All_Enlightenment_50.txt

würde sich nicht so an der Nase führen und sich unter vielen Dankbezeugungen den Beutel so sündlich melken lassen, wenn er wirklich aufgeklärt wäre. Aber von solcher Rabulistenspitzfindigkeit auf wahre Aufklärung zu schliessen: das war' ebenso, als man das Licht für schädlich erklären wollte, weil Irrlichter in Moraste führen. Das Beispiel von Genf hat hinlänglich gezeigt, was auch ein hoher Grad von Aufklärung über seine Rechte, was die scharfsinnigsten politischen Grübeleien wirken, wenn diese Bildung einseitig ist, und nicht wahre christlich-religiöse Aufklärung zugrunde liegt. »Gott will, dass ich meiner Obrigkeit gehorche und ihr die Abgaben entrichte, die sie mir auflegt. Ich sündige gegen Gott, wenn ich das nicht tue; denn die Obrigkeit steht nicht von ungefähr an der Stelle, sondern Gott hat sie dahin gesetzt. glaube' ich, dass mir Unrecht geschehe, so mag ich's ihr vorstellen, sie um Gerechtigkeit, um Hilfe, um Erleichterung meiner Last, um Gnade bitten; ich darf mein Recht bei den Richtern suchen, die von ihr gesetzt sind, aber ich muss mich dem unterwerfen, was die Obrigkeit spricht.« - Das ist wahre Christuslehre über diesen Punkt, und die einzige Aufklärung über seine Rechte, die das Volk bedarf.

VII.

Noch eine falsche Aufklärung ist Verfeinerung, Kultur; oder vielmehr: es ist keine Aufklärung, wird aber oft damit vermischt, von Leuten, die verwandte Begriffe nicht zu sondern gewohnt sind. Man versteht darunter einen gebildeten Geschmack für das Schöne, Artige, für alles, was den Sinnen schmeichelt oder die Einbildungskraft angenehm unterhält. Eine gewisse Fertigkeit in allen Künsten, die für das Vergnügen der Sinne oder für gemächlichen Lebensgenuss arbeiten. Eine Bekanntschaft mit solchen Kunstwerken, mit ausgeklügelten Gemächlichkeiten des Lebens. - Ist eine Nation verfeinert, so isst sie niedlich, kleidet sich und baut und möbliert sich mit Geschmack; sie ist mit Gemälden und Kupferstichen, mit schönen Formen, mit Quartettenmusik bekannt. Man tanzt allgemein gut, und die angenommenen Zeichen der Höflichkeit werden gelehrt wie das ABC. - Gern verzeiht man es einem Mädchen, dass sie nicht recht lesen und schreiben kann: aber die ganze Stadt spricht von ihrer schlechten Erziehung, wenn sie ein schiefes Kompliment macht. Einem Jüngling ist's sehr wohl erlaubt, Lessing und Rochow, Klop-stock und Bürger und Basedow und Campe nicht zu kennen. Kein Mensch nimmt's ihm übel, wenn er einer Gesellschaft von Damen einen Donnerkeil vorzeigt und ihnen aus seiner Schwere die Kraft des Donners erklärt, oder mit weiser Miene rät, ein Blumenbett zu bedecken, damit kein Tau darauf falle, oder mit Aufmerksamkeit einen Rheumatismus in Weingeist betrachtet, den ein galonierter Budendoktor durch seine Arzneien weggebracht hat. - Wer kann alles wissen? - Aber den Oberontanz nicht zu kennen; nicht zu wissen, was esprit de plumes, bordure en plätitudes, tete de negre oder sang de boeuf ist; das neueste Modenjournal nicht gelesen zu haben: das ist schrecklich! - Man begreift leicht, wohin es führen muss, wenn der reiche, vornehme teil einer Nation diese unglückliche Richtung genommen hat. Das Unwichtige wird wichtig; und das Wichtige wird für Kleinigkeit gehalten. Alle ernsten Geschäfte machen tödliche Langeweile; man tut sie nur, um niedlicher essen, sich geschmackvoller kleiden, sich besser amüsieren zu können. Wie sie denn getan werden, das begreift sich leicht. Was nicht für die Sinne ist und den Sinnen wohltut, hat durchaus keinen Reiz mehr. Es heisst Schwärmerei und Überspannung, nach so etwas zu streben. Alle Manneskraft und Mannestätigkeit; alle Vaterlandsliebe, aller religiöse Sinn, aller Entusiasmus fürs Gute, Edle, Grosse; aller Wissensdurst, Weisheitsdurst, Vollkommenheitsdurst stirbt allmählich ab. Die Muskelkraft der Nation wird gelähmt; die Knochen werden zu Brei erweicht, und natürlich sinkt der Körper kraftlos zu Boden, wie die geschichte so manches volkes lehrt. Wurde durch Aufklärung eine solche Krankheit veranlasst, arbeitet Aufklärung auch nur von Ferne dahin: - willkommen dann Unwissenheit und Barbarei! Der Volksfreund müsste über sie wachen, wie über das heiligste Palladium seiner Nation! Verbannen müsste man den Unseligen, der nur das kleinste Lämpchen anzündete, damit das Volk besser sehe! - Es wäre Pflicht der Regierung und der Menschlichkeit, gesetz gegen Aufklärung zu machen, wie man sie gegen Einführung von Konterbande macht, und jeden Fremden Quarantäne halten zu lassen, bis man wüsste, ob er nichts von dieser Pest mitbringe. - Aber sie ist sehr unschuldig daran und bewahrt noch eher vor dieser Überverfeinerung, weil der Aufgeklärte leicht den Schaden davon einsieht.

Wahre Aufklärung arbeitet nur dahin, dass der Mensch ein besserer Mensch werde und das, was er zu tun hat, mit Überlegung auf die beste Art tue; dass er die Kenntnisse erlange, deren er als Mensch, als Untertan, Hausvater, Land-mann, Handwerker, Kaufmann bedarf; dass diese Kenntnisse richtig seien; dass seine Seele Anstoss habe, weiter nachzudenken, wo er in seinem Kreise, zu seinem Geschäfte Nachdenkens bedarf. -Wie könnte das zu der Üppigkeit, Geschmäckelei, zu dem tändelnden Kleinigkeitsgeiste verführen, der gerade alles Nachdenken und alle Tätigkeit hasst? Oder ist etwa der teil von Deutschland, der die meiste Kultur hat, auch der aufgeklärtere teil? Kam Italien durch Aufklärung zu der Üppigkeit, die man dort kennt? Und war Rom am meisten verzärtelt, als es am aufgeklärtesten war? - Freilich wird einem Volk Verfeinerung unmöglich werden,