All_Enlightenment_127.txt

Gelehrter. War Wolf der Grössere oder sein Verfolger? Galilei oder die pfaffen, welche ihn unglücklich machten? Wie, wenn die Philosophie eine ewige aristotelische, abgeschmackte Dialektik geblieben wäre; hätten sich je die Fächer der Gelehrsamkeit zu dem hohen Grade durch Aufklärung ausbilden können, auf dem sie jetzt stehen? Ist ein Duns Scotus ebenso gut wie ein Kant? oder ein scholastischer Jesuit so gut wie Leibniz, Lessing und Mendelssohn? Was wären überhaupt die Philosophie, Physik, Astronomie und alle Arten der Wissenschaften geworden, wenn keine Männer wie Locke, Newton, Leibniz, Kant, Bode, Herschel, Euler usw. diese Wissenschaften aufgeklärt und mit neuen Erfindungen bereichert hätten?

Der Teologe - mir klopft das Herz, wenn ich hieran denke, ängstlich - was ist der ohne Aufklärung? Ein elender Pfaffe - ein vernunftverleugnender Unsinniger; ein Verfolger der Aufklärung; er und seine Mitgenossen, eine Rotte Verschworener gegen die Rechte des menschlichen Verstandes, und wenn er mit der Fülle seiner stupiden Vorurteile Macht verbindet, ein blutgieriger Wolf im Schafspelz; eine Pestilenz der Menschheit und das Verderben alles guten Geschmacks. Richte, unparteiische Welt, ob diese Vorwürfe zu hart oder zu gelinde sind? War es die Aufklärung oder die Täuschung, die wenigstens achtzig Millionen Menschen durch die Schärfe des Schwerts, die Pestilenz des Krieges und die lodernden Flammen des Scheiterhaufens vertilgte? Die stupiden Teologen von den frühesten zeiten her, welche Tyrannen waren sie gegen die Menschheit? Die Priester der ägyptischen verschiedenen Nomen: die Bonzen, Talapoinen und pfaffen jeden Namens, welche Verheerungen haben sie nicht durch ihren Einfluss auf den Staat angerichtet! Selbst zu dir drang der Dämon der Wut, heiligste aller Religionen, Christentum! Du, die du so edel gegen den Geist der Verfolgung und des Menschenhasses streitest; die du bei jedem neuen Licht der Aufklärung mit deinem Stifter in höherem Glanz leuchtest! Doch was sage ich, zu dir? Nein, zu deinen Lehrern drang er hin; bemächtigte sich durch sie der Gewissen der Fürsten und badete sich im Blut von Bürgern und im Blut der sogenannten Ungläubigen; oder triumphierte durch sie über die Rechte der Vernunft und Menschheit.

Von den zeiten Konstantins an bis jetzt, wie viele unzählbare Opfer, welche Pfaffenwut schlachtete, liefert die geschichte nicht? Hing es in den zeiten der rüstigen Klopfechter der Kirche über Ketzer wohl von den Teologen ab, dass auch nur ein einziger dem Tod entging? Würde der Pfaffengeist der unaufgeklärten zeiten der Kreuzzüge wohl ein einziges Opfer der Religionswut verschont haben, wenn er alle Heiden der Erde hätte vertilgen können? Wie viele Millionen rechnet ein einziger aufgeklärter Las Casas, die durch die Wut der unaufgeklärten Religion in Amerika fielen? Wer kann den Namen Caxamalka ohne Mitleiden hören, und ohne Tränen den Namen des als Ketzer verbrannten Atabaliba nennen? Wer ohne Rührung es denken, dass der rechtgläubige Spanier den ungläubigen Amerikaner mit Hunden zu tod hetzte, mit seinem Fleisch sie fütterte, und die zerstückten Glieder dieser Unglücklichen zur Speise für die Hunde öffentlich verkaufte? Was war die Bartolomäusnacht anders, als ein Denkmal des unaufgeklärten Pfaffengeistes? Die Massaker in Irland, die allentalben glimmenden Scheiterhaufen aller Nationen, die Intoleranz der Priester anblies; die Inquisitionsgerichte, die Autodafés, stammten sie nicht alle von Rom her, dem Sitz des unaufgeklärten Priesterdespotismus? Mir sinkt die Hand nieder bei der unzählbaren Menge schaudervoller Auftritte, womit der täuschende Priester den Erdball verheerte! Und Rom würde noch jetzt alle Protestanten vernichten; alle Völker unterjochen; seine Jesuiten würden die Rollen der Scharfrichter und Henker und die übrigen pfaffen würden den Dienst ihrer Knechte verrichten, wenn die Aufklärung nicht ihre mächtige Ägide über die Völker hielt.

Luter gab der Religion einen edleren Wirkungskreis, da er sie aufklärte. Indem Calvin zu Genf einen Servet verbannte und von christlicher Liebe predigte, bediente er sich bloss der Waffen eines reineren Verstandes, der manche Torheiten seines Zeitalters züchtige. Zwingli war unstreitig der Beste seiner Zeit. Seine Aufklärung atmet den Geist des übertriebenen Hasses gegen Andersdenkende nicht, wie Luters und Calvins, sondern zeigt den ruhigen Ernst des Denkers und den zwar standhaften, aber unverfolgenden Mut eines Reformators. Auf die Geistlichen ihrer Konfessionen erbte zum teil der Feuereifer ihrer Religionsverbesserer. Luteraner und Reformierte verfolgten, lästerten, schmähten und hassten sich, dass ihr Eifer einen Crell aufs Schafott brachte, -weil er den Luteranern verdächtig war. In England wirkte er nicht minder Rebellionen und brachte aus gleicher Ursache Karl den ersten aufs Blutgerüst. Schwärmerische Puritaner siegten über ihre Gegner und befleckten die Erde mit dem Blut ihrer Mitbürger. Und was würde nicht noch lange ein Götze getan haben wenn die Aufklärung ihm nicht seinen Stachel genommen hätte? Und was würde so mancher Priester des Protestantismus nicht noch täglich tun, wenn ihm nicht eine gefährliche Macht entrissen wäre? Die Täuschung und das Vorurteil lauern in ihrer Höhle. Die Werkzeuge, womit ehedem der Priester die Ketzer verfolgte, liegen um sie herum. Aber Dank sei es der Vorsehung, dass die Aufklärung mit dem Cherubsschwert diesen Eingang bewahrt, damit diese Ungeheurer nicht schaden können. Glimmend in der Asche sieht der Forcher ein wildes Feuer, das alles verzehren würde, wenn die Aufklärung seine Ausbrüche nicht hemmte. Je mehr der Geistliche die Täuschungen verteidigt, womit er die Welt hintergeht und sie betrügt, je leichter überlässt er sich den daraus fliessenden Sophismen, die der Gewissenlosigkeit ein weiches Kissen unterlegen; und je tiefer die Aufklärung sinkt, je stärker hebt das Vorurteil sein Haupt empor; und je mehr dieses steigt,