All_Enlightenment_78.txt

allein um eines andern Willen; Teile eines Dinges, dessen Einheit sich ausser ihm befindet; eines blinden Werkzeugs; eines künstlichen aber vernunftlosen Körpers, ohne eigne Seele.

In keinem feld der menschlichen erkenntnis herrschen Verworrenheit und Widerspruch in grösserm Maasse als in eben diesem. Man gestehet: jedes gemeine Wesen müsse durchaus den Gesetzen der Gerechtigkeit gemäss verwaltet werden; und man will zugleich, dass sich diese gesetz nicht bestimmen lassen; dass sie der Willkühr unterworfen, gehorsam dem Zufall, auch die Ungerechtigkeit nicht scheuen sollen. Da es aber von natur unmöglich ist, was mit vollem Rechte geweigert werden kann, mit vollem Rechte zu erzwingen: so muss ein höchstes unumschränktes Ansehen wohl ins Mittel treten, um die natürlichen gesetz nach

Bedürfniss umzukehren — mit Gewalt.

wirklich ist der herrschende Begriff von einer Obrigkeit, dass sie an und für sich selbst die Quelle sei der Gerechtigkeit und des Eigentumes. Nicht des Eigentumes sichern Besitzes Quelle; sondern des Eigentumes selbst: daher sie die Ausdehnung und die Schranken aller Gattungen desselben, und jede seiner Anwendungen zu bestimmen habe — nach unbestimmbaren grundsätzen; höchstens einem gewissen unbestimmten allgemeinen Besten nach,wovon die erkenntnis, und wozu der Beförderungs-Trieb in derselben angetroffen wird; abermals auf eine völlig unbestimmte Weise.

Wer möchte alles ungereimte, so in diesen Vorstellungen liegt, entwickeln; und wer möchte' es nur entwickelt sehen? Besser, dass ich eile, zur Erklärung und Erhärtung meiner eigenen Gedanken, noch in der Kürze ein und andres beizubringen.

Davon bin ich ausgegangen: dass Gewalt nur müsse der Gewalt entgegen treten; dem Verbrechen nur, der Zwang. Beider eigentliches Wesen ist, nicht Taten einzuflössen, sondern zu vertilgen und zu hindern. Kräfte sind sie zu erwecken nicht im stand, noch im stand irgend etwas in sich Gutes zu erschaffen. Dieses kann nur aus sich selbst entspringen, und seine erste Quelle überall, ist die ungeheissene innere Bewegung eines freien Geistes.

Ohne Gewalt und Zwang haben Menschen sich zuerst verbrüdert, und Gesellschaften gestiftet, wo die Abwesenheit fehlerhafter Einrichtungen ihnen bessere Sicherheit verlieh, als so viele künstliche Anstalten, welche mehr und grössere Verbrechen oft erregen, als sie unterdrücken. Tätig ist der Mensch aus blossem Triebe, und gerecht muss er sein, weil er glücklich sein will. Guterzigkeit und Liebe, Einsicht, Billigkeit, Grossmut, Tapferkeit und Treue, diese Eigenschaften, welche das Band und die Stärke der Gesellschaften ausmachen, sind ursprüngliche Eigenschaften seiner natur, und von Gott unmittelbar demselben eingehaucht. Die Künste der Regierung haben den Verstand der Menschen zwar geübt, und indem sie zu allerhand Bestrebungen, Nachforschungen, Zwecken: Wünschen und Gedanken ihnen Anlass gaben, ihren Geist bereichert; nicht selten aber auch erniedrigt und verschlimmert. Denn sie haben jede Gattung der Ungleichheit, des Vorrangs, der Trennung und der Eitelkeit befördert; und indem sie den einzelnen Menschen mit immer neuen Gegenständen der Sorgfalt für sich selbst überluden, eine ängstliche Bemühung, nur auf seine eigene person bedacht zu sein, an die Stelle des Vertrauens und der Gewogenheit gesetzt, die er gegen seine Mitgeschöpfe unterhalten sollte. Die glücklichsten Menschen aber sind diejenigen, deren Herzen mit einer Gemeine in Verbindung stehen, welche alle ihre Wünsche teilt, und von der sie keinen ihrer Wünsche sondern können; mit einer Gemeine, in der sie jeden Gegenstand des Edelmutes und des Eifers, und einen Zweck finden, jedes Talent und jede tugendhafte Neigung daran zu üben. sorge für das Futter haben auch die Tiere; auch neben dieser sorge Witz genug um sich dasselbe zu verschaffen und Mittel zu ihren einsamen Ergötzlichkeiten auszufinden: aber nur dem Menschen ist es vorbehalten, in der Gesellschaft seiner Nebengeschöpfe Rat zu geben und zu nehmen; zu überzeugen, zu widerlegen, zu begeistern; und im Feuer seiner Liebe oder seines Unwillens, persönliche Sicherheit und eigenen Vorteil ausser Acht zu lassen.

Ferguson, mit dessen Worten ich so eben redete, warnet sehr vor den politischen Verfeinerungen gewöhnlicher Menschen, die nur Ruhe oder Untätigkeit zum gegenstand haben, und durch die Schranken, die sie bösen Handlungen zu setzen trachten, die edelste Geschäftigkeit zugleich vernichten wollen, als hätte der gemeine Mann kein Recht zu handeln, oder nur zu denken. Er erwähnt hiebei des Spottes eines grossen Fürsten, welcher die Vorsichtigkeit lächerlich zu machen suchte, nach welcher Richter in einem freien land an die genaue Auslegung der gesetz gebunden sind: und sucht alsdann die Herzensangst gewisser Leute, wo sie, anstatt grenzenloser Untertänigkeit, Trotz auf eigne Rechte, und Mängel der Polizei erblicken, so gut er kann zu mildern; indem er ihnen zu erwägen gibt: wie einem Chineser die Freiheit die man in Europa hat, auf den Strassen und Feldern nach Gefallen hin und her zu wandern, ein sicheres Vorspiel der Verwirrung und der Anarchie dünken müsste: »Können Menschen ihr Oberhaupt sehen und nicht zittern? Können sie ohne eine festgesetzte und ge|schriebene Verordnung äusserlicher Gebräuche miteinander umgehen? Was ist da für Hoffnung zum Frieden, wo die Strassen nicht zu einer gewissen Stunde gesperrt sind? Was für

wilde Unordnung, wenn in irgend einer Sache dem Menschen erlaubt ist, zu tun was ihm beliebt.«

»Freilich« sagt er weiter »muss die Otter in gewisser Entfernung gehalten, und der Tyger gefesselt werden. Wenn aber Strenge in der Regierungskunst sich nicht begnügt den Verbrechen Einhalt zu tun, sondern den Menschen zum Sclaven machen will, und dadurch den Grund zum Verderbniss der Sitten legt, so wie zur Erstickung alles Edelmutes unter einem volk