All_Enlightenment_77.txt

Verlangen nach Glückseligkeit ist nicht allgemeiner, als die überzeugung, dass sie auf dem Wege der Vernunft allein gefunden werde, weil diese zuverlässig immer das befiehlt, was dem ganzen Menschen gut ist, das ist, das wahre Beste aller seiner Teile.

Dass es gut sei für den ganzen Menschen, sich mit seines Gleichen zu verbinden: weil, Eines Teils, nichts im ganzen Reiche der natur dem Menschen in so hohem Grade nützen; und andern Teils, auch nichts im ganzen Reiche der natur demselben in so hohem Grade schaden kann, als wie ein andrer Mensch: dieses liegt, als Wahrheit, jedermann vor Augen.

Menschen, welche aus dem Antriebe der Vernunft handeln, sind einander niemals schädlich, denn es kann aus diesem Antriebe keine Bemühung hervorgehen, welche der Bemühung eines Andern, der nach eben diesem Antriebe handelt, entgegen wäre; sondern ein jeder, indem er sein eigenes wahres Beste befördert, befördert notwendig das wahre Beste auch von allen andern, und ist mit Liebe gegen sie erfüllt.

Es können die Menschen also einzig und allein sich gegenseitig schaden, in so ferne sie von Leidenschaften angetrieben werden, aus welchen alle Zwietracht sich entwickelt, das ganze Heer der Laster, und nicht Eine wahre Tugend. Wenn nun gleich der Antrieb der Leidenschaften überall der stärkere im Menschen ist, und er dieserwegen — wie es zwei der grössten Forscher wollten (Hobbes und Spinoza) — als der natürliche und der ärgste Feind des andern Menschen an| gesehen werden kann: so strebt er doch mit seinem ganzen eigenen, inneren Vermögen, allein dem Guten nach, so dass er den Gesetzen der Menschenliebe, der Gerechtigkeit, der Ehre und der Religion, überall mit unerschütterlichem Mute folgt, in so ferne er durch seine eigene natur, allein bestimmt wird.

Hieraus folgt, wie aus allem was vorhin erinnert worden, dass eine förmliche Gesetzgebung, oder ein System des Zwanges, sich unmöglich auf den Menschen beziehen könne, in so ferne derselbe mit Vernunft begäbet und durch dieselbe schon bestimmt ist seinen und seines Mitmenschen wahren Vorteil zu befördern, sondern nur in so ferne Er den Leidenschaften unterworfen, und daher zu aller Ungerechtigkeit geneigt ist: geneigt zum Bruche mit andern und mit sich selbst; wankelmütig, treulos, voller Zwietracht und Hader.

Die Gesellschaft also, in so ferne sie auf äusserlicher Form beruht, und eine Maschine des Zwanges ist, hat zu ihrem gegenstand einzig und allein Beschirmung, das ist, jeden Schaden, der aus Ungerechtigkeit entstehen könnte, von jedem Gliede der Gesellschaft abzuwenden; oder jedem Gliede das unverletzliche Eigentum seiner person, den freien Gebrauch aller seiner Kräfte, und den vollkommenen Genuss der Früchte ihrer Anwendung, auf gleiche Weise zu versichern.

Sicherheit des Eigentums, in dem ausgedehntesten Verstände, und schlechterdings im allerhöchsten Grade, so für Alle wie für Einen, so für Einen wie fur Alle; unverletzliche durchgängige Gerechtigkeit, ohne irgend einen Zwang zu irgend einem andern Ende, wäre, diesemnach, jenes Mittel und sein Nähme, welches sicher, unveränderlich und offenbar,

wie bei gesellschaftlichen Tieren der Instinkt, den Menschen dahin leiten könnte, wo sich das Beste von allen und das Beste eines jeden unwidersprechlich vereinigte.

Wollte jemand gegen uns behaupten, dieses Mittel führe nicht zum höchsten Zwecke bürgerlicher Form; sondern es gebe andre Zwecke, deren Mitteln, in streitenden Fällen, jenes Mittel unverletzlicher durchgängiger Gerechtigkeit müsse nachgesetzet werden: so wage dieser es, mit klaren Worten, diese Zwecke und die Mittel uns zu nennen. Keine wird er uns zu nennen wissen, die nicht offenbar von Leidenschaften angegeben wären: von Ländersucht, Geldsucht - Eitelkeit, Lüsternheit und Hoffart. Und er wird behaupten müssen, die Beförderung dieser Leidenschaften: des Ehrgeizes, der Habsucht, aller sinnlichen Begierden, sei der Bestimmung und Glückseligkeit des Menschen angemessener, als die Beförderung der Vernunft mit ihren Folgen: der wahren Einsicht, der Mässigkeit, der Gerechtigkeit, der Gesundheit der Seele, des daurenden Vergnügens, der Tugend selbst. Viele andre Dinge wird er noch behaupten müssen, die, mit dürren Worten, niemand gern behaupten mag, und die, mit Deutlichkeit, auch nicht gedacht werden. wirklich ist es von den mehrsten gut genug gemeint, wenn sie von einem gewissen Interesse des staates sich träumen lassen, von einer gewissen Wohlfahrt des Ganzen, welche nicht die Wohlfahrt aller seiner Teile, sondern dergestalt davon verschieden ist, dass eine ungemessene Aufopferung von Seiten dieser Teile um des Ganzen willen, mit Vernunft gedacht, und mit Recht soll gefodert werden können. Wollten aber diese Männer, auch von aussen nur, die Sache näher in Betrachtung ziehen, so würden sie, mit sehr geringer Müh' entdecken, dass jenes überschwengliche Interesse, welches ihnen dunkel nur im Sinne schwebt, sich in ein bloss geographisches Interesse auflöst; in dieses nämlich: dass eine gewisse Anzahl von Quadratschuhen Land unter einem gewissen Nahmen beisammen angetroffen werde. Und sie würden finden, diese guten Männer - zu ihrer herzlichen Befriedigung wohl ohne Zweifel! - dass sie, einem solchen geographischen Interesse zu Liebe, um dasselbe zu erhalten oder zu vermehren, 35, und zu keinem andern Ende, sich an ihrem Eigentume, an jedem Teile ihrer äusserlichen Freiheit, ja, zu hunderttausenden, an ihrem Leben selbst verkürzen lassen. Sie würden finden, dass sie keine solche Teile eines Ganzen sind, die den Grund ihrer Vereinigung in sich selber haben; eines Ganzen, dessen Einheit in ihm selber wohnt: sondern Teile die beisammen sind,