hielt es nicht der Klugheit gemäss, einen sieghaften Feind zu verfolgen, der die Kräfte nicht verlohren hatte, wodurch er den Persern war überlegen gewesen. Der Kaiser hatte immer eingesehen, dass ohne Fussvolk eine standhafte Säule von Jenjitscheri nicht zu bezwingen war, und nunmehr hatte die Erfahrung das ahnden seiner Weisheit bestätiget. Er erhielt zwar die späte hülfe von Venedig, aber sie ersetzte den Mangel an Völkern nicht, die im Gebrauche der Feuergewehre geübt wären.
Eine schaudrichte Stille herrschte in den Zusammenkünften, und auch im kaiserlichen haus. In jenen durfte niemand sich nach dem Schicksale der Kriegsbedienten erkundigen, weil er selbst eine leidige Zeitung zu vernehmen, oder andere in Betrübniss zu setzen befürchten musste. Ganz Persien war in Trauer, und kein angesehenes Haus war, das nicht einen würdigen Abkömmling verloren hatte.
Nuschirwani hatte gesagt, nun darf ich weinen, und hatte sich eingeschlossen, ihr Unglück zu betrauern. In den Jahren, wo sie hoffen sollte, das Vergnügen einer glücklichen Ehe lange zu geniessen, verlor sie einen liebenden Gemahl, den sie mit allem dem Feuer liebte, das in ihrem Gemüte herrschete. Sie sah des Kaisers Munterkeit abnehmen, seit dem tod der holdseligen Liosua hatte ihn niemand fröhlich gesehen. Ihre ganze Zärtlichkeit vereinigte sich auf den jungen Ismael, dessen Auferziehung sie selbst übernahm, ob sie wohl dabei die weisesten und tugendhaftesten Perser sich helfen liess.
Sie verliess den alles versprechenden Knaben fast niemals. Sie hatte von der Kindheit an ihn lallend angenommen, und selber unterwiesen. Die ersten Gründe der Weisheit hatte sie ihm aus den Fabeln beigebracht, die Locman oder Saadi hinterlassen, oder sie selbst erfunden hatte. So wie er anwuchs, wurden die Fabeln zu Erzählungen, in denen er allemal die Tugend loben und belohnen, allemal das Laster schelten und bestrafen hörte.
Die Erbfürstin machte einen nützlichen Gebrauch von der Kunst der Mahler1: sie wusste, dass sinnliche Bilder die Kinder mehr aufwecken, und unendlich mehr anziehen, als abgezogene Begriffe. Sie fand Mittel, fast die ganze Sittenlehre in Gemählde einzukleiden, die eine Erzählung erklärte. Der künftige Held gewann an dieser Art ihn zu unterrichten einen solchen Geschmack, dass man ihn nicht ersättigen konnte. Bald stellte ein Gemählde einen Sultan vor, der in ein ödes Zimmer trat, wo nichts als ein Schäferkleid und ein Hirtenstab war: der Sultan sah erzürnt die ihm nachfolgenden Höflinge an. Nuschirwani erklärte das Bild durch die bekannte geschichte des persischen Staatsdieners aus Kerman. Sie liess dann den Fürsten selber seine Schlüsse aus der geschichte ziehen, und half ihm zur Anwendung. Ismael siehet, sagte sie, dass ein Fürst den Verleumdungen der Neider unterworfen ist, und dass er sich hüten soll, als wahr anzunehmen, was nicht erwiesen ist. Denn der getreue Diener liess sich nicht bewegen, zum zweitenmale seines Herrn Wankelmütigkeit sich bloszustellen, und der König verlor die Stütze seines Reiches. Mehemet Ali Bei war der treueste Diener, und seine Tugend konnte ihn nicht vor dem Neide schützen. Der König sollte sich aber erinnert haben, dass es eine blosse Sage war, das verschlossene Zimmer verheele grosse Schätze. Hätte er die Pflicht eines weisen Fürsten beobachtet, so hätte er aus den Rechnungen des Ali Bei's selber wissen können, ob dieser Wasir untreu wäre.
Auf einem andern Blatte sah man in einer Entfernung Byzanz in seiner Herrlichkeit liegen, und Timur, dessen Bildung kenntlich, und auch dem jungen Erbfürsten bekannt war, die Augen von der prächtigen Aussicht abwenden. Was sagte Timur, der Schrecken der Welt? Er wurde von dem griechischen Kaiser gebeten, seinen Hof zu besuchen; denn Timur hatte ihn vom Bajazid errettet, dem Ahnherrn Machmuds. Aber Timur antwortete: die Stadt ist zu schön, ich möchte versucht werden, sie behalten zu wollen. Er zog ab, und nahm kein Dorf für den Lohn seiner hülfe an, die doch vielen tausenden mutigen Tartaren das Leben gekostet hatte.
Auf diese Weise füllte sich Ismaels Gemüt mit den glänzenden Bildern der Tugend, bis dass sie ihm zur natur wurde. Auch in Bildern lernte er die verschiedenen Geschöpfe, womit die Welt ausgezieret ist, die Reiche, in welche die Menschen die Erde geteilt haben, die einem jeden land eigenen Reichtümer, und die Ordnung der Himmel. Oefters schlug ihm die Kaiserstochter zur Strafe ab, ihm eine geschichte zu erklären, und lernen war seine Belohnung.
Andere auserwählte Männer unterrichteten ihn in den Leibesübungen, die einem Fürsten zur Zierde dienen. Aber man sorgte aufs genaueste, dass unter seinen Meistern kein untugendhafter sich einschleichen konnte, und dass kein Wort gesprochen wurde, das in der reinen Seele des Knaben einen Flecken gelassen hätte.
So wie er älter wurde, lehrte man ihn sein künftiges Volk, und eine jede Landschaft von Persien kennen, und ihre wichtigsten Städte, und die Früchte der natur und der Kunst unterscheiden. Nuschirwani brachte bei einer jeden gelesenen Stelle eine edle geschichte an. Hier wurde die schöne Pantea gefangen, und ihrem Gemahle wieder unberührt zugeschickt: und dieser Gemahl setzte hernach das Leben für den entaltsamen Cyrus zu. Das gewinnt man, sagte Nuschirwani, mit der Tugend, sie erwirbt uns die Zuneigung der Völker, und ist der einzige Preiss, um welchen man die unschätzbare Treu wahrer Freunde erkaufen kann.
Nunmehr war Ismael reif von Gott zu hören. Nuschirwani brachte ihm die unumschränkten Begriffe bei, die doch nur einen teil der Grösse von Gott ausdrücken. Sein Sinn wurde mit lebhafter Liebe gegen den Guttäter der Menschen belebet