All_Enlightenment_157.txt

inneren Energie und äusseren Verhältnissen. Er kann nie auf den Punkt gebracht sein, wo er gleichsam von seinem Gipfel auf sich selbst herabsehen und nichts weiter tun könnte, als sich über sich selbst freuen, seine Stärke und Konsistenz bewundern und das Erworbene geniessen. Der eitle Wahn, schon alles in allem zu sein, hat manchem Menschen sein Elend und manchem Staat seinen Umsturz gebracht. »Wer da steht, sehe wohl zu, dass er nicht falle

Es ist eine über alles zu beherzigende Wahrheit, dass die Menschheit nur durch stete Regsamkeit emporkommen, sich nur durch immerwährenden Fleiss und Aufmerksamkeit erhalten, nicht durch Stillstand und müssigen Genuss, sondern durch tätige Fortschritte ihren Zweck erreichen kann.

Der Mensch, der sich zu dem Bestreben nach Sittlichkeit unerlässlich berufen findet, hat eben dadurch einen ewigen Gegenstand seiner Selbsttätigkeit. Die Sittlichkeit aber erfordert um ihretwillen an dem Menschen selbst subjektive Kultur, also Entwicklung und Anwendung aller seiner Talente und Vermögen. Der Gegenstand derselben ist er selbst und die ihn umgebende natur; folglich wird durch die Sittlichkeit eine immerwährende, allgemeine und in ihren Graden immer zunehmende Kultur des Menschen an sich und der ihn angehenden natur gefordert. Mit dieser, aus der geistigen natur des Menschen abfliessenden Regel stimmt die Sinnenwelt aufs genaueste, so dass sie nach eben der Regel in ihrem Mechanismus erhalten wird, wodurch der Mensch selbsttätig emporkommen soll. Ruhe und Stillstand der natur würde gar bald eine allgemeine Fäulnis und Verpestung und dadurch eine gänzliche Zerrüttung der Dinge nach sich ziehen; durch Regsamkeit und stete Bewegung aber säubert sich Luft und Meer; atmet das Heer von Geschöpfen in und ausserhalb dem Schösse der Erde; durch sie grünt die Pflanze und lebt der Mensch; durch sie steigt alles empor und reift zu seinem Ziele.

Aufklärung zeigt dem Regenten den einzig möglichen Weg, auf dem gewaltsamen Revolutionen vorgebeugt werden kann, nämlich: immer gleichen Schritt mit der Kultur der Nation zu halten. Oder was noch rühmlicher für denselben ist: immer eine Strecke in der Vollkommenheit vorauszugehen. Der Keim zur allmählichen Veredlung liegt tief und unzerstörbar in aller Menschen Seelen, kein Mensch, der seine natur nur mit einem halben Auge betrachtet hat, kann diese Bestimmung verkennen; sie ist in dem Wesen der Menschheit gegründet und durch ein apodiktisches Gesetz aufgegeben, und was der weise Schöpfer gepflanzt hat, soll der Mensch nicht zerstören. Es wird auch gewiss aller menschlichen Macht unmöglich sein, den Zweck der Schöpfung zu vereiteln, und die prachtvollen Werke ihrer Macht und Weisheit in einer ewigen Stockung zu erhalten. Hier und dort erwacht ein Volk nach dem andern aus seinem Schlummer und verlässt mit allmählicher Regung die rauhen Schranken der Tierheit. Dreimal glücklich sind sie, wenn eine weise Regierung ihnen vorangeht und ihre menschenfreundliche Hand den Schwachen reicht.

Die Fortschritte der Nation nehmen aber zu und eilen schneller zum Ziel, wenn erst einmal in ihr der rege Geist erwacht und die Kultur schon Land gewonnen hat. Nun mag dieser gang der Veredlung durch noch so mannigfaltige Labyrinte gehen, bald stocken, bald mit verjüngter Stärke vorwärts rücken, so ist und bleibt doch ihr Ziel immer dasselbe: sie lenkt allmählich zur Sittlichkeit und eine auf sie gegründete Wohlfahrt ein. Der edle Keim menschlicher Hoheit, der hin und wieder in Europa schon so vortrefflich gediehen ist und so glänzende Früchte trägt, wird in den übrigen Teilen der Erde auch gewiss erwachen, und die Vorsehung wird hierzu Mittel finden und Wege zeichnen, die jetzt freilich noch im Rat des Unerforschlichen verborgen sind.

Der aufgeklärte Regent wird den Zweck der Regierung, die Nation sittlicher zu machen, nie aus dem Auge verlieren, jedes seiner gesetz wird vernünftig sein und den Stempel der inneren notwendigkeit und Allgemeinheit tragen, er wird für allgemeine Wohlfahrt nach allgemeinen Maximen sorgen, er wird die Nation kultivieren und alle Kräfte in Tätigkeit und Umlauf bringen, er wird Wissenschaften und Künste, Industrie und Landbau befördern, er wird ein Ebenmass und Verhältnis zu bringen wissen in alle Abteilungen der Staatsbürger, in alle Rechte, die sie zu geniessen, in alle Pflichten, die sie zu leisten, und in alle Lasten, die sie zu tragen haben.

Er wird also allen gewaltsamen Insurrektionen und traurigen Umwälzungen auf eine unfehlbare Weise zuvorkommen. Wahre Aufklärung ist also weit davon entfernt, gewaltsame Revolutionen zu begünstigen, sie ist im Gegenteil der einzige Weg, auf dem denselben mit Erfolg entgegengearbeitet werden kann. Aufgeklärte Untertanen halten sich durch ihre eigene Vernunft verbunden, sich jeder guten Ordnung zu unterziehen, den Gesetzen zu gehorchen und die vollziehende Macht des staates zu ehren; innerhalb ihres Berufes und Geschäftskreises ihren Pflichten treu zu bleiben, und alles für sich und ihre Nebenmenschen zu tun, was ihnen möglich ist. Der aufgeklärte Regent sieht es ebenfalls für heilige Pflicht an, durch Staatseinrichtung und Gesetzgebung dahin zu arbeiten, dass der edle Keim der Sittlichkeit bei seiner Nation mehr und mehr gedeihe. Er ist Vater seiner Völker, Güte ertönt von seinen Lippen, und Gerechtigkeit bewaffnet seinen Arm. Die Geschicktesten sind seine Gehilfen, und Gewissenhaftigkeit ist ihre Ehre.

So wird Liebe das Band, welches den Souverän und Untertan verbindet, und der Gehorsam ein williges Opfer, das den Gesetzen gebracht wird; dann findet keine Beleidigung, kein Aufstand statt, keine Furcht, kein Drohen. - Der gewaffnete Arm steht nur vor dem Verbrechen, und der Zorn trifft nur die Missetat. - Der weise Fürst wird Schöpfer und Herr einer edlen und glücklichen Nation.

1 Die Rebellion in den Niederlanden, wodurch man das rastlose Bestreben