All_Enlightenment_68.txt

sie in unserem Namen - sei unser Pflegevater, bis wir in das Haus unseres wahren Vaters zurückkehren.

Ihr erteilt Ämter und Würden im staat; ihr vergebt Schätze und Ehrenbezeugungen; ihr unterstützt den Dürftigen und gebt dem Armen Brot - aber es ist eine grobe Lüge, wenn man euch sagt, das seien Wohltaten. Ihr könnt nicht wohltätig sein. Das Amt, das ihr gebt, ist kein Geschenk; es ist ein teil eurer Last, den ihr auf die Schultern eures Mitbürgers ladet, wenn ihr es dem Würdigsten gebt; es ist ein Raub an der Gesellschaft und an dem Würdigsten, wenn es der weniger Würdige erhielt. Die Ehrenbezeugung, die ihr erteilt, erteilt nicht ihr; jedem erkannte sie schon vorher seine Tugend zu, und ihr seid nur die erhabenen Dolmetscher derselben an die Gesellschaft. Das Geld, das ihr austeilt, war nie euer; es war ein anvertrautes Gut, das die Gesellschaft in eure hände niederlegte, um allen ihren Bedürfnissen, d. i. den Bedürfnissen jedes einzelnen dadurch abzuhelfen. Die Gesellschaft verteilt es durch eure hände. Der Hungernde, dem ihr Brot gebt, hätte Brot, wenn die gesellschaftliche Verbindung ihn nicht genötigt hätte, es hinzugeben; die Gesellschaft gibt durch euch ihm zurück, was sein war. Wenn ihr mit unverblendbarer Weisheit, mit unbestechlicher Gewissenhaftigkeit das alles tatet, nie fehltet, nie irrtet - so tatet ihr, was eure Schuldigkeit war.

Ihr möchtet noch mehr tun. Wohlan! Eure Mitbürger sind es nicht bloss im staat, sie sind es auch in der Geisterwelt, in der ihr keinen erhabneren Rang bekleidet als sie. Als solche habt ihr keine Forderungen an sie zu tun, noch sie an euch. Ihr könnt die Wahrheit für euch suchen, sie für euch behalten, sie nach eurer ganzen Empfänglichkeit dafür geniessen; sie haben kein Recht, euch dareinzureden. Ihr könnt der Untersuchung derselben ausser euch ihren eigenen gang lassen, ohne euch im geringsten um sie zu kümmern. Ihr braucht die Macht, den Einfluss, das Ansehen, das die Gesellschaft in eure hände legte, gar nicht zur Beförderung der Aufklärung anzuwenden - denn dazu hat sie euch dieselbe nicht gegeben. - Was ihr hier tut, ist ganz guter Wille, ist übrig; auf diesem Wege könnt ihr euch um die Menschheit, gegen die ihr übrigens nur unerlässliche Pflichten habt, wirklich verdient machen.

Ehrt und respektiert persönlich die Wahrheit, und lasst euch das abmerken. - Wir wissen es zwar, dass ihr in der Welt der Geister uns gleich seid, und dass die Wahrheit durch die achtung des mächtigsten Beherrschers ebensowenig heiliger wird, als durch die Huldigung, die ihr der Geringste im volk leistet; dass auch ihr durch eure Unterwerfung nicht sie, sondern euch selbst ehrt: aber doch sind wir bisweilen - und viele unter uns sind immer - sinnlich genug zu glauben, dass eine Wahrheit durch den Glanz desjenigen, der ihr huldigt, einen neuen Glanz bekomme. Macht diesen Wahn nützlich, bis er verschwinden wird - lasst eure Völker immer glauben, dass noch etwas Erhabeneres sei als ihr, und dass es noch höhere gesetz gebe als die eurigen. Beugt euch öffentlich mit ihnen unter diese gesetz, und sie werden für sie und für euch eine grössere Ehrfurcht fassen.

Hört willig auf die stimme der Wahrheit, der Gegenstand derselben sei, welcher es wolle, und lasst sie immer eurem Trone, ohne Furcht, dass sie ihn überglänzen werde, sich nahen. Wollt ihr euch lichtscheu vor ihr verbergen? Was habt ihr sie zu fürchten, wenn ihr reinen Herzens seid? Seid folgsam, wenn sie eure Entschliessungen missbilligt; nehmt zurück eure Irrtümer, wenn sie euch derselben überführt. Ihr habt nichts dabei zu wagen. Dass ihr sterbliche Menschen, d. h. dass ihr nicht unfehlbar seid, wussten wir immer und werden es nicht erst durch euer Bekenntnis erfahren. Eine solche Unterwerfung entehrt euch nicht; je mächtiger ihr seid, desto mehr ehrt sie euch. Ihr könntet eure Massregeln fortsetzen, wer könnte euch daran hindern? Ihr könntet wissentlich und wohlüberzeugt fortfahren, ungerecht zu sein, wer würde es wagen, euch ins Angesicht Vorwürfe darüber zu machen, euch das, was ihr wirklich wäret, zu schelten? Aber ihr entschliesst euch freiwillig, euch selbst zu ehren und recht zu tun - und durch diese Unterwerfung unter das Gesetz des Rechten, die euch dem Geringsten eurer Sklaven gleichsetzt, versetzt ihr euch zugleich in den Rang des höchsten endlichen Geistes.

Die Erhabenheit eures irdischen Ranges und alle eure äussern Vorzüge verdankt ihr der Geburt. Wäret ihr in der Hütte des Hirten geboren, so führte eben die Hand, die jetzt das Zepter führt, den Hirtenstab. Jeder Vernünftige wird um dieses Zepters willen in euch die Gesellschaft ehren, die ihr repräsentiert - aber wahrlich nicht euch. Wisst ihr, wem unsere tiefen Verbeugungen, unser ehrfurchtsvoller Anstand, unser unterwürfiger Ton gilt? Dem Repräsentanten der Gesellschaft, nicht euch. Bekleidet einen Mann von Stroh mit eurer königlichen Kleidung, gebt ihm euer Zepter in die ausgestopfte Hand, setzt ihn auf euren Tron, und lasst uns vor ihn. Meint ihr, dass wir hier das unsichtbare Wehen, das nur von eurer Götterperson ausströmen soll, vermissen werden; dass unsere rücken weniger geschmeidig, unser Anstand weniger ehrfurchtsvoll, unsere Worte weniger schüchtern sein werden? Ist euch denn noch nie eingefallen, zu untersuchen, wieviel von dieser Ehrfurcht ihr euch selbst zu verdanken habt? Wie man