Liosua war, seitdem sie nach Persien gekommen war, immer etwas schwächlich gewesen. Selbst zu Schiras war ihr die Luft zu rauh und zu bergicht. Schwere Entbindungen, und den Verlust ihres Vaters, und ihrer Söhne, hatten die zärtliche Verfassung ihrer Glieder noch tiefer angegriffen. Sie fühlte sich abnehmen, ohne eigentlich krank zu sein: und sie sah den Tod als unvermeidlich an. Da sie die Liebe ihres Gemahls kannte, und die Beunruhigung seines rechtschaffenen Gemütes für das Grösste aller Uebel ansah, so verbarg sie, was sie fühlte, und ermunterte sich in seiner Gegenwart mit einer solchen Aufmerksamkeit, dass der Kaiser zwar seine Gemahlin abfallen sah, aber es bald zufälligen Ursachen zuschrieb, und bald mit einer Besserung sich schmeichelte, die niemals erfolgen konnte.
Sie lag ihm nunmehr selbst an, die wichtige Provinz Khorossan zu besuchen, die ganz auf den nordöstlichen grenzen lag, und die unruhigen Usbecken zu Nachbarn hatte, von deren Streifereien sie niemals viele Jahre frei blieb. In eben die Zeit sollte die Niederkunft der Nuschirwani einfallen, und auch dieser ihrer Tochter wollte Liosua das traurige Schauspiel ihres Todes ersparen. Sie liess sich nach Fagrabad in einen Lustgarten bringen, wo sie sich erholen würde, wie sie versicherte, und die zum Reisen allzuweit schon gekommene Erbfürstin blieb zu Schiras.
Der Kaiser kam nach Khorossan, er besah die grosse und fruchtbare Provinz, er bedauerte die weit ausgedehnten Sandflächen. Er besuchte zu Meschet das Grab des Imam Reza, eines der vornehmsten Aliden, und sah eine grosse Handelsstadt, fähig die Vermittlerin zwischen den Schätzen von Bockhara und von Indien, und den Früchten des Fleisses der Perser zu werden. Er kam nach Nisabur, in dessen Nähe die Türkisberge sind, und das wegen seiner Tapeten berühmte Herat. Verschiedene Usbeckische Fürsten besuchten ihn: er empfieng sie mit allen Zeichen der Freundschaft, und kannte dabei die Unbeständigkeit dieses Volkes viel zu wohl, als dass er einiges Vertrauen auf sie hätte setzen sollen. Der Kaiser hatte Marschirhar wohl befestigt, etliche unersteigliche Schlösser erbaut, und Waffenplätze angelegt, wo ein beständiges Heer stehen sollte. Er war schon auf dem Rückwege nach Schiras, als er die erschrecklichste aller Zeitungen empfieng.
Liosua, ihrer Auflösung gewiss, behielt bei einem schmachtenden leib die heitere Stille ihres gesetzten Gemütes. Sie liess ihre Zimmer mit frischen Blumen auszieren, und wählte Kleider von hellern Farben. Alle Abende liess sie einige von ihren Frauen in ihrem Schlafzimmer singen, und in verschiedener Musik in ihrer Gegenwart sich üben. Ihre Absicht war, vor dem ganzen hof den drohenden Zustand ihrer Gesundheit zu verbergen.
Sie brachte einen Tag mit Schreiben zu, und versiegelte die Briefe. Die Nacht darauf war sie so schwach, dass sie ihr Lager nicht mehr verlassen konnte. Sie behielt nur die vertrautesten unter ihren Frauen bei sich. Sieh nun, schöne Sulime', wozu die Tugend nützt, sieh mich ruhig von dem Trone, und von meinem Gemahle mich trennen, der mir teurer als alle Tronen ist.
Du hast mir den Weg zum Leben und zum tod gezeigt, weiser Liewang, ich fühle den Wert deiner Lehre. Empfange, o Tien, deine Tochter, die du mit Gnaden überschüttet hast. Beschütze die Nuschirwani, belohne das Gute, das du in meinen Usong selbst geleget hast. Sie sprach und starb im Lächeln. Das letzte Bild, das ihre Einbildung füllte, war Usong, so wie er der erste Gegenstand ihrer Liebe gewesen war.
Und nun war der grosse Unfall nicht mehr zu verbergen. Ein Läufer eilte dem Kaiser entgegen, und brachte ihm das kurze Schreiben, das die letzten Worte der holdseligen Liosua in sich hielt.
Wenn Usong dieses Siegel erbrechen wird, so wird Liosua nicht mehr auf Erden sein. O erinnere dich, Grösster der Sterblichen, des Guten, das du vom Tien empfangen hast. Zürne nicht über meinen Hinscheid. Die Erde ist die Schaubühne, worauf der oberste Herrscher die Menschen Proben vom Gebrauche seiner Gaben ablegen lässt. Niemals ist Usong minder gross am Willen, als an den erhabenen Eigenschaften gewesen, die ihm der Tien geschenket hat. Sei ferner, Teurester meiner Seele, auch in dieser schweren Tugend das Beispiel der Sterblichen. Ertrage mit Gelassenheit die Leitung eines niemals irrenden Verfugers. Schenke deiner Liosua eine getreue Zähre, und erscheine wiederum den unzählbaren deines Volkes zum Troste, mit der wahren Munterkeit eines sein Volk einzig liebenden Beherrschers. Die Tränen von den Augen der Bedrückten abwischen, ist der würdigste Trost eines Usongs.
Usongs geübtes Herz widerstund dem unvorgesehenen Schlage nicht; er verschloss sich in sein Gezelt; er verbot jemanden vorzulassen, und blieb einen langen Tag und eine schreckliche Nacht in der Betrachtung seines Verlustes stumm. Er fühlte den Wert, den unersetzlichen Wert des Schatzes, den er verlohr, mit aller der Empfindlichkeit des zärtesten Gemüts: er sah in seinem Leben eine Wüste vor sich, wo nichts als Arbeit, ohne Belohnung, für ihn blieb, wo nach seinen bemühten Tagen er traurige und einsame Abende, zu erwarten hatte, und wo er die einzige Freundin missete, welcher er alles vertrauen konnte, und die unerschöpflich an Mitteln war, jede sorge ihm zu versüssen.
Dschuneid, der den Kaiser begleitet hatte, fand in den ersten Tagen keinen Zutritt zu seinem Herzen. Usong sprach nicht, weinte nicht, und brütete mit gefälligkeit seinen ewigen Kummer. Nuschirwani wäre vielleicht die einzige Trösterin gewesen, die der liebende Vater angehört hätte: sie war aber entfernt, und man musste