All_Enlightenment_140.txt

vermag der Spott des Klügeren, da der Schwärmer sich und die Wahrheit für eine person hält. Als Märtyrer leidet er für die Ehre der Gotteit. Ihn verspotten, heisst nichts anderes, als ihn ehren.

Wenn man überdem überlegt, wieviele Hilfsmittel die Aufklärung verlange, und wie wenige zu allen zeiten im stand sind, dieselben zu erhalten und zu nützen, so begreift man, dass sie nie so leicht wirken und allgemein werden könne. Wem es nicht an Erziehung fehlte, dem fehlt es vielleicht im künftigen Leben an der nötigen Zeit. Wer diese bekam, der vermisste dagegen Umgang und Vermögen, und wer mit diesen allen zufrieden sein darf, der hat vielleicht recht, über seinen Geist zu klagen. Die Erfahrung lehrt daher, dass man die Aufklärung gemeinhin nur unter einem teil des Mittelstandes, nie hingegen unter dem Pöbel und selbst unter den Grossen und Gelehrten nur selten finde. Gedankenlos geht der grosse Haufe dahin, ein Sklave seiner Leidenschaften und seiner Gebieter, glaubt, was er hört und tut, was er muss, geniesst, was er kann. Öfter fühlt er die Bedürfnisse seines Magens, als seines Geistes. Der Sohn des Plutos dünkt sich schon weise, weil er reich ist. Täglich versichert es ihm sein hungriger Schmeichler. Sein wichtigstes Geschäft ist, seine Reichtümer zu vermehren oder zu geniessen. Im ersten Falle verengt, im letzteren erschlafft er seinen Geist. Im höchsten Falle besteht seine ganze Weisheit in dem Geschmack an Kostbarkeiten und einigen ergötzenden Künsten, oder auch an den gewählten Üppigkeiten seiner Tafel und seiner Zimmer. Was soll ich sagen von den gefeierten, oder auch gefürchteten, Lieblingen des Glücks? Weil sie höher stehen, als andere, nennt die Welt sie gross, edel, weise. Aber nur wenige von ihnen öffnen der sanften Weisheit das Zimmer, um am geschäftslosen Abend oder Morgen sich mit ihr vertraulich zu unterhalten. Die meisten haben kaum Zeit genug, über ihr Ansehen zu wachen, oder ihre Macht geltend zu machen. Rastlos drehen sie sich in dem weiten Kreis ihrer Geschäfte und Entwürfe, oder auch wohl bloss aller grossen Kleinigkeiten und herrlichen Mühseligkeiten der grossen Welt herum. Ihr höchster Punkt ist, Menschen und Geschäfte zu lenken und das Glück zu ertappen und festzuhalten. So sind sie gleich einem Edelstein, welcher abgeschliffen auf der Seite, welche man sehen soll, vortrefflich glänzt, aber noch manche andere Seiten hat, welche entweder keinen oder einen falschen Schein geben.

Am sichersten wird man also die Weisheit bei denen finden, welche sie lehren. Weisheit und Gelehrsamkeit sind Verwandte. Aber sie haben auch das Schicksal der Verwandten. Unter

ihnen entsteht am leichtesten Streit. Da Vielwisserei noch immer grösstenteils für Gelehrsamkeit gilt, so darf man nicht erwarten, dass sie das Unnötige vom Nötigen, das Unwichtige vom Wichtigen und das Falsche vom wahren sorgfältig genug absondern werde. Und dann kommt ja doch alles erst auf die Anwendung dessen an, was man weiss. Um diese scheinen die meisten Gelehrten so wenig besorgt zu sein, dass sie sich nur für berechtigt halten, neue Entdeckungen zu machen und den Gebrauch davon andern zu überlassen. Sie sind krähende Hahne, so oft sie ein Korn entdecken, nicht damit sie es selbst aufnehmen und geniessen, sondern damit sie andere herbeilokken, welche es tun. Auch ist dies eine grosse Unbequemlichkeit bei der Gelehrsamkeit. Will man alle Länder ihres unermesslichen Gebietes durchreisen, so muss es so schnell und eilfertig geschehen, dass man überaus wenig von jedem behält, und will man in einem länger verweilen, oder gar sich niederlassen, so muss man die übrigen aufgeben. Daher die einseitige Kenntnis und der einseitige Geschmack der meisten Gelehrten. Wie oft sieht man unter ihnen einen Denker, welcher nicht sprechen, wie oft einen Redner, welcher nicht denken kann. Der Matematiker ist fremd in der geschichte, der Geschichtsgelehrte in der Matematik. Der Philosoph hat den feinsten Sinn für die Wahrheit, aber nicht so viel Gefühl, um die härteste Dissonanz in der Tonkunst zu empfinden. So ist jeder Weiser in seinem Fache und ausser demselben Idiot. Und doch glaubt jeder das Recht zu haben, den andern zu verachten. Der Logiker sieht verächtlich auf den Dichter, so wie der Dichter auf den Philologen. Jeder hält sein Fach für das einzige wichtigste, und die Pedanterie glaubt, das Wohl der Welt hänge an ihren Kleinigkeiten. Wenn der Antiquar uns eine Ziter der alten Hebräer beschreiben kann, so glaubt er der Welt einen grösseren Dienst geleistet zu haben, als der Philosoph, wenn er uns die Einwirkung unseres Geistes in den Körper anschaulich machen könnte. Indessen kommen sie doch darin überein, dass sie die Wirkungen des blossen Menschenverstandes und die nötigsten Kenntnisse des menschlichen Lebens für zu klein und unwürdig halten, als dass sie der Zeit und der Mühe wert wären, und je mehr sie sich in die höheren Regionen verirren, desto mehr verlieren sie die unteren aus ihren Augen. Indem Tales unter den Sternen wandelt, sieht er den Graben nicht, welcher vor seinen Füssen ist. Mancher Gelehrte spricht Latein wie Cicero und Deutsch wie seine Magd. Ein anderer berechnet genau die Einkünfte des Kaisers von China, aber er weiss nicht, dass ihm der Konkurs droht. Noch einen andern hört die Gesellschaft mit Vergnügen die Sitten der Ägypter erzählen, indes sie seinen Anstand belacht. Ein vierter kennt genau alle Männer der Vorzeit und lässt sich betrügen von allen denen, mit welchen er lebt. Er kennt alle falschen Verfassern untergeschobene Schriften