisten, dem er seine Macht anvertrauet hat. Wehe dem, der in der Beilage ungetreu ist, für die er ewig antworten soll?

Sie lehrte ihn die Anfänger der kaiserlichen Häuser kennen, den Cyrus, den Ardeschir2, den Yao, den Wuwang, den Oguz. In der Tugend dieser Helden, in ihrem unermüdeten Eifer für das Wohlsein ihrer Völker lag die Wurzel ihrer Grösse, und ihres ewigen Ruhmes. Auf eben die Weise zeigte sie ihm die Fürsten, unter denen die grössten Reiche zu grund gegangen waren, den Sardanpul, den Balschazzar, den Tscheü, die letzten Abassischen Kalifen. Die Wollust, sagte sie, erniedrigt das Herz, und beugt es in die Zunft der Tiere. Ein Fürst, der sich ihr übergiebt, verliert das Zutrauen der Völker, und er verfällt in die heimliche Verachtung der Schmeichler selber, die ihn beherrschen: unter seinem Sohne sinkt der wankende Tron ein, den seines Vaters Untugend erschüttert hat.

Sieh deinen Ahnherrn, sagte die edle Nuschirwani mit Entzücken, sieh ihn, einen kleinen Fürsten der Mongalen, einen Gefangenen, einen Sclaven, sich durch seine Tugend auf den Tron von Persien schwingen. Dieser Tugend ist mein Ismael die Erwartung des schönsten Trones der Welt schuldig. Usong ist durch sie für sich selbst glücklich geworden, und seine Enkel geniessen den Lohn seiner Verdienste. Und was kostet ihn dieser Tron? Nichts als die willige Befolgung seiner Pflichten, wobei er mehr Vergnügen fand, als die elenden Kalifen bei ihren Buhlschaften, unter dem eisernen Stabe ihrer Veziere, unter dem drohenden Säbel ihrer eigenen Leibwache, und unter der täglich sich erneuernden Furcht, noch vor dem folgenden Morgen vom Trone in einen umgitterten Turm gestossen zu werden. Usong wird von der Liebe seiner Untertanen wie mit flammenden Schwerdtern bewacht: sein Herz gibt ihm das einzig überzeugende zeugnis seiner inneren Würde: es fühlt keine Triebe, die es vor der Tugend zu verbergen wünschte: sein Feuer wird für die Welt lauter Licht und fruchtbare Wärme. Die ganze Erde wiederholt das zeugnis seines Herzens, und von dem mund hundert Völker umschallt den Usong der Ruhm seiner grossen Eigenschaften.

Das Herz brannte dem edlen Knaben: soll ich ein Enkel Usongs, und nicht tugendhaft sein, nicht den Ruhm der Welt verdienen, nicht dem obersten Wesen gefallen, ein unwürdiger Mensch, er Verworfner vor Gott, der Welt und den Nachkommen sein?

Der Krieg wider die Osmannen wurde zwar durch keinen Frieden geendigt, aber ohne Hitze geführt. Machmud hielt seine Eroberungen besetzt, ohne Persien anzugreifen, und hatte eine Wüste zwischen ihm und dem Usong gemacht, die keiner von beiden mit einem Heere durchziehen konnte, ohne sich dem Untergange bloszusetzen. Usong hatte nach Pir Hamets tod keine Ursache mehr, Karamanien in Besitz zu nehmen, er kannte die Schwierigkeiten des Krieges, und die Schatten der unersetzlichen Freunde schwebten beständig vor seinen Augen, die bei Arzendgan gefallen waren. Doch tat er einen Feldzug wider einige georgische Fürsten, die den Löwen gereitzt hatten, den sie für tod hielten. Aber Usong bewies ihnen sehr bald, dass Persien nichts von seiner Macht verloren hatte, und zwang die Fürsten Gorgora und Pancraz, jährlich ein vorgeschriebenes Gewicht Gold zum Zeichen ihrer Unterwerfung ihm zu bringen3.

Der Hof zu Tabris vergrösserte sich durch die Ankunft einer zahlreichen Botschaft vom mächtigen Könige der Patanen. Sie brachte ansehnliche Geschenke, Elephanten und andere seltene Tiere, die Usong mit Vergnügen sah. Der Patan hatte bei dieser Botschaft keine andere Absicht, als die Begierde, einen Herrscher näher zu kennen, von dem das Gerücht so viel erhabenes ausbreitete.

Eine andere Botschaft kam im Namen verschiedener Stämme der Mongalen. Sie brachten die Zeitung vom Absterben des Timurtaschs, und vereinigten sich, die herrschaft ihrer Horden seinem erhabenen Sohne anzubieten, dessen grosse Taten bis zu ihnen, in die Wüsten der östlichen Tartarei, durchgedrungen waren.

Usong erklärte sich gegen die Untertanen seines Vaters nach einigem Bedenken: Euer Glück, sagte er, edle Brüder, erfordert einen gegenwärtigen Fürsten: mich hat das Schicksal auf den Tron von Persien abgerufen. Euer Zutrauen rühret mich, ich werde ihm entsprechen. Tarkemisch, aus dem Blute des Tschengis, ist der getreue Gefährte meiner Gefahren gewesen, er ist bei Arzendgan verschont worden, da so viele Helden von eurem Blute fielen. Ihn schlag ich euch zum Khane vor. Er hat Tugenden, die euer Eigentum sein werden. Usong müsste euch durch andere raten. Tarkemisch wurde auf einen Schild erhoben, den die edlen unter den Mongalen mit ihren Köpfen stützten, und reisete mit ihnen ab. Er schwur dem grossmütigen Usong eine ewige Dankbarkeit zu, und der Kaiser erinnerte sich des Versprechens, das Liewang von ihm gefodert hatte, niemals der Nachbar von China zu werden.

Die Botschafter hielten sich eine lange Zeit zu Tabris auf. Usong liess sie zu den freundschaftlichen Abendmahlzeiten bitten, die er wechselsweise seinen Vertrauten, und denjenigen gab, deren Verdienste er auszeichnen wollte. Ein Freund des Kaisers zu sein, war der Preiss erhabener Eigenschaften, und das Ziel der tugendhaften Ehrbegierde. Der Kaiser war in dieser auserlesenen Gesellschaft freimütig,