Sprünge, oder durch allmähliches langsames, aber sicheres Fortschreiten. Durch Sprünge, durch gewaltsame Staatserschütterungen und Umwälzungen kann ein Volk während eines halben Jahrhunderts weiter vorwärtskommen, als es in zehn gekommen wäre - aber dieses halbe Jahrhundert ist auch elend und mühevoll -, aber es kann auch ebensoweit zurückkommen und in die Barbarei des vorigen Jahrtausends zurückgeworfen werden. Die Weltgeschichte liefert Belege zu beiden. Gewaltsame Revolutionen sind stets ein kühnes Wagestück der Menschheit; gelingen sie, so ist der errungene Sieg das ausgestandene Ungemach wohl wert; misslingen sie, so drängt ihr euch durch Elend zu grösserem Elend hindurch. Sicherer ist allmähliches Fortschreiten zur grösseren Aufklärung, und mit ihr zur Verbesserung der Staatsverfassung. Die Fortschritte, die ihr macht, sind weniger bemerkbar, indem sie geschehen; aber ihr seht hinter euch, und ihr erblickt eine grosse Strecke zurückgelegten Weges. So machte in unserem gegenwärtigen Jahrhundert die Menschheit, besonders in Deutschland, ohne alles aufsehen einen grossen Weg. Es ist wahr, der gotische Umriss des Gebäudes ist noch fast allentalben sichtbar; die neuen Nebengebäude sind noch bei weitem nicht in ein festes Ganzes vereinigt: aber sie sind doch da und fangen an bewohnt zu werden, und die alten Raubschlösser verfallen. Sie werden, wenn man uns nicht stört, immer mehr von Menschen geräumt und den lichtscheuen Eulen und Fledermäusen zur wohnung überlassen werden; die neuen Gebäude werden sich erweitern und allmählich zu einem immer regelmässigeren Ganzen vereinigen.
Dies waren unsere Aussichten, und diese wollte man uns durch Unterdrückung unserer Denkfreiheit rauben? - und diese könnten wir uns rauben lassen? - Hemmt man den Fortgang des menschlichen Geistes, so sind nur zwei Fälle möglich: der erstere unwahrscheinlichere - wir bleiben stehen, wo wir waren, wir geben alle Ansprüche auf Verminderung unseres Elendes und Erhöhung unserer Glückseligkeit auf; wir lassen uns die Grenzen setzen, über die wir nicht schreiten wollen - oder der zweite, weit wahrscheinlichere; der vernichtet alles, was ihm im Wege steht, die Menschheit rächt sich auf das grausamste an ihren Unterdrückern, Revolutionen werden notwendig. Man hat von einem schrecklichen Schauspiel der Art, das unsere Tage lieferten, noch nicht die wahre Anwendung gemacht. Ich befürchte, es ist nicht mehr Zeit, oder es ist hohe Zeit, die Dämme, die man noch immer, jenes Schauspiel vor den Augen, anderwärts dem Gange des menschlichen Geistes entgegengesetzt, zu lüften, damit er sie nicht gewaltsam durchbreche und die Fluren umher schrecklich verwüste.
Nein, ihr Völker, alles, alles gebt hin, nur nicht die Denkfreiheit. Immer gebt eure Söhne in die wilde Schlacht, um sich mit Menschen zu würgen, die sie nie beleidigten, oder von Seuchen entweder aufgezehrt zu werden, oder sie in eure friedlichen Wohnungen als eine Beute mit zurückzubringen; immer entreisst euer letztes Stückchen Brot dem hungernden kind und gebt's dem Hunde des Günstlings - gebt, gebt alles hin; nur dieses vom Himmel abstammende Palladium der Menschheit, dieses Unterpfand, dass ihr noch ein anderes Los bevorstehe als dulden, tragen und zerknirscht werden, - nur dieses behauptet. Die künftigen Generationen möchten schrecklich von euch zurückfordern, was euch zur Überlieferung an sie von euren Vätern übergeben wurde. Wären diese so feige gewesen wie ihr, ständet ihr dann nicht noch immer unter der entehrendsten Geistes- und Leibessklaverei eines geistlichen Despoten? Unter blutigen Kämpfen errangen jene, was ihr nur durch ein wenig Festigkeit behaupten könnt.
Eure Fürsten hasst darum nur nicht; euch selbst solltet ihr hassen. Eine der ersten Quellen eures Elendes ist die, dass ihr von ihnen und ihren Helfern viel zu hohe Begriffe habt. Es ist wahr, sie durchwühlen die Finsternisse halbbarbarischer Jahrhunderte mit emsigen Händen, und glauben eine herrliche Perle gefunden zu haben, wenn sie einer Maxime derselben auf die Spur gekommen sind - dünken sich sehr weise, wenn sie diese spärlichen Maximen, so wie sie sie fanden, ihrem Gedächtnisse aufgezwungen haben: aber das könnt ihr sicher glauben, dass sie von dem, was sie wissen sollten, von ihrer eigenen wahren Bestimmung, von Menschenwert und Menschenrechten, weniger wissen, als der Ununterrichtetste unter euch. Wie sollten sie so etwas je erfahren? - sie, für die man eine eigene Wahrheit hat, die nicht durch die Grundsätze, auf welche die allgemeine Menschenwahrheit sich gründet, sondern durch die Staatsverfassung, die Lage, das politische System ihres Landes bestimmt wird, - sie, deren Kopf man von Jugend auf mühsam die allgemeine Menschenform nimmt und ihm diejenige einpresst, in welche allein eine solche Wahrheit passt, - in deren zartes Herz man von Jugend auf die Maxime einprägt: Alle die Menschen, Sire, die Sie da sehen, sind für Sie da, sind Ihr Eigentum. Wie sollten sie, wenn sie es auch erführen, je Kraft haben, es zu begreifen? - sie, deren Geist man künstlich durch eine erschlaffende Sittenlehre, durch frühe Wollüste, und, wenn sie für diese verstimmt sind, durch späten Aberglauben, seine Schwungkraft raubt. Man ist versucht, ein stets fortdauerndes Wunder der Vorsehung anzunehmen, wenn man in der geschichte doch so ungleich mehr bloss schwache, als böse Fürsten antrifft; und ich wenigstens rechne den Fürsten alle Laster, die sie nicht haben, für Tugenden an, und danke ihnen für all das Böse, das sie mir nicht tun.
Und solche Fürsten überredet man, die Denkfreiheit zu unterdrücken - nicht etwa um euretwillen. Möchtet ihr doch denken und untersuchen und auf den Dächern predigen,