All_Enlightenment_106.txt

Einschränkung der Druckfreiheit so überhand genommen, dass Betrachtungen, welche diesen Gegenstand betreffen, wohl zu keiner gelegeneren Zeit kommen können, als eben jetzt. - Man müsste weit ausholen, wenn man das, was hierüber zu sagen ist, aus seinen ersten Gründen herleiten wollte. Ein Schriftsteller, der dieses unternähme, würde viele Leser, die seinen Scharfsinn bewunderten, aber diese dennoch Auswege finden, auf welchen jeder von ihnen seine besondere Meinung retten könnte. Was mich betrifft, so wünschte ich, meine Leser einer Meinung geneigt zu machen, welche zwar aus den ersten grundsätzen des Naturrechts fliesst, und weniger in der Teorie bezweifelt, als bei der Anwendung schikaniert werden kann, die aber eben deswegen mehr durch lebendige Darstellung ihrer Folgen, als durch entwicklung ihrer ersten Grundsätze sichergestellt wird.

Der Preussen Friedrich befindet sich beinahe seit einem halben Jahrhunderte im Besitz, auf seine Zeitgenossen durch seine Schriften, noch mehr aber durch sein Beispiel zu wirken. Ich überlasse den Geschichtsforschern, den Einfluss zu bemerken, den seine Handlungsweise auf das Staatsrecht, die Regierungskunst, die Philosophie und die Sitten seines Jahrhunderts gehabt hat, und noch haben wird. Zu meinem Zwecke aber kann, wie ich glaube, nichts dienlicher sein, als wenn ich das, was Friedrich über diesen Gegenstand gedacht und gesagt hat, sammle, und den Lesern vorlege. Ich kann mich freilich nicht rühmen, von ihm besondere Offenbarungen empfangen zu haben. Nur aus seinen Schriften, welche jedermann vor Augen liegen, kann ich das Hierhergehörige ausziehen. [...]

So dachte, so handelte der grosse Monarch, der seitdem das Muster der Fürsten, und das Ziel der Bewunderung von ganz Europa geworden ist. O Ihr, welche Gott unter dem Namen der Könige und Fürsten zu Vormündern seiner unmündigen Kinder bestellte, von deren Weisheit die Völker die Erhaltung ihrer Menschenrechte zu fordern haben! Wann wollt Ihr anfangen, euren Völkern Friedrich zu sein, nicht zu scheinen? Wann werdet Ihr ihnen die Freiheit geben, worauf sie von Geburt an unveräusserliche Ansprüche haben: die Freiheit zu denken, und ihre Gedanken mitzuteilen? Ihr ahmt Friedrich nach, wo ihr nicht könnt; aber die Kunst, Sandwüsten in Gärten umzuschaffen, Menschen menschlich zu regieren, und der Tätigkeit der Untertanen einen nützlichen Spielraum zu geben - das sind Künste, deren Ausübung ihr ihm allein, und wenigen seiner glücklicheren Nachahmer überlasst. Ihr besorgt vielleicht, dass euer Volk, wenn es gleich Bileams Esel die Sprache bekäme, euch den traurigen Zustand, worein ihr es versetzt, zu erkennen geben möchte. Doch habt ihr dieses so leicht nicht zu besorgen. Denn es geschieht eben so selten, dass gedrückte Völker ihren Tyrannen, als dass lastbare Tiere ihren Reutern Gegenvorstellungen machen. Wenn sich aber das Wunder zuträgt, so ist es gleich wohltätig für Bileam und seinen Esel, für den Fürsten und sein Volk.

Wenn Ihr freilich eure, und eurer Diener und Lieblinge hohe person für den Staat haltet; so habt ihr Recht, alle Schriften, worin über eure Massregeln geurteilt wird, als Schriften gegen den Staat zu verwerfen. - Nicht so Friedrich, der auf die Vorstellungen des Geringsten seiner Untertanen achtet, und Raynals in Schutz nimmt!

Und was kann es auch helfen, die Pressfreiheit einzuschränken? Was ihr in eurem land nicht drucken lassen wollt, bereichert einen Verleger in der Nachbarschaft auf eure Kosten. Konfisziert ihr das Werk, so wird es mit doppeltem Eifer gesucht und gelesen, gedeutet und missgedeutet.

Dieser Grund ist gültig, wenn ihr auch Bedenken tragt, eure Untertanen zu Menschen zu machen; selbst alsdenn, wenn diese sich in dem Falle jener Unglücklichen befinden, welche sich in Gegenwart ihres Königs Hunde nennen müssen, um Se. Majestät auch nicht einmal von weitem an die Pflichten der Menschlichkeit zu erinnern. In diesem Falle aber ist auch das Schicksal eurer Völker unendlich verschieden von dem, in welchem sich die Untertanen eines Friedrichs befinden, welche auf seinen Befehl belehrt werden, dass er, als Mensch, von ihnen, als Menschen, nur menschliche Ehrenbezeugungen zu fordern habe.

Vielleicht glaubt ihr, dass euren Völkern das Tagelicht nicht zuträglich sei, und dass sie sich besser bei einer Lampe befinden, die eben hell genug brennt, sie ihr Brot finden zu lassen, ohne ihnen die Schwärze desselben zu zeigen. -Und ihr habt Recht, wenn ihr euren Untertanen alle Rechte der Menschheit rauben, den Trieb der Tätigkeit in ihnen ersticken, die Städte zu Jägerhütten, und die Felder zu Wildrevieren machen wollt; und wenn ihr die Absicht habt, den Rest eurer Untertanen in Bettler zu verwandeln, um sie gegen diejenigen sicherzustellen, welche ihr genötigt habt, Diebe oder Räuber zu werden.

Oder wollt ihr etwa dem reisenden Philosophen durch eure Verfügungen seine Untersuchungen erleichtern? Denn wenn er erst weiss, wie es bei euch mit der Pressfreiheit steht, so kann er mit leichter Mühe auf den Zustand eures volkes und eurer Regierung schliessen. Ein elender Reuter, der ein Pferd ohne Mut, und ein schlechter Regent, der sich ein Volk ohne Freimütigkeit wünscht!

Auch eure Nachbarn werden es gern sehen, wenn eure Zensurkollegien furchtbarer sind, als eure Armeen. Denn Freimütigkeit und Tapferkeit waren von jeher Geschwister.

Von Seiten des preussischen staates dürft ihr wenigstens nicht hoffen, nachgeahmt zu werden. Dort kämpft man mit demselben Mute gegen den Feind, und Vorurteile. - Die Freiheit laut zu denken, ist die sicherste Schutzwehr des preussischen staates. Dort ist man vernünftig genug,