All_Enlightenment_79.txt

; wenn die Absicht dieser Strenge dahin geht, nicht sowohl dem Laster und Frevel, als den Ausbrüchen der Freiheit, zu steuern; wenn gewisse Formen mit vollem Beifall als heilsam aufgenommen werden, bloss weil sie die stimme der Menschheit zu unterdrücken dienen, und andre

wieder als schädlich verworfen werden, weil sie dieser stimme, noch laut zu werden gestatten; — und wenn gerade alles dies der Fall sein sollte mit so manchen unsrer gerühmten Anstalten zur Verbesserung der bürgerlichen Gesellschaft: dann wird zuletzt sich offenbaren, dass jene gerühmten Anstalten weiter nichts als eben so viele Erfindungen sind, den Geist aller politischen Verbindung zu tödten; Erfindungen, die weit kräftiger dazu dienen, der Menschheit edelste Tugenden in Ketten zu legen, als Unordnung und Verwirrung zu hemmen.«1

Von je her ist das Edle dem Mechanischen, nicht alleine wo Kunst vom Handwerk unterschieden werden sollte, sondern in allen Dingen entgegen gesetzet worden, und zwar auf solche Weise: dass man bei dem einen Tätigkeit des Geistes; bei dem andern blosse Tätigkeit des Körpers sich gedachte: bei dem einen Sinnes-Adel und Vermögen; bei dem andern Eigennutz und äusseres Bedürfniss: bei dem einen Freiheit, Selbstbestimmung; bei dem andern Sclaverei und fremden Antrieb. Diese Unterschiede zu verwirren und allmählich zu vertilgen, könnte man die grosse Absicht unsrer zeiten nennen. Gerne sähen wir aus der natur alle Selbstbestimmung, alle unmittelbare eigene Bewegungskraft hinweggeräumt; zeugten gerne das Leben nur aus Dingen die kein Leben haben, und aus lauter Leiden immer frische Tat; entschlügen gern uns alles dessen, was dem geist angehört; alles Ursprünglichen; alles aus sich selbst bestehenden und würkenden -um an dessen Stelle lauter Räderwerk, Gewicht und Hebel einzufuhren. Von unserem politischen Zustande insbesondre, sagt ein Weiser der noch lebt: Wenn die Menschen sich ausdrücklich vorgenommen hätten, der Gesellschaft eine Form zu geben, in der so wenig Religion und so wenig Tugend als nur möglich angetroffen würde, so hätten sich dieselben offenbar nicht besser dazu nehmen können, als es in der Tat geschehen. Was von Tugend und Religion (so fährt er fort) bei uns noch übrig ist, haben wir allein dem Umstände zu verdanken, dass die Gesetzgebung bei dem Bau ihrer Maschine, zum Gange eines von den Haupträdern, jener Kräfte dennoch nicht entbehren konnte: an der natur dieser Religion

und dieser Tugend ist ihr aber weiter nichts gelegen, wenn sie nur keine Würkungen hervorbringen, welche die einförmige Bewegung ihres grossen Uhrwerks hemmen.

Wo Tugend und Religion nicht mehr empfunden, ja wohl offenbar geläugnet werden, da bleibt kein andres Mittel die gemeine Wohlfahrt zu befördern übrig, als, die eigennützigen und parteiischen Neigungen der Glieder der Gesellschaft, das ist, ihre Leidenschaften, in ein Gleichgewicht zu bringen. Dieses kann nur mit der äussersten Gewalt erzwungen werden, und dennoch nur auf eine äusserst mangelhafte Weise. Da die Leidenschaften von natur Gesetzlos, wandelbar, und ihre Würkungen bis ins Unendliche verschieden sind: so müssen schlechterdings die Mittel, welche - ohne edle Gesinnungen zu erwecken - die eigennützigen und persönlichen Neigungen durch sich selbst allein in Schranken halten sollen, ungemessen, und, nach den unbestimmbaren Ereignissen jedes Augenblicks, der Willkühr überlassen sein. Willkühr aber gibt dem Irrtum Raum; und ungemessene Gewalt, der Unterdrückung aller Rechte: so dass eben die Gebrechen, welche diese hülfe forderten, ihren Missbrauch unvermeidlich machen.

Auch sehen wir, von einem Ende der geschichte bis zum andern, bei solchen Völkern - wo aus einer Zusammenordnung blosser Leidenschaften alle Tugenden entspringen sollten, Tugenden, zum Dienste dieser Leidenschaften, oder vielmehr unsträfliche

Laster — dass durch diejenigen Mittel, welche bestimmt waren, den Unternehmungen der Ungerechtigkeit, dem Einbrüche allgemeiner Not, einer völligen Zerrüttung zu begegnen: dass eben durch sie, alle diese Uebel immer nur vergrössert und zuletzt aufs allerhöchste getrieben wurden; sehen ganz unwidersprechlich: dass Menschen, die nicht selbst im stand sind, was ihnen gut ist zu erkennen und darnach zu streben, dass solche Menschen noch viel weniger ihr Heil der Tugend eines Vormunds ohne Richter, und der nie mündig werden lässt, zu danken haben können; sehen: dass um Völker mit Gewalt zu hindern ihren eigenen Schaden zu befördern, oder zu ihrem Besten wirklich sie zu zwingen, schlechterdings ein Gott herniederkommen müsste, ein vollkommenes Wesen das nicht sterben könnte.

Unvollkommene Wesen wie wir selbst, und nur stärker noch versucht zu allem Bösen; bei denen Eigendünkel welcher alle Weisheit von sich stösst, und Hochmut welcher Recht und Wahrheit selbst beherrschen will und über alle Pflichten sich erhebt, die ganze Seele füllt, und ihnen Tyrannei zur grössten der Göttinnen macht - solche Wesen, werden zwar oft mit Erfolg gewaltig sein um uns zu hindern unsre Leidenschaften zu befriedigen; aber dieses nicht zu unserm Besten; sondern dass wir statt den eigenen, nur ihren Leidenschaften dienen. Hiebei, wenn sie Klugheit haben, können sie auch wohl mit Recht den Nahmen noch erwerben, dass sie Hirten ihrer Völker sind; denn sie gönnen ihnen gute Weide, Anwachs und Gedeien; schützen sie mit sicherem Gehege; legen Hunde für sie an die Kette, und umgürten sich wohl selbst zur Wache, wie Eumäos bei'm Homer: nur muss die Heerde sich nicht selber zugehören wollen, noch ein Stück derselben ausser seinem Haufen gehen: sonst zuckt und knallt die Peitsche, und der schützende Hund wird gelöst. - Hingegen ist Beförderung der Menschheit: ihrer höchsten Freuden; ihres seeligsten Genusses; ihrer Kraft und ihrer Würde,