All_Enlightenment_63.txt

Geist. Das Recht, aus dieser Quelle zu schöpfen, können wir nicht aufgeben, ohne unsere Geistigkeit, unsere Freiheit und Persönlichkeit aufzugeben; wir dürfen es mitin nicht aufgeben; mitin darf auch der andre sein Recht, uns daraus schöpfen zu lassen, nicht aufgeben. Durch die Unveräusserlichkeit unseres Rechts zu nehmen, wird auch sein Recht zu geben unveräusserlich. - Ob wir unsere Gaben aufdringen, wisst ihr wohl selbst. Ihr wisst es, ob wir Ämter und Ehrenstellen an diejenigen vergeben, die sich anstellen, als ob wir sie überzeugt hätten; ob wir diejenigen, die unsere Vorlesungen nicht hören und unsere Schriften nicht lesen mögen, von Ämtern und Würden ausschliessen; ob wir diejenigen, die gegen unsere Grundsätze schreiben, öffentlich beschimpfen und fortjagen. Dass man dennoch eure Schriften zu dem Einpacken der unsrigen braucht; dass wir dennoch die helleren Köpfe und die besseren Herzen der Nationen auf unserer Seite, und ihr die Einfältigen, die Heuchler, die feilen Schriftsteller auf der eurigen habt - erklärt euch das selbst, so gut ihr könnt.

Aber, ruft ihr mir zu, wir verbieten dir gar nicht, Brot auszuteilen; nur Gift sollst du nicht geben. - Aber wie, wenn das, was ihr Gift nennt, meine tägliche Speise ist, bei der ich gesund und stark bin? Sollte ich vorhersehen, dass der schwache Magen des andern sie nicht vertragen werde? Starb er an meinem geben, oder starb er an seinem Essen? Wenn er sie nicht verdauen konnte, so sollte er sie nicht essen: gestopft habe ich ihn nicht, dazu habt nur ihr das Privilegium. - Oder gesetzt auch, ich hätte das, was ich dem andern gab, wirklich für Gift gehalten; ich hätte es ihm in der Absicht gegeben, um ihn zu vergiften - wie wollt ihr mir das beweisen? Wer kann darüber mein Richter sein, als mein Gewissen? Doch ohne Gleichnis.

Ich darf zwar die Wahrheit verbreiten, aber nicht den Irrtum.

O! Was mag doch euch, die ihr dieses sagt, Wahrheit - was mag euch Irrtum heissen? Ohne Zweifel nicht das, was wir anderen dafür halten; sonst würdet ihr begriffen haben, dass eure Einschränkung die ganze Erlaubnis aufhebt; dass ihr mit der linken Hand uns wieder nehmt, was ihr mit der rechten gabt; dass es schlechterdings unmöglich ist, Wahrheit mitzuteilen, wenn es nicht auch erlaubt ist, Irrtümer zu verbreiten. - Doch ich werde mich euch verständlicher machen.

Ohne Zweifel redet ihr hier nicht von subjektiver Wahrheit; denn ihr wollt nicht sagen: ich dürfe zwar das verbreiten, was ich nach meinem besten Wissen und Gewissen für wahr halte; nichts aber verbreiten, was ich selbst für irrig und falsch anerkenne. Ohne Vertrag zwischen mir und euch habt ihr keine rechtskräftige Anforderung auf meine Wahrhaftigkeit; denn diese ist nur eine innere, keine äussere Pflicht; durch den gesellschaftlichen Vertrag erhaltet ihr keine, denn ihr könnt euch der Erfüllung meines Versprechens nie versichern, da ihr nicht in meinem Herzen lesen könnt. Hätte ich euch Wahrhaftigkeit versprochen und ihr hättet das Versprechen angenommen, so wäret ihr freilich getäuscht, aber durch eure Schuld: ich hätte euch nichts versprochen, da ihr durch mein Versprechen ein Recht bekommen hättet, dessen Ausübung physisch unmöglich ist. - Freilich bin ich, wenn ich vorsätzlich euch belüge, wenn ich euch wissentlich und wohlbedacht Irrtum statt Wahrheit gebe, ein verachtungswürdiger Mensch; aber ich beleidige dadurch nur mich, nicht euch; ich habe das nur mit meinem Gewissen abzumachen.

Ihr redet also von objektiver Wahrheit; und diese ist? - O ihr weisen Sophisten des Despotismus, die ihr nie um eine Definition verlegen seid; - sie ist Übereinstimmung unsrer Vorstellungen von den Dingen mit den Dingen an sich. Der Sinn eurer Forderung ist mitin der, ich erröte in eurem Namen, indem ich es sagen will: - wenn meine Vorstellung mit dem Dinge an sich wirklich übereinstimmt, darf ich sie verbreiten; wenn sie aber nicht wirklich damit übereinstimmt, soll ich sie für mich behalten. Übereinstimmung unsrer Vorstellungen von den Dingen mit den Dingen an sich könnte nur auf zweierlei Art möglich sein; wenn nämlich entweder die Dinge an sich durch unsere Vorstellungen, oder unsere Vorstellungen durch die Dinge an sich wirklich gemacht würden. Da beim menschlichen Erkenntnisvermögen beide Fälle vorkommen, aber sich so ineinander verschlingen, dass wir sie nicht scharf voneinander absondern können, so ist sogleich klar, dass objektive Wahrheit in der strengsten Bedeutung des Worts dem Verstände des Menschen und jedes endlichen Wesens geradezu widerspreche; dass mitin unsere Vorstellungen mit den Dingen an sich nie übereinstimmen noch übereinstimmen können. In diesem Sinne des Worts könnt ihr uns also unmöglich anmuten wollen, die Wahrheit zu verbreiten.

Dennoch gibt es eine gewisse notwendige Art, wie die Dinge uns allen, der Einrichtung unserer natur nach, schlechterdings erscheinen müssen, und insofern unsere Vorstellungen mit dieser notwendigen Form der Erkennbarkeit übereinstimmen, können wir sie auch objektiv wahr nennen - wenn nämlich das Objekt nicht das Ding an sich, sondern ein durch die gesetz unseres Erkenntnisvermögens und die der Anschauung notwendig bestimmtes Ding (Erscheinung) heissen soll. In dieser Bedeutung ist alles, was einer richtigen Wahrnehmung gemäss, durch die notwendigen gesetz unseres Erkenntnisvermögens, zustande gebracht wird, objektive Wahrheit. - Ausser dieser auf die Sinnenwelt anwendbaren Wahrheit gibt es noch eine in einer unendlich höheren Bedeutung des Worts; da wir nämlich nicht erst durch Wahrnehmung die gegebene Beschaffenheit der Dinge erkennen, sondern sie