All_Enlightenment_144.txt

Freiheit, wie allem dem, was glänzt, sie dauerte kurze Zeit. Sie fiel schneller und tiefer, als man je glauben konnte. Ebenso der Geist, welcher vorher keine gesetz erkennen wollte, trug gleich darauf geduldig die Ketten des Sklaven.

Überhaupt scheint jede Nation nur einen Zeitpunkt zu haben, in welchem sie der wahren Aufklärung fähig ist. Dies ist der Scheidepunkt, wo sie von der ersten Einfalt zum Überfluss übergeht. Man sollte glauben, viele Nationen hätten diesen Zwischenpunkt gar nicht gehabt. So schnell war der Übergang von dem einen zum andern. Unwissend, schwach und dürftig tritt der Mensch in die Welt. Roh und unbändig ist seine Empfindung, und einzeln und ungebildet liegen in ihm die Begriffe des Rechts und des Unrechts, des Guten und Schönen. Er kennt wenige Laster und wenige Tugenden. Sein erstes Leben verfliesst unter dem Gefühl seiner Bedürfnisse und unter Streben, Kampf und Gewalttätigkeiten, sich dieselben zu verschaffen. Der Jüngling fühlt die höheren Bedürfnisse seines Geistes. Frei von Sorgen und rastlosen Bestrebungen nach Reichtum, Ansehen und Macht, ohne grosse Ansprüche und Leidenschaften und reich an Kraft und Zeit, lebt er für sich und seine Ausbildung. Nicht so der Mann. Wichtige und unwichtige Geschäfte, grosse und kleine Leidenschaften, nötige und unnötige Zerstreuungen drehen ihn in dem unaufhörlichen Kreise, aus welchem er fast nie zu sich selbst zurückkommt. So wie erhitzte Tätigkeit ihn zurückhält, so drückt kalte Trägheit den Greis nieder. Die Zeit der Jugend war also die einzige Zeit der Bildung und Aufklärung. Ward diese versäumt oder verkürzt, so konnte er freilich bei wachsenden Jahren, durch glückliche Umstände emporgehoben, manches sogar Auffallende unternehmen und ausführen und Reichtum und Ansehen erhalten. Aber den Zeitpunkt der wahren Aufklärung durfte er nie wieder erwarten. Denn er war schon über denselben hinaus.

Dies Bild des einzelnen Menschen ist gewissermassen auch das Bild ganzer Nationen. Roh und ungebildet in ihrer Kindheit, nähern sie unvermerkt sich ihrer Jugend, welche von der Erfindung der Wissenschaften mit Recht ihre Bildung erwartet. Aber gemeinhin verschliessen innere und äussere Unruhen ihnen den Eingang, oder rauben doch die nötige Zeit, mit ihnen vertraut zu werden. Oder alle Künste ziehen, aus irgendeinem zerstörten Staat vertrieben, mit dem ganzen Gefolge ihrer Üppigkeiten und Schwelgereien plötzlich ein. Ihre Gegenwart erkennt man alsdann gemeinhin nur an den vermehrten Bedürfnissen. Man verlangt von ihnen die Bedürfnisse, welche man fühlt, und erlässt ihnen dagegen die Weisheit, welche man entbehren kann. So sehen die Künste gar bald sich aus Priesterinnen der Wahrheit zu blossen Dienerinnen des Vergnügens erniedrigt, und Nationen werden reich, gross, mächtig, blühen und gehen unter, ehe sie weise wurden. So blühten einst die Assyrer und Perser. Aber es war eine erkünstelte Blüte ohne Frucht. Immer will der menschliche Geist lieber glänzen als nützen. Wenn er daher auf dem ordentlichen Weg wenig Neues noch zu finden hoffen darf, so verliert er sich auf Abwege, und sobald er durch seine natürliche Schönheit kein aufsehen mehr machen kann, nimmt er seine Zuflucht zur Koketterie und zur Schminke des erkünstelten Witzes. Barbaren konnten nur Rom, aber nicht zugleich seinen guten Geschmack zerstören. Dies hatte das Zeitalter der Senecas schon vorher getan. Wenn nun aber die Rauheit eines volkes die Weisheit nicht einlässt und die schnelle Verfeinerung sie verdirbt, wenn die Armut sie nicht ernähren kann und der Überfluss sie verzärtelt, wenn lange Kriege sie verscheuchen und lange Ruhe sie entnervt, wenn die tobende Demokratie sie nicht hört urtd der finstere Despotismus sie nicht hören will, wenn es der Republik gemeinhin von innen und der Monarchie von aussen an Ruhe fehlt, so kann man leicht begreifen, wie selten und kurz der Zeitpunkt sei, zu welchem eine Nation der Aufklärung fähig ist.

Aber ein Staat sei auch noch so vollkommen, wird er verhindern können, dass nicht die niedrigsten Klassen des volkes die zahlreichsten, und gewisse Trennungen der verschiedenen Stände und Ordnungen nötig bleiben? Dies letztere hindert sie, sich so nahe zu kommen, dass sie einander berühren und ihre elektrischen Funken mitteilen könnten. Gedankenlos, wie die meisten Gewerbe, von welchen er lebt, geht der grosse Haufe dahin. Seine Wünsche gehen grösstenteils nicht über die Bedürfnisse des künftigen Tages hinaus. Es wird ihm leichter, die wenigen Kenntnisse der Jugend zu vergessen, als zu vermehren. Selbst die Geschäfte der höheren Stände, sind sie nicht so eingerichtet, dass eine längere Gewohnheit in den meisten Fällen zu ihrer Verwaltung hinreicht und dass man eine lebendige Maschine werden kann, ohne sein Amt zu verlieren? Der Mann von hellen Einsichten kann sogar öfter seinen Geschäften schaden, wenn er bald mehr Licht, bald einen anderen ungewöhnlichen gang in dieselben hineinbringen will. Aufklärung bleibt daher zu allen zeiten nur das freiwillige Vorrecht einzelner, welche dies Bedürfnis fühlen, so wie von jeher im allgemeinen mehr für die Verfinsterung als für die Aufklärung geschah.

Blättern wir nur ein Jahrtausend in der geschichte zurück, wie vielfache Beschimpfungen und Kränkungen erlebte der menschliche Geist nicht in dieser Zeit. Die Welt sah Fürsten bald an dem Gängelband eines Mönchs gehorsam geleitet, bald absichtlich in Dunkel eingehüllt, um ihre Leidenschaften und Absichten hinter demselben zu verbergen, bald mit der Fackel des Krieges Länder nicht erleuchten, sondern verbrennen, bald ihren Arm und Waffen dem verfolgenden Fanatismus gefällig leihen. Sie sah Männer, die edelsten und weisesten ganzer Nationen, im Exil oder auf dem Scheiterhaufen, sah Irrtümer zu Wahrheiten gestempelt und aufgedrungen und Wahrheiten vom Bannstrahl vertilgt, sah Bücher verdammt