nicht das Recht haben, zu sagen: Pfaffe, du lügst! - Glaubst du, dass alle Weisheit in deinem Gehirn, alle Wahrheit in deinem hierarchischen Kopf so weit wohne, dass dein Wille meine Überzeugungen und ein Wort von deinem Mund meinen Beifall bestimmen könnte? Soll ich ein Klotz werden ohne Gefühl? ein leerer Kopf ohne Nachdenken? ein ausgezeichneter Dummkopf, der alles glaubt, was man ihm aufbindet? Sollen meine Ohren bloss gewachsen sein wie dem Esel - zu hören, und zu nichts weiter? Soll mein Verstand weiter nichts sein als die Drahtpuppe, die du nach einem ewigen Einerlei drehen willst? Eine Uhr, die ihr Ticktack, wenn du sie aufziehst, in unverändertem Ton hören lässt? Weg von mir, Satan, der du die Würde der Menschheit und den Adel des Verstandes in mir schänden, mich unvernünftiger machen willst, als
das Vieh!
Oder tust du es etwa nicht, der du dies forderst? Wenn ich nach einer unveränderlichen Norm glauben soll und muss - wenn (o Fülle des Unsinns) die Überzeugung, die bloss aus Urteil und Wägen der Gründe entspringt und ohne dieses gar nicht Überzeugung sein kann, wenn diese sich nach einer Norm richten muss - o bauet Tollhäuser, ihr Staaten, wo dies stattfinden könnte, für die Myriaden eurer Narren, und Hospitäler für die Schwachsinnigen der Nation; denn Übung des Verstandes ist Verbrechen gegen die Lehrbegriffe, an denen eure Überzeugung hängen muss, und Gewohnheit, nicht zu denken, muss die Köpfe licht- und verstandleer machen, die bloss durch Übung geschärft und durch Anstrengung stark werden. - Habt ihr doch ein Normal, ihr glücklichen Schwachköpfe! -
Zum Unglück aber hat jede Religion, jede sekte ihren eigenen Lehrbegriff, wovon immer einer dem andern gerade zu- oder zum teil widerspricht. Gesetzt, es wären sechs Normale der Lehre. Wenn nun jemand sagte: Ein jeder lehre bloss nach dem Normal seiner Lehre! würde er nicht zugleich sagen - denn einer kann doch nur recht haben - : Ihr fünf übrigen, euch verbiete ich jedes Bemühen nach besseren Überzeugungen, jedes Bestreben nach Wahrheit, jeden Fortschritt, den ihr zum Vorteil eurer Religion machen könnt - ich, euer Gebieter; ich, dem die Aufsicht über das Normal gegeben ist; ich, der ich will, dass ihr nichts Vernünftiges glauben sollt, ich befehle es -
Gott hat den Königen Rechte gegeben, aber keine über die Freiheit des Denkens - keine, die Bewohner ihrer Staaten zu Dummköpfen und ihre Untertanen zu Eseln zu machen - keine, um zu befehlen, wonach die Überzeugung sich richten solle - keine, um zu vernünftigen und rechtschaffenen Männern zu sagen: werdet Heuchler und Schurken! - Dank dem menschlichen Verstand, dass noch kein König sein Volk so erniedrigte oder seine Despotie über jene des Orients erhoben hätte!
Und was kann, was muss daraus entstehen, wenn jede Konfession nach ihren alten Lehrbüchern lehren soll? Der Jude, der jetzt schon so sehr sich verfeinert hat, dass man einen grossen teil vom Pöbel der Israeliten mit Vergnügen unterscheidet, muss wieder nach seinen alten grundsätzen sich umsehen, muss Christum und Christen verfluchen, woran er jetzt nicht mehr denkt; denn so fordern es seine Observanzen, seine Rabbinen, über die er jetzt hinweg war. Tut er es nicht, so übertritt er die Befehle des staates, der ihm vorschreibt, er soll bei seinem alten Lehrbegriff bleiben. - Der Luteraner muss sein In, Mit und Unter gegen Katoliken und Reformierte auf Kanzeln verteidigen, die Prädestination bestreiten - so fordern es die symbolischen Bücher -, muss das Perückentragen als ketzerisch verdammen; sonst lehrt er nicht nach den Befehlen eines staates, wo die Lehre nach symbolischen Büchern vorgeschrieben ist: - Der Reformierte muss den Irrtum des Katoliken und Luteraners bestreiten; muss behaupten, dass ein Geist, der sonst keiner körperlichen Nahrung bedarf, mit dem wahren Leib und Blut Christi durch die Kraft des heiligen Geistes so wahrhaftig gespeist werde, als er Brot und Wein isst und trinkt; muss glauben, dass er ohne alle seine Werke so wahrhaftig selig werde, als wäre er der tugendhafteste Mensch gewesen, bloss weil er zur Seligkeit prädestiniert ist. - Der Katolik, gewiesen an den Lehrbegriff seiner Kirche, erhält Befehl vom Staat, seine Kirche durch Jesuiten auszubreiten; alle Menschen, die nicht katolisch sind, für ewig verdammt und seine Kirche für die allein seligmachende zu halten. - Und wenn nun bei solchen unbedachten Vorschlägen ein Geistlicher oder Staatsbedienter Verträglichkeit unter den verschiedenen Religionsparteien fordert, widerspricht er sich da nicht selbst - denn ein Befehl, nach den Lehrbegriffen der Kirche sich wechselseitig für Ketzer zu halten und zu verdammen, neben einem andern, sich verträglich gegeneinander zu beweisen, ist doch wohl ein Widerspruch?
Welcher Verstand würde sich in solche Widersprüche finden, und wer würde sich in Fesseln legen lassen, die den, der sie trägt, infam machen, da sie seine denkart, seine Ehre, seinen Stand, und seinen Charakter schänden? Wer wird nicht wenigstens vor der Welt sich dann verteidigen?
Doch man kann die Pressefreiheit begrenzen und aufheben. - O! der erbärmlichen Antwort, die wenigstens kein Staatsmann geben würde. - Mag der es tun, der keine Schamröte vor dem Angesicht eines richtenden Weltteils besitzt. - Er muss dem Staat dann die tiefste Wunde schlagen, muss eingestehen: Ich will ein Verbrecher werden, den die Welt nicht kennen soll in seiner Schande; - denn ein reines Gewissen fürchtet den Anfall