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gesetz standen, selten Grausamkeiten nach sich zogen, da von den Tarquinen bis zu den Gracchen, in einem Zeitraum von dreihundert Jahren, keine zehn Bürger wegen Aufruhr die Verbannung litten, äusserst wenige zum tod verdammet wurden, und sehr wenige so gar nur zu Geldstrafen. »Ueberhaupt (fügt er hinzu) kann mit keinem Anschein von Vernunft behauptet werden, dass ein Staat der so viele Tugenden hervorbrachte, übel eingerichtet war; denn die Tugenden sind eine Folge der Bildung; und die 40 Bildung eine Folge der Verfassung des gemeinen Wesens

Dass die Beispiele dieser Gattung noch nicht aufhören, davon zeuget unter

andern eine neuere geschichte, die in einem Zeitraum von fünfzig Jahren (und ich dürfte nur die Hälfte nennen,) mehr Grauel uns erzählt, als sich zu Sparta und zu Rom in fünfhundert zugetragen haben.

Folgendes kann von den Grossen überhaupt bemerket werden, dass sie, sobald die gesetz nachlassen, sich als die Lasterhaftesten im ganzen volk zeigen; und es ist eben so natürlich, dass sie jetzt der schlechteste teil desselben sein müssen, als dass sie vorher der beste teil desselben waren; denn nur die Besten wurden damahls gross; jetzt werden es die Schlechtesten. Turpissimos consulares, sagt Cicero am Ende seiner Tage, Senatum fortem, sed infimum

quemque honore fortissimum, Populo vero nihil fortius (Ep. ad fam. XII. 4.) Und wie sehr hatten nicht die Grossen damahls schon das Volk verdorben!

1 Im XXIX. Cap. des ersten buches. Machiavell leitet die Undankbarkeit, teils

aus dem Geize, teils aus dem Argwohn und dem Neide her. Aus Geiz, sagt er,

hätten Republiken nie sich undankbar bewiesen; und was Neid und Argwohn

anginge, so wären sie auch diesen nicht so unterworfen wie die Fürsten, weil

sie weniger gelegenheit und Versuchung dazu hätten. Von Rom behauptet er,

dass es eigentlicher Undankbarkeit nur gegen Scipio mit Recht beschuldigt wer

den könnte; der sich ein solches Ansehen erworben hatte, dass ihn jeder scheute;

weswegen ihm der alte Cato selbst entgegen war, indem er sagte: dass ein

Staat nicht frei zu nennen wäre, der einen Mann entielte, vor

dem die gesetz schwiegen.

1 Man spricht so viel von dem Unheil, welches die Zwistigkeiten der Parteien in den Freistaaten angerichtet haben, und Keinem ist es eingefallen,

dagegen nur einmal die Uebel abzuwägen, die aus den blossen Successions-Streitigkeiten in den Monarchischen Staaten entstanden sind, und die bei Freistaaten ganz hinweg fallen.

2 Auch Montesquieu war in solchem Grade hievon überzeugt, dass er aus

diesem Gesichtspunkt die Verkäuflichkeit der Aemter in Monarchien verteidigt. Hier sind seine eigenen Worte: Piaton ne peut souffrir cette venaliti. »C'est, dit-il, comme si dans un navire on faisoit quelqu'un pilote ou matelot pour son argent. Seroit-il possible que la regle fut mauvaise dans quelqu'autre emploi que ce fut de la vie, & bonne seulement pour conduire une republique?« Mais Piaton parle d'une republique fondle sur la vertu, & nous parlons d'une monarchic Or dans une monarchic, ou, quand les charges ne se vendroient pas

par un reglement public, I'indigence & l'avidite" des courtisans les vendroient tout de meme; le hazard donnera de meilleurs sujets que le choix du prince. Esp. des Loix. L V. Ch. 19.



Ludwig Heinrich Jakob

Nach welchen grundsätzen soll man politische Meinungen und Handlungen beurteilen?

Alle menschlichen Meinungen und Handlungen lassen sich von einer dreifachen Seite betrachten und beurteilen. I. Von seiten der Klugheit, II. von Seiten des Rechts und III. von Seiten der Moral.

I.

Die Klugheit offenbart sich am sichersten in Handlungen. Der weiseste Schwätzer erscheint oft als ein Tor, wenn er seine Weisheit in der Anwendung zeigen soll. Die Regel, welche allen Urteilen über die Klugheit des Betragens einer person zugrunde liegt, ist überhaupt die Zweckmässigkeit, und heisst: Wer sichere und wirksame Mittel zu seinen Zwecken gebraucht, ist klug.

Ob Zwecke und Mittel auch gerecht und gut sind, kommt, wenn man bloss die Klugheit beurteilen will, nicht in Anschlag. Die Königliche Familie in Frankreich aus der Welt zu schaffen, war sehr klug, wenn es den Franzosen um Begründung einer Demokratie zu tun war; denn dass diese ein starkes Hindernis gegen die Einrichtung der neuen Regierungsform sein würde, war leicht abzusehen. Ob eine Demokratie in Frankreich zu errichten auch klug sei, darüber sind bekanntlich die Meinungen geteilt, wenn man nämlich den glücklichen Zustand des Landes sich als den Zweck vorstellt, der dadurch erreicht werden soll. Dass aber in Einrichtung dieser Verfassung viele für sich, d. i. zum Behuf ihrer eigenen Zwecke, klug handeln, wird niemand bezweifeln. Wenn eine politische Macht den Zweck hat, die Demokratie zu stürzen oder gar ganz Frankreich zu ruinieren, so kann man dem Unternehmen, wodurch es alle inneren und äusseren, gerechten oder ungerechten Mittel gegen dieselbe aufbietet, das Lob der Klugheit nicht versagen. Wer seine Ruhe liebt, handelt klug, wenn er zur Zeit einer Revolution seine politischen Urteile zurückhält, sich um keine öffentlichen Angelegenheiten bekümmert und jedes öffentliche Geschäft, unter Vorwänden, womit man zufrieden ist, abwendet.

Die Klugheit kann neben der höchsten Ungerechtigkeit und moralischen Abscheulichkeit bestehen; und die letzteren mögen in einer Handlung erkannt werden oder nicht, so lassen sie sich doch immer von Seiten ihrer Klugheit