dass sie der Philosoph nie findet oder nie benutzen will, und dass folglich gewisse Wahrheiten für den Pöbel ewig Geheimnisse bleiben müssen: aber die Schuld liegt doch wenigstens nicht an der Vernuntfähigkeit des Pöbels.
Die Dunkelheit einer Wahrheit, sie mag noch so sehr über die gewöhnliche erhaben sein, ist keine Eigenschaft der Wahrheit selbst, sondern der Hülle derselben. Kleidet sie in ein Gewand, dass weder für den Weisen zu schmutzig, noch für den gemeinen Man zu blendend ist, und ihr habt ihr damit überall freien Zutritt verschaffet. Manche Erfindung, die nur ein ausserordentliches Genie mit eben so ausserordentlicher Anstrengung auf die Welt bringen konnte, befindet sich nun in den Händen des gemeinsten Handwerkers, der sich wundern würde, wenn man ihm sagte, dass eine ihm so gewöhnliche Sache so viel Kopf und Fleis gekostet habe. Ein Schulknabe demonstrirt nun die herrlichsten Teoreme des Archimedes, und der unwissendste Mönch begreift nun, wie Galilei, der die Sonne stehen, und die Bibel, die sie laufen lässt, zugleich recht haben können, und löset hiermit ein Problem auf, das den guten Galilei beinahe um sein Leben und die heilige Congregation der gepurpurten Kirchenfürsten wirklich um ihre Ehre gebracht hat. Für jede Wahrheit liegt in der Zeitfolge ein Augenblick, welcher sie jedem, der sie haben kann und will, preis gibt. Sobald dieser Augenblick und der Mann der ihn zu nutzen weiss da ist, steigt die Wahrheit aus der intellektuellen Welt in die wirkliche herunter, und wird ein gemeinschaftlich Gut der Menschen. Diesen Augenblick aber schneller herbeizuführen ist vielleicht nicht weniger das Werk des Aufklärers als des Zufalls.
Die Behauptung, die natur habe den grösseren teil der Menschen oder auch nur eines Volkes unter ihren eigenen Händen verwahrloset, ist eine offenbare Verläumdung der natur. Konnte sie gleich
keine vollkommene Gleichheit bei der Verteilung ihrer Gaben beobachten, so war sie doch, eben so selten besonders karg, als besonders freigiebig. Aeusserst verdorbene Organisationenen sind eben so rar, als äusserst vollkommene. über dieses schräncket, zwar eine mehr oder weniger vollkommene Organisation die menschliche Vernuftfähigkeit: weniger oder mehr, aber nie über oder unter jenen Grad ein, in welchem sie keiner Ausbildung fähig wäre. Die natur müsste es sonst darauf angetragen haben, den grössten teil der Menschen elend zu machen. Der grössteTeil der Menschen äussert im Gegenteile, wirklich die Fähigkeiten, die zu einer beträchtlichen, wenigstens seiner Bestimmung angemessenen Anzahl deutlicher Begriffe erfodert werden. Er hat genug Aufmerksamkeit in seiner Gewalt, um nicht nur seine eigene Muttersprache, sondern noch darneben eine oder mehrere fremde zu erlernen. Wer die Schwierigkeiten, die auch der fähigste Kopf beim Lernen fremder Sprachen zu überwinden hat, beiläufig kennt, dem muss es sehr begreiflich vorkommen, dass der Pöbel, der ausländische Sprachen zu lernen im stand ist, eben so leicht eine Menge deutliche Begriffe, die ihm ein geschickter Lehrer in lichtvoller Ordnung, und mit allen Kunstgriffen der Metode beizubringen weiss, würde fassen können.
Durch nichts kann die natur besser gerechtfertiget werden, als durch die geschichte der Unwissenheit, und der Irrtümer die man ihrer Kargheit gegen den grössten teil der Menschen aufbürden will. Die Ansage zu allem dem, was der Mensch auf der Welt werden kann, ist das unmittelbare Werk der natur. Das, was der Mensch wirklich geworden ist, ist das Resultat aller Situationen, die er von seiner Wiege an zu durchlaufen hatte. Die Dummheit sieht wenigstens gewöhnlicher massen mit dem bürgerlichen Range in umgekehrtem Verhältnisse; und obwohl es eigentlich in allen Standen Pöbel gibt, so hat doch der Sprachgebrauch diesen Namen eigentlich nur für die unterste Klasse jeder Nation bestimmt. Aber warum ist ein so grosser teil jeder Nation Pöbel? Weil die Glücksgüter und Ehrenstellen, die aus den Klassen des Pöbels empor heben, nur für einen kleinen teil der Menschen zureichen. Je tiefer man zu den untersten Klassen herabsteigt, desto augenscheinlicher wird die Ursache der Unwissenheit und der Irrtümer, desto mehr fällt der Mangel an gelegenheit und Mitteln, die Menge und die Macht der Hindernisse in Absicht auf Vernünftbildung, in die Augen. Man nehme Dummköpfe aus höheren Klassen, zum Beispiel den Mönch, der sich unter dem Schutze der Finsternissen, in welchen die Vernunft seiner Mitbürger begraben lag, bis auf die Lehrstühle der Kirchen und schulen seiner Nation hindurchdrang; oder den Adelichen, dem der einzige Umstand, dass seine Mutter einen gnädigen Herren zum mann hatte, das Recht verschafte, im Senate seines Vaterlandes Unsinn zu schwatzen; man durchgehe ihre Lebensgeschichte, und rechne von der ungeheuren Masse ihrer Dummheit alles das ab, was der eine dem Novizenmeister, Lektor, Guardian, und dem ganzen löblichen Convente, der andere seinen hochadelichen Eltern, Hof- Sprach- Tanz- und Fechtmeistern schuldig ist, und sehe dann zu, wie viel noch übrig bleibe, das sich auf Rechnung der ursprünglichen Naturanlage mit Recht und Billigkeit setzen lasse. Eben derselbe Junge, der von seiner Mutter dem heil. Antonius geschenkt, unter den Kapuzinern mit Leib und Seele Mönsch wurde, würde, von seinem Vater dem vaterland gewidmet, in einer Militärschule ein guter Soldat geworden sein, und Se. Excellenz, von andern Händen gebildet, würde seinem vaterland die Dienste selbst können, für die Hochdieselbe nun ihren zahlen muss. Der gewöhnliche Dummkopf wird also nicht gebohren, sondern erzogen, und würde unter besseren Umständen wirklich das geworden sein, was die wenigen Glücklichen sind, denen diese Umstände zu teil wurden. Der grössere teil der Menschen bringt also wirklich so viele Fähigkeiten