1771_Haller_032_14.txt

einander bald, da sie beide einander suchten. Usong erhielt von den Emiren, dass sie eine auserlesene Schaar unter seinem Freunde, dem Dschuneid, hinter eine Anhöhe verbargen, die auf der Seite des Schlachtfeldes lag: es ward ihm nicht leicht zu erhalten, dass die Araber sich bis zu einer Kriegslist erniedrigten.

Die Emire führten ihre Reuterei Gliederweise, mit verhängtem Zügel, und mit gesenkten Speeren, an die Feinde, und warfen sie im Augenblicke übern Haufen. Aber hinter den Reutern stunde ein Treffen zu Fuss, das den Arabern aus seinen Röhren ein fürchterliches Feuer entgegen schickte, und sie in Unordnung zu weichen zwang. Allein in eben dem Augenblicke fiel Dschuneid diesem Fussvolke in die Seite, und warf es ohne Widerstand zu Boden. Dis Schlacht dauerte nicht lang, die zerstreuten Araber kamen zurück, und wenige unter den Feinden konnten sich retten, da kein andres Pferd einem arabischen entgehen kan.

Die Fürsten eilten gegen Anah, nicht in der Absicht die Stadt für sich zu erobern, kein Araber wagt sich zwischen Mauren, sondern mit dem Vorsatze, ihren Feind auszurotten. Aber der räuberische Herr von Anah war im Treffen zertreten worden, und die Einwohner zogen den Emiren mit Palmenzweigen, und mit allen Zeichen der lebhaftesten Freude entgegen: sie erkannten die Sieger für ihre Erretter: denn sie hatten unter dem härtesten Joche geschmachtet, und weder das Gut, noch die Ehre, noch das Leben eines einzigen von ihnen, war unter der eisernen Hand ihres Fürsten in Sicherheit gewesen.

Beim Anblicke dieser Eroberung rief Abuschir: wir Araber verlangen keine Städte, lasst uns aber dankbar sein: wir sind den Sieg den Räten des Fremdlings schuldig, er hat das Leben und die Ehre eurer Brüder gerettet. Edle Freunde, erwerbet einen freundschaftlichen Nachbar, schenkt ihm das willige Anah; was kan rühmlicher für die Araber sein, als die Tugend belohnen; was können sie den Einwohnern selber für eine grässere Wohltat erzeigen als wenn sie ihnen einen edelmütigen Herrn geben.

Der Rat des alten Abuschirs wurde von allen Emiren wiederholt, ein allgemeiner Beifall bestätigte das Geschenk, und Usong wurde Fürst zu Anah.

Der Emir erfreute sich über die Erhebung seines Freundes: er setzte seiner Dankbarkeit keine Schranken, und dachte dem Usong die schöne Emete zu, die dieser junge Fürst gerettet hatte. Arabien hatte nichts vollkommeners hervorgebracht, und Usong war in dem Alter, wo der Eindruck schöner Augen auf das Herz die gröste Macht ausübet. Aber Dschuneid hatte bei einer seltenen gelegenheit sie gesehen, die sich von ungefehr den Tag ereignet hatte, da Abuschir zur Schlacht sich waffnete, und ihm seine schöne Tochter einen Talisman32 umhieng, der einen geliebten Vater vor aller Gefahr bewahren sollte. Dschuneid verliebte sich aufs heftigste, und vertraute sich dem edlen Enkel des Tschengis. Usong blieb allemal seiner selbst würdig: er wandte bei dem Emir die Verbindlichkeit an, in welcher der Vater der schönen Emete gegen ihn stand, er erhielt sie für seinen Freund, und rettete ihm, so sagte Dschuneid, zum zweitenmale das Leben.

Er nahm nunmehr sein Fürstentum in Besitz: er erinnerte sich an die letzten Worte des weisen Liewangs, und sah Anah als eine Prüfung des himmels an, der ihm einen Anlass gab zu zeigen, ob er zu herrschen würdig wäre. Mit solchen Gesinnungen zur herrschaft zu gelangen, ist der unfehlbare Vorbot einer rühmlichen Regierung.

Usong befliss sich, die weisesten und erfahrensten von seinen Untertanen zu kennen: er holte die Meinung eines jeden Hauptes eines Geschlechtes ein, er rief alle diejenigen zu sich, deren gute Eigenschaften man ihm anrühmte, er sprach mit ihnen, er ergründete ihre denkart mit angemessenen fragen, er trug alles, was er von den Tugendhaften vernommen, und was er selber bemerk hatte, ist ein Buch der Würdigen ein. Er gab denjenigen, die einen Vorzug zeigten, zuerst Aufträge, die durch ihre eigene Beschaffenheit auf eine Zeit eingeschränkt waren: er wachte aufmerksam über ihr Begehen, und wenn sie seiner Hoffnung entsprachen, so zog er sie zu beständigen Aemtern.

Er nahm Richter unter den weisesten von Anah an; aber er kam alle Tage selbst in den Gerichtssaal, liess sie über die Rechtsfrage sich erklären, widerlegen und antworten: hörte ihr Urteil an, und bestätigte es mit einem freundschaftlichen Guteissen, oder verbesserte es, nachdem er die Gründe eröfnet hatte, warum er von den Richtern abging.

Er hielt sich eine kleine Leibwache, die er aus den edelsten Jünglingen wählte, und die er durch den Scherin, und durch die welschen Gefehrten seiner Reisen, den Riva und den Antonino, in den Waffen üben liess. Oft führte er sie selber an, er machte ihnen die besten Bewegungen vor: er lehrte sie Glieder und Ordnung halten, und das europäische Feuergewehr gebrauchen: er setzte Preise aus, und beförderte diejenigen, die sich durch ihre Geschicklichkeit und durch ihren Fleiss ausnahmen.

Da er keine Pracht liebte, wenige Kriegsvölker besoldete, und keinen Harem hatte, so war sein Aufwand gering: hierdurch befreiete er sich von der notwendigkeit grosse Steuern zu fordern, er erliess dem volk die Hälfte der Auflagen, die Anah bezahlt hatte, und sicherte die Einwohner wider alle die Erpressungen, die unter ihren vorigen Herren ein jeder ihnen abtrotzte, der einige Gewalt hatte.

Er suchte die Elenden und Armen in ihren Hütten auf: jenen gab er gegen eine geringe Arbeit, die ihnen am wenigsten schwer wurde, den nötigen Unterhalt: und diesen wies er Land und Vieh an, womit