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kann, seine eigene und seiner Mitmenschen Aufklärung zu befördern? - Vorausgesetzt, dass man den Nebel aus den Köpfen nicht so leicht wie den Dampf aus den Stuben vertreiben, dass ein Mensch die Aufklärung des andern weder bewirken noch vermehren, nur befördern und allenfalls erschweren kann, heisst diese Frage soviel als: Wodurch kann ich dazu beitragen, dass meine eigene und meiner Mitmenschen Begriffe von den Gegenständen, die in eines jeden Gesichtskreis liegen, von Zeit zu Zeit vollständiger, geordneter, klarer werden?

Ich überlasse es der Beurteilung einsichtsvoller Leser, ob es schwer sein kann, diese fragen, so wie sie hier gestellt sind, aus allgemein geltenden Prinzipien zu beantworten.

Werden wir aber fortfahren, die Aufklärung selbst und die wirkenden Ursachen und die Folgen und die Beförderungsmittel und die Bedingungen derselben, alles durcheinander zu werfen, alles ohne Unterschied Aufklärung zu nennen und nun darauf los, dafür und dawider, zu disputieren, so werden wir, sorge ich, nie aus der Verwirrung kommen.

Ich lasse mich hier auf keine von den oben erwähnten fragen weiter ein; aber ohne Zweifel erleichtert es das Verstehen und die richtige Schätzung der Urteile, die bisher über die Aufklärung gefällt worden sind und auch wohl noch künftig möchten gefällt werden, wenn wir uns die mannigfaltigen Bedeutungen, in denen das Wort und dessen Verwandte von den verschiedenen Schriftstellern bisher sind genommen worden, gleich als auf einer Tafel vorstellen. Ich habe mir zu dem Ende die Mühe genommen, eine Menge Stellen, die dieses Wort oder ein anderes aus derselben Familie entalten, aus allerlei Büchern auszuziehen, sie untereinander zu vergleichen, den wahren Sinn des Worts Aufklärung in jeder Stelle nach der Absicht des Verfassers und dem Zusammenhang der Rede zu bestimmen. Und nun will ich einen Versuch machen, diese Mannigfaltigkeit des Gebrauchs in einer Art systematischer Ordnung darzulegen, indem ich die vielfältigen Bedeutungen, so wie sie sich gegeneinander verhalten, angebe, und jede derselben soviel wie möglich mit unzweideutigen Stellen belege. Hier die Tafel:

Alle Bedeutungen des Worts Aufklärung, die mir vorgekommen sind, lassen sich ohne vielen Zwang zwei allgemeinen Begriffen unterordnen, nämlich: Es bedeutet entweder eine Beschaffenheit, eine gewisse Lage, einen Zustand, oder eine Tätigkeit, die auf Hervorbringung jenes Zustandes, jener Beschaffenheit gerichtet ist. Aber von beiden sind wieder mancherlei Modifikationen. Aufklärung also bedeutet bei manchen Schriftstellern:

A) Beschaffenheit, Lage, Zustand

I) der Menschen. Nämlich

a) Einen bleibenden Besitzstand

Cl) historischer oder gemeiner Kenntnisse,

(i) nach dem Masse bestimmt, I.

(2) nach der Art bestimmt. Nämlich historische Kenntnis

(a) der biblischen Religion, IL

(b) des Deismus, verbunden mit Sittenlosigkeit, III. ss) vernünftiger Erkenntnis

(1) der Gegenstände überhaupt, IV.

(2) gewisser bestimmter Gegenstände, V.

y) einer uneingeschränkten Kenntnis aller Gegenstände. VI.

b) Den Stand des sukzessiven Wachstums an klaren Begriffen.

VII.

II) der Sachen ausser dem Menschen, und zwar

a) des staates und seiner Einrichtungen. Namentlich ex) die Zweckmässigkeit öffentlicher Anstalten. VIII. ss die denke-, Rede- und Pressefreiheit. IX.

b) der Wissenschaften im objektiven Sinn.

a Vollkommenheit der Wissenschaften überhaupt, X.

ss) Vollkommenheit gewisser bestimmter Wissenschaften, XL

y) Inbegriff heterodoxer Religionsmeinungen, XII.

ö) Einen unbestimmten Lehrgegenstand.

B) Tätigkeit, fortgesetzte Handlung, welche sich zu dem dadurch hervorzubringenden Zustand verhält:

1) als wirkende Ursache, nämlich: die Tätigkeit der subjektiven Vernunft; XIII.

2) als Beförderungsmittel. Die Beförderung geschieht

a) durch Privatbemühung, welche abzielt

ex) auf die Veredlung der Menschen, und zwar

(1) durch Entwicklung des Verstandes. Hier bezieht sich der

Ausdruck Aufklärung auf

(a) verschiedene Arten der Erkenntnis und bedeutet die Beförderung

(ex) aller subjektiven Erkenntnis überhaupt, XIV. (ss) der vernünftigen Erkenntnis besonders, XV.

(b) Verschiedene Metoden der Belehrung, welche sind

(ex) Erzählung geschehener Dinge. XVI.

(ss) Erklärung fremder Wörter. XVII. (Y) Darlegung seiner Meinungen. XVIII.

(2) Durch Bildung des Herzens. XIX.

ss) Auf die Ausbildung und Vervollständigung der Wissenschaften im objektiven Sinn. XX.

b) Durch öffentliche Anstalten und Einrichtungen. XXI.

C. Beleuchtung der Schrift: Über Aufklärung, 2. Aufl., Berlin

1788.

D. Fragment über die Aufklärung, von J. G. Schlosser. In

dessen Kleinen Schriften, T. 4, Basel 1785.

E. Philosophisches Magazin, herausgegeben von J. A. Eberhard, Halle 1788.

F. Bemerkungen über das Preussische Religionsedikt, von

Heinr. Würzer, Berlin 1788.

G. Wohlgemeinte Erinnerungen an ausgemachte, aber doch

leicht zu vergessene Wahrheiten, von D. W. A. Teller, Berlin

1788.

H. Das Recht der Fürsten über die Religion ihrer Untertanen,

Halle 1789.

I. Versuch über die Aufklärung des Landmannes, von R. Z.

Becker, Dessau und Leipzig 1785.

K. Ober Pressefreiheit und deren Grenzen, Züllichau 1787.

L. Über Friedrich den Grossen, von dem Ritter von Zimmermann, Hannover 1787.

M. Verteidigung Friedrichs des Grossen gegen den Grafen von Mirabeau, von dem Ritter von Zimmermann, Hannover 1788. N. Braunschweigisches Journal philosophischen, philologischen und pädagogischen Inhalts. Herausgegeben von E. C. Trapp, J. Stuve