nicht getraut, Wahrheit zu sagen; der die Macht seiner Worte feil gibt und die Stärke als Mietling verkauft, um die Sache des Lasters zu vertreten.
Mancher Mensch, der nicht im stand ist, eine Zeile zu schreiben, aber der ein wörtliches Talent der Satire hat, glaubt endlich, wenn er alle Bücher getadelt, alle Schriftsteller gespottet und so seiner Bosheit geschmeichelt hat - er glaubt, sage ich, dass er selbst ein Mensch von Geschmack und feinem Gefühl sei, und betrügt sich sowohl in dem Urteil über sich selbst als über andere. Die Kritik soll nur demjenigen erlaubt sein, dessen Einsicht, Beurteilungskraft und Redlichkeit kein persönliches Interesse verdunkelt; allein es gibt Kunstrichter, die nichts tun als einen Autor demütigen, anstatt ihn zu belehren, und so entdecken sie ihren Stolz, ihre Unwissenheit, ihre Eifersucht; ihre Bosheit erlaubt nicht, das Gute und Schlechte eines Werks einzusehen.
Dieses ist beiläufig das Gemälde unserer dermaligen Literatur, und diese Art von Lektüre zieht uns aus dem Zirkel der Gesellschaft und hält uns in der Stille unseres Studierzimmers und der Kälte der Einsamkeit verschlossen. Wir suchen alle Tugenden in den Büchern und keine in dem menschlichen Leben; wir begnügen uns alle, gut geschwärmt zu haben, und entziehen uns alle der Pflicht, gut zu handeln.
O Sokrat! weisester der Menschen! Studiertest du in der Einsamkeit die Menschen? Flohst du denn die menschliche Gesellschaft, und wolltest du nur durch Schriften mit ihr sprechen? Nein, du warst auf den offenen Plätzen, du befragtest die Herzen; deine Sprache war Einfalt, und du locktest die Wahrheit herbei, dass sie sich ohne Schminke, ohne Pracht in ihrer Wesenheit den Menschen darstellte.
O ihr Menschen! die Lektüre hat weit jene grossen Vorteile nicht, die euch der Umgang tugendhafter Menschen gibt. Der Endzweck der Lektüre sollte sein, euch zu Menschen zu bilden; allein dieser Endzweck wird vollkommen vernachlässigt; man liest aus Geschmack, aus Stolz, aus leidenschaft, aus Langeweile, um gelehrter, um witziger, um schlauer, um boshafter, nicht um ein besserer Mensch zu werden.
Durchgeht die Bücher unseres Zeitalters, eine kleine Zahl ausgenommen, und seht, ob sie nicht ein ewiger Widerhall der Alten sind, der immer schwächer und schwächer wird, je öfter er sich wiederholt. Die Wahrheit ist nur eine; die Lektüre kann keinen anderen Zweck haben als uns zur Wahrheit zu führen; wenn wir sie in einem Ding gefunden haben, so sind alle Bände überflüssig, die über diesen Gegenstand geschrieben worden sind. Die Wahrheit ist das grosse Ziel, nach welchem alle Gelehrten trachten sollen; sie gleicht einer Scheibe, die die natur öffentlich ausgestellt hat, um den Schützen zu prüfen. Jeder kann es wagen, seinen Pfeil nach dem Ziel zu werfen; nur wird einer näher, der andere entfernter stecken; mancher wird gar die Scheibe verfehlen; nur die, die dem Mittelpunkt am nächsten sind, sind die Besseren, und der Beste, der den Mittelpunkt durchbohrt hat. Ist das Ziel erreicht, so ist die Scheibe unnütz; auch hat nur der einen Wert, der seinen Pfeil ins Mittel warf oder nahe ans Mittel. Wozu sind die Tausende, die weit von dem Ziel ihre Köcher leerten? Dieses ist ein Bild unserer Literatur; die meisten Schriftsteller entfernen sich vom Mittelpunkt der Wahrheit, und kommen dem Ziele gar nicht nahe.
Wenn gar keine Lektüre wäre, so wäre es freilich dem Fortgang menschlicher Kenntnisse sehr hinderlich; es wäre dem Fortgang menschlicher Geisteskräfte auch wirklich schädlich, aber doch gewiss lange nicht so schädlich als jener blinde Eifer, tausend Broschüren zu durchblättern und alles nach der Quere und nach der Länge anzunehmen, nach dem verpfuschten Massstab der meisten Schriftsteller. In jedem Reich verhält sich alles nach Mass und Gewicht, nur im Reich der Literatur will man weder Mass noch Gewicht haben; jeder misst und wägt nach seinem Eigendünkel; was Wunder denn, dass Betrug und Verwirrung herrschen? - Das Abgeschmackte und Böse gefällt; gute und aufklarende Bücher werden von wenigen gelesen, man fängt die Lektüre mit Broschüren an, um den Geschmack früh zu solideren Werken zu verderben. Nur ein Gelehrter, sagt ein gewisser Schriftsteller, kann ein Buch schreiben, aber Narren schreiben auch Broschüren, und doch wurden Narren immer mehr als die Gelehrten geschätzt. Die Mäklerei der Buchhändler trägt zum Verderben der gesunden Lektüre das meiste bei. Um ihren Gewinn zu befördern, denken sie nur auf Abgang und nicht auf den Wert der Sache. Sie bedienen sich der Leidenschaften der Menschen zur Befriedigung ihrer Phantasien und Launen. Daher der Ursprung so vieler sittenverderbender Bücher, daher der metaphysische Tand, jene dichterischen Tändeleien, die das Gefühl entstellen und die Sinnlichkeit reizen. Die meisten Autoren, die unter dem Despotendruck der Buchhändler schmachten, richten sich manchmal nach ihren Launen und schänden daher die Literatur durch ein niederträchtiges Kommerz des Eigennutzes. Hierdurch verwandelte sich die reine Sittenlehre in Sinnlichkeit, hierdurch verlor selbst die Freundschaft ihre Würde; die Liebe hat jenen sanften und lächelnden blick der Unschuld nicht mehr, der die Menschen zur Sittlichkeit führte; sie veränderte ihre freie Miene in die Miene der Buhlerin, um durch entlehnte Masken zu betrügen. Die Freundschaft wird enteiligt und verschwindet wie eine Chimäre in dem Augenblick, wo sie durch Tat und Rat ihre Wirklichkeit äussern soll.
So verdorben ist die Teorie der Sitten durch die Verwirrung der Denkart verschiedener Schriften; sie gleicht einem Schattenspiel, das manchmal die reizendste Gegend bildet, und von der