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und »haereticum de vita« wird ebenso bald ihre einfältige erbärmliche Exegese rufen, wie jene der römischen Kirche.

Wer sicher im land heiliger, gutgemästeter, runder und blühender Dummköpfe wohnen will, verleugne vor allen Dingen die - leidige Philosophie, die dem Reich der Stupidität und des Aberglaubens bisher so vielen Schaden getan hat; sonst möchte es ihm ergehen, wie es weiland im Königreich Preussen, zum letztenmal, so lange es Preussen heisst, dem ersten aller Philosophen, Wolf, erging, den ein grimmiger geistlicher Doktor im Pelz eines indischen Schafs, dessen Schwanz allein noch sechs Ortodoxe bedeckt haben würde, bei seinem König verleumdete und des Ateismus beschuldigte, weil der Schwachkopf zu begrenzt in seinem Gehirn war, Wolfische Philosophie zu begreifen. Und würden sie, die getreuen Nachfolger des Doktor Lange, nicht die Melodie zum alten Lied wiederfinden oder sich eine noch handfestere vom ersten besten Küster verfertigen lassen? Würde das verdammte Nasengeheul aus Dickköpfen, die tief zwischen hohen Schultern stecken, nicht wieder seinen Anfang nehmen?

O! und wenn nun gar mit diesen geist- und philosophieleeren Rundköpfen die Konsistorien besetzt würden; wenn Männer Talente prüfen sollten, die nie gelernt haben, was wahres Talent sei - die nur nach dem Glauben fragen und ihren Mitgenossen symbolischen Unsinns des Landes Pfründen gewähren; wird nicht Fama die hellklingendste Trompete ergreifen und durch alle land mit einer Donnerstimme, die der Resonanzboden der Erde zurück- und allen Dummköpfen ins Ohr donnert, rufen? »kommt, ihr, die ihr arm seid an Geist und stark am Glauben, kommt zu dem Land, wo keine Disteln für Esel wachsen, sondern das Land seine Fülle für sie darbietet - kommt und freuet euch; denn das Säkulum der Dummköpfe soll seinen Anfang nehmen und keiner gefunden werden in ihm, der mit Philosophie euch ärgern könnte.«

Könnte ich so glücklich sein, einen Ossa und Pelion auf den Olympus zu türmen, um meinem Leser einen Standpunkt zu bereiten, wo er ein solches Land in allen seinen Grenzen überschauen könnte! Hätte mein Geist die Kraft, euch die Wolken der Dunkelheit, die auf solch einem Land liegen, aufzuhellen, dass ihr fähig wäret, das Treiben und Tun des ortodoxen Menschenverstandes im Jahre nach Christi Geburt 1790 zu übersehen; dass ihr einen blick in seine Versammlungen, Geschäfte aller Arten, werfen könntet; auf ein- j mal wäre ich der Arbeit überhoben, grässliche Bilder zu entwerfen. Aber so brütet die Mitternacht auf diesem Land, und ein schwarzer höllischer Alp mit russigen Flügeln bedeckt diese Finsternis und hält sie mit seinen Krallen in den Grenzen zusammen, dass kein blick von oben herab durchzudringen vermag, den dieser scheussliche Dämon, der Protektor der Dummheit, nicht auffangen würde.

Alle Künste und Manufakturen leiden unendlich, wenn der alte Geist symbolischer Ortodoxie wieder auflebt. Wer hat es vergessen, das Geschrei von den Kanzeln gegen den Luxus? Denn wisst - alles, was der altgläubige Priester nicht selbst gebraucht, gehört zum verdammlichsten Luxus, womit die Eitelkeit, der Hochmut und die teuflische Prachtliebe dem Menschen zur Versuchung werden und ihn ewig verdammen. Wird es, wenn die Seligkeit der Menschen den Ministern eines solchen staates, den man sich freilich nur in Utopien denken kann, wirklich so angelegen ist als der Despotismus, womit sie den aufgeklärtesten Verstand unter ihren Mönchsprinzipien demütigen wollen, wird es dann nicht Pflicht sein, alle Künste, die für den Luxus arbeiten, alle Gewerbe, die darauf Beziehung haben, alle Manufakturen, die ihn erzeugen, und mit ihm das ganze System der ökonomischen Einrichtung des staates über den Haufen zu werfen?

Wie heisst nun das Schicksal, das den Wissenschaften bevorsteht, und wie wird es beschaffen sein?

Wenn die Grundsätze des Pöbels die Norm des Glaubens eines ganzen staates werden, wird und muss nicht der Prüfungsgeist gehemmt und unterdrückt werden, der nach Wahrheit forscht, und hat er sie gefunden, ihre Erhaltung für Pflicht hält? Darf man es dann wohl wagen, klüger denn ein Mann in schwarzem Gewände zu sein, dem der Staat die Erhaltung der Dummheit und der Vorurteile anvertraute? Wird irgendeine Wahrheit aufkommen können, die den Beifall der stupiden Konservatoren des Vorurteils nicht hat? Werden nicht Geisterseherei - Magie - Hexen und Gespenster wieder in den Köpfen dieser Nationen herumrumoren und die Kraft des vernünftigen Nachdenkens hemmen? Werden die alten Weiber nicht wieder ebenso gut als Teufelsbesessene verbrannt werden, wie zu den zeiten des Glaubens an die symbolischen Bücher, deren bekannte Exegese die Hexe von Endor in ihren alten Rang und Würde einzusetzen nicht ermangeln wird? Wird man nicht wieder Teufel austreiben und, um dieses ruhig tun zu können, die Gründe der Philosophie mit jener Exegese geisseln? Und wo wird, wenn der alte Unsinn die Köpfe der Nation wieder beherrschte, ein Raum in der Herberge des Wahnsinns für Philosophie bleiben? Die Naturlehre, Astronomie und dergleichen müssen in ihr Nichts zurücksinken; denn es wird Vermessenheit werden, Bemerkungen zu machen, die der Astronomie eines Josua widersprechen, der die Sonne über die Stadt Gibeon nagelte und den Mond über das Tal Ajalon. Wunder werden geschehen, wo man jetzt gesetz der natur erblickt; und der Schwindelgeist wird von Zürich aus über alle land ziehen, und es werden Zeichen geschehen an Sonne, Mond und Sternen und dem ganzen Heere des himmels. Die weisse Frau wird in Berlin spuken, und Gespensterhistorien werden den wichtigen Inhalt schauerlicher Abendgespräche ausmachen. Missgeburten, die geboren werden, prophezeien Verderben der Staaten, Kometen Krieg und Blutvergiessen; Nordlichter werden