All_Enlightenment_22.txt

nichts mehr seine Pflicht, als den Funken, wodurch er mit höheren Wesen enger verwandt wird, immer mehr anzufachen, und bei der durch dieses Bestreben erregten Flamme den wahren Wert der Dinge kennen, Wahrheit vom Irrtum, Tugend von Verbrechen unterscheiden zu lernen. Aufklärung ist das erhabene Ziel, das jeder Mensch, dem seine Menschenbestimmung nicht fremd ist, mit rastlosem Eifer zu erreichen suchen muss. Aber auch nur wahre Aufklärung; keine falsche. Und erstere besteht nicht sowohl in einer Menge erlernter, nicht durch den Verstand, sondern durch das blosse Gedächtnis erworbener Kenntnisse, als vielmehr in der durch fleissige Übung erlangten Fertigkeit, zu prüfen, zu vergleichen, zu urteilen - kurz zu denken. Das Denkvermögen ist die edelste Kraft des Menschen; - sie zu brauchen, ist sein edelstes, notwendigstes, unveräusserlichstes Vorrecht. Wird sie in ihm erstickt, so hört er auf Mensch zu sein, und er sinkt zur Klasse der Tiere herab.

Staatengesellschaften sind Mittel zum Zweck. Um besser, edler, gesitteter, aufgeklärter zu werden, traten die Menschen in Staaten zusammen, opferten einen teil ihrer natürlichen Freiheit auf, um die dadurch teuer genug erkaufte Ruhe und Sicherheit zu ihrer sittlichen Bildung nützen, um unter dem Schutz des Gesetzes auf dem Pfad der Vervollkommnung fester und schneller wandeln zu können. Derjenige Staat, welcher die ihm angewiesenen Grenzen verkennt, der die ihm zum Wohl seiner Untertanen anvertraute Gewalt missbraucht, -um sie herabzuwürdigen und ihrer Vernunft Fesseln anzulegen, der sich frevelhafte Eingriffe in das unveräusserliche Recht der Menschheit, in die Denkfreiheit, erlaubt, sie zu beschränken, wohl gar zu vernichten trachtet - dieser Staat ist ein Verräter der Menschheit, die in ihm herrschende Verfassung eine verderbliche, die Kräfte des Menschen untergrabende und folglich eine zu vernichtende Verfassung.

Aber, wird man vielleicht fragen, wie ist es möglich, dass irgendeine bürgerliche Gesellschaft und ihr Regent, irgendein Fürst, König oder Despot, die Denkkraft des Menschen zerstören, seine Denkfreiheit einschränken könne? Kein Herrscher, wäre er auch mit der grössten Macht versehen, befände er sich gleich an der Spitze eines zahllosen, seinen Befehlen blindlings gehorchenden Heers, ist im stand, mit dieser physischen Kraft einer moralischen Kraft, wie doch unstreitig das Denken ist, entgegenzuarbeiten; kühn wird sie der angemassten törichten Allmacht spotten, und trotz des Gebotes nach wie vor wirken. Ganz richtig; nur vergesse man nicht, dass es noch einen anderen Weg gibt, worauf sich mittelbar dasjenige erreichen lässt, was unmittelbar keine menschliche 1 Macht zu vollenden vermag. Wenn alle Bürger, oder doch wenigstens eine Klasse derselben, durch die Fühllosigkeit und die Usurpation eines tyrannischen Despotismus in eine Lage versetzt sind, wo unaufhörliche, durch ihre Grösse die Gesundheit ruinierende arbeiten und andere unerträgliche Lasten, verbunden mit der grausamsten Behandlung, die von der Willkür und dem Eigensinn des Befehlshabers, nicht von wahren Vergehungen abhängt, jeden edleren Trieb ertöten und nach und nach eine Apatie herbeiführen, welche unter diesen Umständen an Brutalität grenzt, so wird wohl niemand mehr zweifeln, dass vermöge dieser verabscheuungswürdigen Kunstgriffe nicht bloss die freie Exertion der Denkkraft gehemmt, sondern dieses Vermögen sogar allmählich unterdrückt werden kann. Wem drängt sich nicht unwillkürlich bei dieser Behauptung das Bild des Negersklavens oder auch des polnischen und in vielen deutschen Territorien des deutschen Leibeigenen auf?

Aber auch nicht minder heilig und unveräusserlich, als die Denkfreiheit, ist das Recht zu reden und zu schreiben, oder mit anderen Worten, das Recht seine Gedanken mündlich oder schriftlich mitzuteilen. Und warum? Die Denkfreiheit ist mit der Rede-, schreibe- und Pressefreiheit oder, um mich eines Ausdrucks zu bedienen, der alle diese Gattungen in sich fasst, mit der Publicität so genau verbunden, erstere ist von letzterer so sehr abhängig, dass diese einschränken auch jene einschränken, diese unterdrücken auch jene unterdrücken heissen würde. Der Beweis dieses Satzes, meine ich, soll mir leicht werden, da er auffallend ist. Denn

1) bedenke man nur, welche ungemein geringen Fortschritte selbst das grösste tätigste Genie, dem die wirksamste Seelenkraft zuteil geworden ist, im Gebiet der Erkenntnis und des echten Forschens trotz aller seiner Bemühungen machen würde, wenn es ganz isoliert von aller menschlichen Gesellschaft nur für sich fortarbeiten, wenn es nur seine Gedanken nützen und sie nicht durch die Einsichten anderer denkender kopf berichtigen, erweitern und befestigen könnte. Lehrt nicht die geschichte, dass alle Kenntnisse erst in ihrer Kindheit waren und nur dadurch, dass immer einer dem andern seine Entdeckungen und Einfälle mitteilte, dass die Forscher darüber redeten, disputierten, Untersuchungen anstellten usw., nach und nach in einer Reihe von Jahrhunderten zu der Vollkommenheit gestiegen sind, in welcher sie sich jetzt befinden? Die Denkfreiheit würde daher nur zur Hälfte gebraucht werden können, sie würde sich in einem unnatürlichen Zwang befinden müssen, wenn der denkende Mensch seine Gedanken nicht mitteilen und auf diesem Weg anderer Berichtigungen und Meinungen darüber erfahren könnte.

2) Wenn es gleich unsere höchste Bestimmung, der herrliche und belohnende Zweck unserer Tätigkeit ist, unser Seele immer mehr und mehr zu vervollkommnen, ihr immer höhere Bildung und Veredlung zu verschaffen und so immer aufgeklärter und folglich auch besser und glücklicher zu werden, so schliesst diese Bestimmung doch keineswegs ein gleich edles und ruhmwürdiges Bestreben aus, welches eine geläuterte Moralität dem Menschen vielmehr zur ersten Norm seines Wandels vorschreibt. Mag immerhin ein kalter Egoismus den für die Wohlfahrt der Menschheit verderblichen Grundsatz behaupten, dass der Mensch nur für sich, nicht für andere lebt, dass er