ehren gezwungen sehen, sind stündlich bereit, jeden gleichverdienten Mann auf ähnliche Art zu behandeln.
Zwar verbrennt man die Denker nicht mehr mit Feuer und verbannt sie nur selten aus ihrem Vaterland; aber man droht doch sie ihrer Ämter zu entsetzen, wenn sie deren haben, man nimmt bei Besetzung der wichtigsten Stellen keine Rücksicht auf sie, man setzt sie überall zurück, man zwingt sie zu hungern oder Mietlinge gewinnsüchtiger Buchhändler zu werden, versichert aber übrigens, dass man zu tolerant sei, um nicht jeden denken zu lassen, was er wolle, nur mit der einzigen Bedingung, dass er davon nur so viel, als der Landesverfassung nachgedacht werden darf, bekannt werden lasse.
Was für Folgen muss dies von jeher für die Aufklärung gehabt haben? - Diejenigen, deren Amt es war, richtige Begriffe zu verbreiten, waren entweder Alltagsmenschen, welchen es aus Geistesträgheit, Liebe für ihr Amt und dessen Einkünfte, Begierde nach Titel und Rang nicht einfiel, etwas anderes zu lehren, als was dem Leisten der jedesmaligen Innungsteologie oder Philosophie, zu der sie sich bekannten, anpasste. Oder es gab in diesen Ämtern durch Zufall einige gute, hellersehende Köpfe; allein, sie waren weder redlich noch mutig genug, zu sagen, was sie dachten, wenigstens es frei und ganz heraus zu sagen. - Sie dachten anders als sie lehrten, und die ehrlichsten unter ihnen glaubten alles getan zu haben, wenn sie von den streitigen Punkten schwiegen, statt dass sie gerade diese am einleuchtendsten hätten darstellen sollen. Wenn auch hie und da ein Staat die Reinigung der Volksmeinungen vom gröbsten Aberglauben duldete und selbst dafür zu wirken schien, so lagen dabei doch selten so reine Absichten zugrunde, um der Aufklärung fortdauernden, unabsichtlichen Schutz versprechen zu können.
Es bedürfte gewisser vorteilhafter Umstände, um den klügeren Staatsbeherrschern den unmittelbar auf ihre Wünsche wirkenden Nutzen gewisser vernünftiger Verbesserungen einleuchtend zu machen, und sie boten alles auf, um diese Verbesserungen zu veranstalten, allein, sobald die Aufklärung mit dem wahren oder eingebildeten höchsten Interesse nicht mehr zusammenzuhängen schien, sobald sie das bewirkt hatte, wozu man sie brauchen wollte, so hörte auch die Begünstigung ihrer ferneren Fortschritte auf. Denn was hätte man wohl nun noch für Gründe haben können, Menschen vernünftig werden zu lassen, die dazu, wozu man sie bestimmte und brauchte, gerade klug genug waren.
So unterjochte man die kaum befreite Vernunft von neuem und erlaubte ihr höchstens, nur in Ansehung solcher Gegenstände frei zu wirken, deren Prüfung keiner von den zu ewigen zeiten festgesetzten Herrschungsmaximen mittelbar oder unmittelbar nachteilig werden konnte. Da nun alles menschliche Wissen ein grosses zusammenhängendes Ganze ausmacht und es daher wenig Wissenschaften gab, die nicht auf irgendeine Art auf die Widerlegung gewisser verfassungsmässiger Absurditäten gewirkt hätten, so wurde auf diese Weise kaum noch die Aritmetik mit genauer Not vor allem Meinungszwang sicher.
übrigens wurden bei der immer wachsenden leidenschaft des Eigennutzes auch nur gerade die Kenntnisse in Schutz genommen, deren Nutzen den Staatsökonomen gerade vor der Nase lag.
arme Vernunft! was hast du den Sterblichen getan, dass du, die sie als der Gotteit bestes Geschenk und als ihre grösste Wohltäterin verehren sollten, so viele erklärte Feinde und so höchst wenig wahre dich um deiner selbst willen liebende Freunde hast? indes ein unzählbares Heer von Pedanten, Höflingen, Heuchlern und Alltagsköpfen dich verachtet und mit vereinten Kräften unterdrückt; indes Erziehung, Herrschsucht, Hochmut, Verblendung, Eigennutz, Geiz und Dummheit sich vereinigen, um kindische, mit den anerkanntesten Naturgesetzen streitende Vorurteile in Schutz zu nehmen und die betrogene Menscheit für ihre einleuchtendsten Vorteile blind zu machen, bist du nur von einzelnen selten beglückten Sterblichen gekannt und geschätzt, und nur an wenigen Orten geduldet! - Kümmerliche Verborgenheit ist dein Los, du, deren wohltätiges Licht gleich der Sonne den ganzen Erdkreis zu erleuchten und zu erwärmen bestimmt ist!
Was kann man auch von einem Zeitalter erwarten, in welchem die durch das seltene Zusammentreffen einiger glücklicher Umstände begünstigten Hoffnungen auf gänzliche Verbannung der alten Barbarei durch Tücke und Gewalt wiederum vernichtet und ganz neue Wege eingeschlagen werden, um Unsinn und Vernunftverleugnung in ihre unverjährten Rechte noch in zeiten wieder einzusetzen! - Das nämliche Jahrhundert, dem es vorbehalten schien, das Werk der Befreiung der menschlichen Vernunft von der Tyrannei der Vorurteile aller Art zu vollenden, schmiedet ihm neue Fesseln! –
Mit den mehr als jemals verfeinerten Sitten entstand eine gewisse unedle und unmännliche Weichlichkeit der Denkart, eine nervenschwächende Empfindsamkeit, durch deren behaglichen Zustand man für die ernsteren und strengeren Geistesübungen stumpf und gleichgültig ward, eine gewisse durch die sogenannten gesitteten Stände verbreitete Trägheit des Geistes, welche nur nach Genuss und nie nach Selbsttätigkeit strebt. Die von Frankreich entlehnte, bloss nach Witz und Unterhaltung haschende Anekdotensucht, die Zeit und Geist tötende Spielseuche, die vom Reiche des vernünftigen Räsonnements ganz getrennte Tyrannei der Mode, welche Europas klügste Völker mit eisernem Szepter regiert und von Kleidertrachten auch auf Denkart, Moralität und Meinungen übergeht, das bis aufs höchste getriebene Raffinement der sinnlichen Vergnügungen aller Art - alle diese schönen Dinge vereinten sich in unserem gepriesenen Jahrhundert, um den Geist der grossen und der mittleren Stände durch die Beschäftigung mit Torheiten und Kleinigkeiten zu erschlaffen.
Man denke sich einen Mann, der bei einer mittelmässigen Ausbildung des Geistes, bei einer übrigens nicht unglücklichen Anlage, bei mancherlei Talenten und Kenntnissen seine Zeit und seine Kräfte auf ein einziges, vielleicht unbedeutendes, vielleicht ganz positives Studium wendet und dabei weder Kraft noch Mut genug hat, sich über die hergebrachten Vorurteile seines Standes, seiner Nation und