All_Enlightenment_123.txt

, und muss das Licht der Beurteilung scheuen? Seltene Philosophie, die kein Duns Scotus verkehrter ausheckte! Die Religion ist rein, wahr und vollendet; aber nie darf der Verstand es wagen, dies zu prüfen und zu beurteilen! Mahomet bewies die Wahrheit seiner Religion mit gleichen Gründen; Moses mit denselben; ein Narr in Berlin, dessen Name hier genannt zu werden nicht wert ist, die Wahrheit seines Unsinns mit denselben. Ebenso Rosenberg seine Messiaswürde; und die Schwärmer aller zeiten untersagten den Gebrauch des Verstandes mit Freiheit, weil sie ihn fürchten mussten. Warum, ihr Männer mit Feuereifer des Elias, warum beschimpft ihr eine gute Religion, wie das Christentum ist, mit solchen ungereimten Forderungen?

Ihr werdet ferner sagen: Gehen aber die Aufklärer nicht zu weit, und was will am Ende aus der Religion werden? - Wo ihr recht habt, will ich euch recht lassen. Eure Klagen sind zum teil begründet, zum teil aber auch nicht. Es gibt falsche Aufklärer, aufbrausende Köpfe, die ihre Einfälle für Philosophie und ihre Irrtümer für Wahrheiten ausgeben; die so gut wie ihr und ebenso intolerant ihre Meinungen auf den Tron setzen wollen, um jene ihrer Mitmenschen zu beherrschen, die gewöhnlich da anfangen, wo sie aufhören sollten; die Systeme einstürzen, ehe sie bessere erbaut haben; leuchtende Meteoren, die einen Augenblick glänzen, um auf ewig in Dunkelheit zu verlöschen. Aber seht ihr nicht zu weit, indem ihr allgemein etwas behauptet, was nur auf einzelne Beziehung hat? indem ihr überhaupt gegen Aufklärung zu feld zieht, da ihr gegen Irrtümer streiten solltet, die einzelne Kraftgenies verbreiten? Ein solcher Mensch ohne geschmeidige Menschenkenntnis, der sich ein Aufklärer zu sein dünkt, den aber die Vernunft nicht unterstützt, dessen Lehren das Gepräge eines ungeübten Verstandes verraten, ein solcher verdient den Namen eines Aufklärers nie.

Die Religion eurer Väter werdet ihr nicht verlieren; darum seid unbesorgt. Die reine Vernunft untergräbt nicht die Religion, sondern ihre Auswüchse. Ihr werdet Vorurteile verlieren und die Religion behalten. Sie wird, je mehr ihr sie dem Licht der Vernunft nähert, so viel dauerhafter und fester für die Zukunft gegründet. Sie wird, da der Verstand ihr beipflichtet, keine Anfälle von ihm befürchten dürfen, und wenn er ihre Stütze ist, dem Menschengeschlecht Bedürfnis und heilig werden. Setzt ihr euch aber derselben entgegen, so wird die klügere Nachwelt, durch die allmählichen Fortschritte derselben, die ihr mit aller eurer usurpierten Macht nicht hindern könnt, auf eure Namen einst mit der Verachtung herabsehen, womit sie die Namen der Torquemadas, der Embser und aller pfaffen brandmarkt, die einst eure Rolle spielten.

War die Aufklärung ein notwendiges Bedürfnis, da allgemeine Dummheit auf Europa lag, da seine Volker Barbaren und seine Könige Henker waren? Da die Väter des Vaterlandes ihre Kinder dem Götzen des Papsttums und der Ortodoxie des römischen Hofes, dem Teufel des Aberglaubens und des Vorurteils, zum lieblichen Geruch brateten? da man Kreuzzüge gegen Provinzen und Königreiche unternahm, die eines andern Glaubens waren? da die Gesandten gekrönter Häupter die Schläge der Busse im Namen ihrer Könige zu Rom erhielten? da das Haupt des römischen Reichs mit blossen Füssen im Schnee am Fenster eines Hildebrands um Vergebung bettelte; oder war sie es nicht? O ihr Könige der Erde! die ihr mit Priestern euch vereinigt und mit der Intoleranz unwürdiger Männer in Verbindung tretet; die ihr Partei gegen den Verstand und gegen Aufklärung nehmt, die die schändlichen Fesseln des Pfaffendespotismus von den Füssen eurer Ahnherrn mitleidig hinwegnahm; die ihr der Aufklärung eure Grösse, dem Verstand eure Sicherheit und gereinigten Grundsätze, die Grundsäulen eures Trons zu verdanken habet, wer war es, der euch zu wirklichen Herrschern machte, anders, als die Aufklärung? Sie war es, welche dem heiligen Sünder in Rom die Bannstrahlen aus seiner Rechten entwand, damit sie euch nicht erreichten; sie kämpfte mit Unerschrockenheit für die Sicherheit eures Lebens und eurer Würde, welche Vorurteile der Religion, die Völker von dem Eid der Treue frei machte, den sie euch geleistet, untergraben hatten. Sie nahm euch in Schutz gegen eure eigenen Kinder, die der falsche Religionseifer zu euren Verfolgern machte. Sie verbrannte den im Gewand seiner Heiligkeit trotzenden pfaffen, der als euer Untertan vor euren Tron sich drängte, die treulose Rechte gegen euch aufhob und mitten in euren Palästen, in der Mitte eurer Helden, euch verfluchte; euren Untertanen ein ehrliches Begräbnis, die Ausübung der Religion und alles untersagte und raubte, wodurch das Glück des Staates blüht. Warum wollt ihr eure Wohltäterin verfolgen? Euch in einen Gewissenszwang durch Eigensinn eurer Beichtväter oder insipider Ratgeber einzwängen lassen, den ihr leichter annehmt als abwerft? Warum wollt ihr, geboren zu herrschen, Sklaven geistlicher Ohrenbläser sein, die gewiss nicht eure Wohlfahrt, sondern ihren hierarchischen Stolz durch alle Wege des listigsten Betrugs suchen? Glaubt immerhin, dass Vergebung der Sünden in der Gewalt eines Priesters sei; aber entsagt dann auch dem Vorrecht der edlen Freiheit: nur Gott und eurem Gewissen Rechenschaft schuldig zu sein! Seid Sklaven auf dem Tron; tragt die Fesseln des Aberglaubens und des Vorurteils; aber zugleich tut auf ewig auf die achtung edler Männer eurer Nation und auf die achtung der Nachwelt Verzicht. Die Zukunft schmeichelt den Fürsten nicht. So wog sie mit Gerechtigkeit die Würde eines Meuchelmörders seiner Untertanen, eines Karls des Neunten; so richtet sie mit Weisheit den verfolgenden Ludwig, den manche den Grossen nennen - und spricht von seinen Bekehrungen durch Dragoner, Galgen