All_Enlightenment_141.txt

, und ernährt doch selbst in seinem haus fremde Kinder. Wenn nun die Gelehrsamkeit im allgemeinen so wenig von der Aufklärung abhängig ist, so wird es diejenige noch weniger sein, welche die öffentlichen Ämter des Staates verwaltet. Den Teologen halten Symbol und Autoritäten, den Rechtsgelehrten Formeln und Kautelen diesseits der Grenzen der Aufklärung zurück und der Arzt schlüpft leicht jenseits derselben hinaus. Je mehr er die Organisation und den Mechanismus des menschlichen Körpers kennt, desto weniger glaubt er an seinen Geist. Sollte also die Aufklärung schneller wirken und allgemeiner siegen, als die Verfinsterung, so müsste vorher alles eine andere Einrichtung bekommen, unsere Erziehung, unsere Welt und sogar auch unser Geist.

Einer seiner vornehmsten Triebe ist der Trieb nach Kenntnis. Aber bald artet er in eine blosse Neugierde aus, welcher es wenig darauf ankommt, das was sie wissen will, auch zu unterscheiden und zu verbrauchen. Bald wird er von dem natürlichen Hang zum Wunderbaren so ganz verleitet. Kalt gegen das Gewöhnliche und Natürliche, verlangt er nichts zu sehen und zu hören, was nicht den Anstrich des Wunderbaren und Übernatürlichen hat. Die Eigenliebe erweckt in ihm den dunklen Gedanken der Grösse. Vielleicht dünkt er sich auf diese Art weiser als andere und meint so gar die natur selbst zu übersehen. Vielleicht glaubt er selbst desto grösser zu werden, je wunderbarer die Gegenstände sind, von welchen er umgeben ist, oder für einen vertrauten und erklärten Liebling der Gotteit unter seinen Brüdern zu gelten. Gemeinhin tritt seine Eigenliebe in den Bund mit der Phantasie wider den Verstand. Leicht sieht er auf diese Art, was er sehen will und glaubt schon vorher, was er hofft und wünscht. Was soll ich sagen von der so gewöhnlichen Trägheit, welche nur immer nach dem greift, was zunächst oder obenauf liegt? was von dem angeborenen Trieb der Nachahmung, welche ohne Bedenken den Weg geht, auf welchem sie Vorgänger sieht? Mancher Geist macht Kleinigkeiten zu wichtigen Gegenständen, da hingegen ein anderer über manches bei weitem nicht Unwichtige und Unbrauchbare als Kleinigkeit verächtlich hinwegsieht. Überhaupt ist es eine unangenehme Bemerkung, dass der menschliche Geist sich so leicht von der Mittelstrasse verliert und dass sein Verstand und sein Herz so selten gleichen Schritt hält. Er trägt daher entweder Ketten, oder zerbricht sie, ist entweder blinder Sklave, oder unbändiger Rebell. Was hilft's ihm daher, wenn er über die Zwischenlinie vom Aberglauben zum Unglauben so leicht hinüberschlüpft? Er bleibt in jedem Falle blind, es blende ihn die Nacht oder das Licht. Verstand ohne Herz macht zwar klug, wenn man so will, aber nicht weise. Seine Aufklärung ist nicht das Licht der Sonne und des Tages, sie ist nur die augenblickliche Erhellung des nächtlichen Blitzes, auf welchem es jedesmal finsterer wird als vorher. Auf der anderen Seite kann ein gutes Herz ebenso leicht schaden, wenn es die freie Untersuchung für gefährlich und den nötigen Zweifel für unerlaubt hält. Wie selten ist nun nicht ein Geist, welcher durch alle diese Klippen glücklich den Hafen erreicht, ohne entweder auf den Syrten zu stranden oder auf dem offenen Meer zu scheitern?

Soviel kostet es, ehe der menschliche Geist so weit kommt, dass er die ungerechten Ketten des Denkens abwirft und die nötigen gesetz der Vernunft beibehält, oder nicht nur über äussere Urteile, Gefahren und Vorteile, sondern auch über das innere Gefühl einer übelverstandenen Religiosität sich hinaussetzt. So wie niemand leicht sich heller und weiser stellen kann, als er in der Tat ist, so beruht hingegen die Verfinsterung in vielen Fällen auf blosser Verstellung. Verstellt oder wahr? Der Schade für die Welt ist gleich gross, und immer desto grösser, je mehr der es ist, welcher sie heuchelt. Uber-dem, wie könnte die Aufklärung gleichen Schritt halten, da jeder noch so Verfinsterte sich für schon genug erleuchtet hält und hingegen der Mann von wirklich hellen Einsichten, aus welchen Gründen es auch immer geschehe, sich in sich selbst

verschliesst. Seine Weisheit ist alsdann nichts anderes, als die geheime Lehre der Alten, nichts anderes, als das Licht unter dem Scheffel. Wenn es endlich die Frage ist: welcher von beiden zur Gegenseite sich leichter lenken lasse, so darf man, um sie zu entscheiden, nur die Grundsätze anführen, nach welchen beide handeln.

Der letztere geht ungefähr von diesen grundsätzen aus. Es ist nicht möglich, dass alle Menschen einerlei denken und empfinden. So verschieden sie in anderen Rücksichten sind, ebenso sehr sind sie es in Absicht auf ihre Vorstellungen. Dies ist sogar sichtbare Absicht der natur. Diese Vorstellungen hängen von äusseren Veranlassungen und Lagen ab, welche der Mensch nicht nach seiner Willkür bestimmen kann. Was jeder nach seinem Verhältnis, Kräften und Lage für wahr halten muss, das ist zum wenigsten für ihn Wahrheit. Wahrheit können wir in diesem Leben nie vollkommen, nie lauter und unvermischt finden. Mehr oder weniger davon macht den ganzen Unterschied, nach seinen unzähligen Abstufungen, zwischen dem Weisen und Toren aus. Auch der weiseste kann irren. Nichts, was ein Mensch sagt, ist untrüglich. Wahrheit hängt nicht von einer sekte, Schule oder einem Zeitalter ab. Sie kann nie in Formeln gezwungen werden. Denn sie stirbt unter dem Zwang und gedeiht unter der Freiheit. Wer nie anders denkt, als ihm vorgeschrieben ward, hat seinen Geist umsonst, wer davon abweicht, hat zum wenigsten den Vorzug, dass er denkt. Zweifeln ist der einzige sicherste Weg zur Wahrheit. Wer nie gezweifelt hat,