das Gewölbe rechter Hand aufs neue betraten. Hier kam uns nun dasjenige, wovor sich Lemelie so grausam entsetzt hatte, gar bald zu gesicht. Denn in dem Winckel lincker Hand sass ein solcher Mann, dergleichen mir vergangene Nacht erschienen, auf einem in Stein gehauenen Sessel, als ob er schlieffe, indem er sein Haupt mit dem einen arme auf den darbei befindlichen Tisch gestützt, die andere Hand aber auf dem Tische ausgestreckt liegen hatte. Uber dem Tische an der Wand hieng eine 4. eckigte Lampe, und auf demselben waren, nebst etlichen Speise- und Trinck-Geschirren, 2. grosse, und eine etwas kleinere Tafel mit Schrifften befindlich, welche 3. letzteren Stücke wir heraus ans Licht trugen, und in der ersten Tafel, die dem Ansehen nach aus einem Zinnern Teller geschlagen, und sauber abgeschabt war, folgende Lateinische Zeilen eingegraben sehen, und sehr deutlich lesen konnten.
Mit diesen Worten stunde unser Altvater Albertus Julius auf, und langete aus einem Kasten verschiedene Brieffschafften, ingleichen die erwehnten 3. Zinnern Tafeln, welche er biss daher fleissig aufgehoben hatte, überreichte eine grosse, nebst der kleinen, an Herr M. Schmeltzern, und sagte: Mein Herr! ihr werdet allhier das Original selbst ansehen, und uns selbiges vorlesen. Dieser machte sich aus solcher Antiquität eine besondere Freude, und lass uns folgendes ab:
Advena!
quisquis es
si mira fata te in meum mirum domicilium
forsitan mirum in modum ducent,
sceleto meo præter opinionem conspecto,
nimium ne obstupesce,
sed cogita,
te, noxa primorum parentum admissa, iisdem
fatis
eidemque mortalitati esse obnoxium.
Quod reliqvum est,
reliqvias mei corporis ne sine insepultas
relinqui;
Mortuus enim me mortuum ipse sepelire
non potui.
Christianum, si Christianus vel ad minimum
homo es, decet
honesta exsequiarum justa solvere Christiano,
qui totam per vitam laboravi,
ut in Christum crederem, Christo viverem,
Christo denique morerer.
Pro tuo labore parvo, magnum feres præmium.
Nimirum
Si tibi fortuna, mihi multos per annos negata,
contingit,
ut ad dissociatam hominum societatem
iterum consocieris,
pretiosissimum operæ pretium ex hac spelunca
sperare & in spem longæ felicitatis tecum
auferre poteris;
Sin vero mecum cogeris
In solitudine solus morti obviam ire
nonnulla memoratu dignissima scripta
quæ in mea sella, saxo incisa, jacent
recondita,
Tibi fortasse erunt & gaudio & usui.
En!
grato illa accipe animo,
Aura secunda tuæ navis vaga vela secundet!
sis me felicior.
quamvis me nunquam adeo infelicem dixerim!
Vale, Advena, vale,
manda rogatus me terræ
Et crede, Deum, qvem colui, daturum,
ut bene valeas.
Auf dem kleinen Täfflein aber, welches, unsers Altvaters Aussage nach, halb unter des Verstorbenen rechter Hand verdeckt gelegen, waren diese Zeilen zu lesen.
Natus sum d. IX. auge. CIC CCCC LXXV.
Hanc Insulam attigi d. XIV. Nov. CIC IC XIIII.
Sentio, me, ætate confectum, brevi moriturum
esse, licet nullo morbo, nullisque doloribus
opprimar. Scriptum id est d. XXVII. Jun. CIC
ICC VI.
Vivo quidem, sed morti proximus, d. XXVIII.
XXIX. & XXX. Junii.
Adhuc d. I. Jul. II. III. IV.
Nachdem wir über diese sonderbare Antiquität und die sinnreiche Schrifft, welche gewiss aus keinem ungelehrten Kopffe geflossen war, noch ein und anderes Gespräch gehalten hatten, gab mir der Altvater Albertus die drei Zinnern Tafeln, (wovon die eine eben dasselbe in Spanischer Sprache zu vernehmen gab, was wir auf der grossen Lateinisch gelesen,) nebst den übrigen schrifftlichen Urkunden in Verwahrung, mit dem Befehle: Dass ich alles, was Lateinisch wäre, bei künfftigen müssigen Stunden ins Hoch-Teutsche übersetzen sollte, welches ich auch mit ehesten zu liefern versprach. Worauff er uns nach verrichteten Abend-Gebet beurlaubte, und sich zur Ruhe legte.
Ich Eberhard Julius hingegen war nebst Hn. M. Schmeltzern viel zu neugierig, um zu wissen, was die alten Brieffschafften in sich hielten, da wir denn in Lateinischer Sprache eine Lebens-Beschreibung des Spanischen Edelmanns Don Cyrillo de Valaro darunter fanden, (welches eben der 131. jährige Greiss war, dessen körper damals in der Höle unter dem AlbertsHügel gefunden worden,) und biss zu Mitternacht ein teil derselben, mit gröstem Vergnügen, durchlasen. Ich habe dieselbe nachher so zierlich, als es mir damals möglich, ins Hoch-Teutsche übersetzt, allein um den geneigten Leser in den Geschichten keine allzugrosse Verwirrung zu verursachen, vor besser gehalten, dieselbe zu Ende des Wercks, als einen Anhang beizufügen, weil sie doch hauptsächlich zu der Historie von dieser Felsen-Insul mit gehöret. Inzwischen habe einiger, im Lateinischen vielleicht nicht allzu wohl erfahrner Leser wegen, die auf den Zinnern Tafeln eingegrabene Schrifft, teutsch anhero zu setzen, vor billig und nötig erachtet. Es ist mir aber solche Verdollmetschung, dem Wort-verstand nach, folglich geraten:
Ankommender Freund!
wer du auch bist
Wenn dich vielleicht das wunderliche Schicksal in
diese wunderbare Behausung wunderbarer
Weise führen wird,
so erstaune nicht allzusehr über die unvermutete
Erblickung meines Gerippes,
sondern gedencke,
dass du nach dem Fall der ersten Eltern eben dem
Schicksal, und eben der Sterblichkeit
unterworffen bist.
Im übrigen
lass das Uberbleibsel meines Leibes nicht unbegraben
liegen,
Denn weil ich gestorben bin, habe ich mich
Verstorbenen nicht selbst begraben können.
Einen Christen
wo du anders ein Christ, oder zum wenigsten ein