Ehre Gottes sich von dem Gehorsam eines Oberhauptes lossagen, welches doch seine gesetzgebende Gewalt im Namen dieses Gottes ausübt; jetzt darf man zur Ehre Gottes Hunderttausende seiner Brüder würgen, weil sie sich nicht dazu verstehen wollen, um des Interesses einiger hab-süchtiger Menschen willen zu Verrätern an ihrem rechtmässigen Oberherrn zu werden; jetzt wird kein Unternehmen so verwegen, kein Verbrechen so unnatürlich sein, wozu man sich nicht jeden Augenblick bereit finden lasse. Und so ist es eben der Mangel an Aufklärung, der selbst die besten Regenten auf ihren Tronen unsicher macht. War nicht das mittlere Zeitalter - die Epoche der Unwissenheit und des Aberglaubens - eine Reihe Jahrhunderte lang aufeinander folgender Empörungen? Was liefert uns die geschichte dieses Zeitalters wohl anders, als Aufwieglungen der Untertanen gegen ihre Regenten, als fanatische Bürgerkriege, als Räubereien, Mordszenen und Grausamkeiten aller Art? Kurz, die geschichte aller zeiten liefert uns Beispiele von Revolutionen, die einzig der Mangel an Aufklärung möglich machte.
Frankreich selbst - wäre es wahrhaft aufgeklärt gewesen - würde entweder seine Revolution nie angefangen oder gewiss besser ausgeführt haben. Nicht das Nachbeten eines einzelnen grossen Schriftstellers, sondern bloss durch Selbsttätigkeit erworbene Kenntnisse machen wahrhaft aufgeklärt; und um eine Nation im ganzen aufgeklärt zu nennen, müssen solche Kenntnisse nicht nur bei einzelnen wenigen, sondern bei dem grössten teil des Volkes, und vorzüglich bei denjenigen angetroffen werden, denen die Bildung der Nation anvertraut ist. Volk und Geistlichkeit war aber in Frankreich weit entfernt, um aufgeklärt zu sein, vielmehr geteilt zwischen Aberglauben und Unglauben. Der französische Landmann war an guten grundsätzen weit hinter unseren Bauern. Unter den Bischöfen gab es keine Fenelons, keine Bossuets mehr. Die Bildung ihrer Seminarien war meistens eine ihrer letzten Sorgen. Sie glaubten genug getan zu haben, wenn sie die Lehrstühle gewissen Mietlingen überliessen und die Einkünfte ihrer Kirchen zu Paris verzehrten. So verfiel Klerisei und Volk. Selbst die Greueltaten, vor denen die Menschheit schaudert, zeigten den Verfall des Volkes im ganzen. Ein gebildetes Volk unterscheidet sich durch sanfte Sitten und gute Grundsätze.
Es ist freilich wahr, dass Aufklärung die Menschen an vernünftiges Räsonnement gewöhnt und auch im ganzen sie freier und freimütiger macht; allein, daraus Volksempörung zu befürchten, wäre die grösste Albernheit. Denn wahrlich: das blosse Räsonieren über Recht und Unrecht, über Wahrheit und Irrtum, über Nutzen und Schaden hat in der Welt noch keinen Menschen in leidenschaft gesetzt. Die Vernunft und der rechte Gebrauch derselben ist ja von jeher als das Gegenmittel gegen alle heftigen Affekte erkannt worden. Wo Überlegung ist, ist gar keine leidenschaft möglich, und Empörung ohne leidenschaft ist nicht einmal denkbar. Ein Mensch, der hinter dem Ofen über seinen Staat philosophiert, wird durch dieses Philosophieren gewiss nicht entschlossen werden, eine Rebellion zu beginnen. Was für ungeheure Kräfte müssen nicht in Bewegung gesetzt werden, ehe die Duldkraft eines Volkes, das von jeher an Dienstbarkeit und hartes Verfahren gewöhnt war, unterdrückt werden kann; in was für eine gewaltsame Spannung und Gärung müssen die Menschen geraten, und wie allgemein muss diese Gärung sich über die ganze Nation ausbreiten, ehe ein Aufstand gegen den Regenten bewirkt werden kann? Wer nur ein wenig Menschenkenntnis hat, wird es als ausgemachte Wahrheit gelten lassen, dass Rebellion ohne die fürchterlichste leidenschaft nicht möglich ist; und dass diese heftige leidenschaft, die eine ganze Nation gegen ihre Fürsten empören soll, nur durch zwei Kräfte möglich sei, entweder durch Fanatismus oder durch einen alle menschliche Duldkraft übermannenden Druck des Volkes.
Nie - nie kann und wird ein aufgeklärtes Volk den so bedenklichen, alle Selbstliebe und Vernunft empörenden Schritt tun und gegen seine Fürsten sich auflehnen.
Aber dem Phantom von Aufklärung, das vor der Revolutions-epoche fast durchgehend Mode war, das selbst Frankreichs Revolution zum teil mitbewirkte, der Eitelkeit, sich aufgeklärt nennen zu wollen, wenn man über alles, was andern Menschen heilig und ehrwürdig ist, spotten, zweifeln und mit entscheidendem Ton sprechen kann, dieser Afteraufklärung sollte billig jeder Schriftsteller, dem Tugend und Menschenwohl am Herzen liegt, entgegenarbeiten; und ganz gewiss darf man das von Deutschlands Schriftstellern erwarten, wenn nur einmal ihr Lesepublikum von seiner Modelektüre, die man samt Lastern und grundsätzen des freien Lebens sich aus dem ehemaligen Frankreich, als der einzigen Schule des Geschmacks, herholte, entwöhnt sein wird.
Unmöglich kann die durch Selbstdenken geübte und von der Sittlichkeit unzertrennliche Vernunft die Quelle irgendeines Übels sein. Im Gegenteil ist sie es einzig, die der Menschheit ihre Würde gibt; aber die zur Sklavin der Sinnlichkeit herabgewürdigte und zum Dienst des Lasters getäuschte Vernunft kann nichts als Trugschlüsse aufstellen, sie sagt es, dass die Absicht die Mittel heilige, sie betrachtet sich allein als Zweck und alles um sich her, selbst die Menschenwürde in andern, als Mittel zu ihrem Zweck.
Aufklärung zeigt dem denkenden Menschen, dass das gesellschaftliche Leben nicht blosse Willkür und zufällige Ubereinkunft, sondern dass es mehr noch, dass es Pflicht sei, indem der Mensch, der, es sei aus was immer für einem grund, sich ganz von seinesgleichen isoliert, dadurch sich die gelegenheit der eigenen Bildung und sittlichen Veredlung raubt und mitin die Würde, die er in seinen und in den Augen der höchsten Heiligkeit haben muss, nicht erreicht. Aufklärung lehrt, dass die gesellschaftliche Verbindung der Menschen mit Menschen es sei, welche der Tugend ihren Schauplatz und Wirkungskreis eröffnet, dass Tugend der höchste Zweck und die Grundlage der geselligen Verbindung sei. Der Aufgeklärte ist vollends überzeugt, dass das Gesetz der Tugend