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Pressfreiheit, oder Grundrechte, oder wie immer die Parole heisst, die aus einem wahren oder eingebildeten Bedürfnis der Zeit enspringt, dem die Wohlmeinenden gern beistimmen; die aber allmählich gesteigert und übertrieben durch die Reibung der massen, die Erhitzung der Leidenschaften und die sündige Verblendung der Anführer zu etwas Ungeheuerlichem aufschwillt, das kein Recht und Gesetz über oder auch nur neben sich dulden will, so dass sich dann, etwas zu spät, die Wohlmeinenden ernüchtert und verstört die Augen reiben und sagen: Das haben wir nicht gedacht und dahin nicht gewollt! Lange bevor die Revolution öffentlich, gleichviel mit welchem Schlachtruf und gegen welche Institutionen auflebt, hat sie aber ihre Empörung gegen das Kreuz betrieben, und auch da wieder grosse, gangbare Worte gebraucht, deren Begriff sie fälschte. Geist, Wissenschaft, Forschung, Humanität – alles dies, so gewichtig für die wahre Bildung der Menschheit, so berechtigt in einer richtigen Anwendung – musste jener Empörung zur Maske dienen und zur Waffe werden. Der Kalvarienberg ist der Mittelpunkt und der Schlussstein der Weltgeschichte. Welch ein Hindernis für diejenigen, welche die Weltgeschichte mit sich beginnen und die Weltordnung nach ihrem Kopf konstruieren möchten! Um die Freiheit und den Fortschritt auf ihre Irrbahn zu reissen, müssen diese das Kreuz aus den Augen verlieren, muss der Kalvarienberg so gut wie jeder andere Berg, der im Wege liegt, mit einem Tunnel durchsprengt werden, damit die Menschheit durch diesen dunkeln Schacht hindurch irdischen Seligkeiten entgegen rase, deren Horizont nichts abschliesst, als die krankhaft und leidenschaftlich gesteigerte Entwicklung des Individuums, und deren Schranke nichts ist als der Tod, dem Glaube und Hoffnung fehlen auf das ewige Leben, weil diese Tradition, die vom Kalvarienberg herabklingt, mit ihm vom Fortschritt überflügelt ist. Der Abfall der Geister von der ewigen Wahrheit geht dem Ausbruch einer politischen Revolution, die er herbeiführt, lange vorher, und äussert sich jedesmal durch die neue Phase eines Lichtes der Aufklärung, das nicht vom "Vater des Lichtes" stammt.

So ging der grosse Abfall von der Kirche im sechszehnten Jahrhundert der englischen Revolution vorher, die König Karl I. auf das Schaffot brachte. So war die materialistische Philosophie der Engländer und die ateistische Literatur der Franzosen im vorigen Jahrhundert Vorläuferin der Revolution von 1789. So bereitete Deutschlands panteistische Philosophie, verbunden mit seiner eigenen und mit Frankreichs Literatur des Kommunismus und Sozialismus, den neuesten Revolutionen die Wege. Wissenschaftliche und belletristische Werke, Journale, Gedichte, Flugschriften, Zeitungen, Lehrvorträge, Teater, öffentliche Vorlesungen: Alles atmete, bewusst oder unbewusst, den Geist der Empörung gegen politische, oder soziale, oder kirchliche Zustände aus. In der Teorie war längst die Revolution da. Die geheimen Gesellschaften, gleichviel welchen Namen sie führen, sind die Laboratorien, wo das Gift dieser Teorien am gründlichsten destiliert und am begierigsten eingesogen wird. Alles Geheime hat seinen Reiz, besonders für die Unerfahrenen und für Menschen, deren Leidenschaften in der gesetzlichen Ordnung nicht den begehrten Spielraum finden. Unerfahren und in Gährung der Leidenschaften ist hauptsächlich die Jugend. Die Verpflichtungen, welche die christliche Religion ihr auferlegt, finden diejenigen drückend, die nicht guten Willens sind, die Leidenschaften zu beherrschen. In den geheimen Gesellschaften werden sie belehrt, dass die christliche Religion ein schmählicher Aberglaube und nur erfunden sei, um die grosse Mehrzahl zum Besten einer geringen Minderzahl zu knechten, und es werden die Mittel ersonnen, um die Sache umzukehren und um ohne Religion die bisher Geknechteten zu befreien und die bisher Bevorzugten in Sklaverei zu bringen oder zu vertilgen. Das Hauptmittel besteht immer darin, Tron und Kirche zu stürzen und Fürsten und Priester aus der Welt zu schaffen. Das ist das letzte Wort aller geheimen Gesellschaften und aller Revolutionen.

Der in tausend Sekten zerfallene Protestantismus mit seinen letzten erbärmlichen Ausläufern, den sogenannten Lichtfreunden, zu denen sich Freunde desselben Lichtes, abgesetzte und abgefallene Priester der heiligen katolischen Kirche voll Sympatie neigen, führen ihre Anhänger, die keine Befriedigung in der dürren Öde und den ängstlichen Schwankungen der Sektiererei finden, und die nicht um Rettung vor der Pforte der Gnade flehen, schnurstracks in die finsteren Abgründe der geheimen Gesellschaften, bei denen sie das finden, was der Mensch so sehr bedarf: Gemeinsamkeit, Vereinigung der Kräfte; aber zum Faktionsgeist, diesem blinden und wilden Zerstörer aller Ordnung, aller Gesetzlichkeit, alles Friedens, aller Freiheit, aller Kultur, der mehr als jeder Missstand die gedeihliche entwicklung der Staaten hemmt, indem er eine permanente Widersetzlichkeit hervorruft und dadurch die herrschaft gesetzlicher Ordnung unmöglich macht. Die übernatürliche Einheit der Menschheit in Christus, welche die katolische Kirche vermittelt und darstellt, wird von dem Faktionsgeist mit blindem Grimm angefallen, wirklich verzerrt und dann wird diese Verzerrung mit unerhörter Frechheit für eine wahre Gestalt ausgegeben, die kein vernünftiger Mensch bezweifeln könne. Dann wird alles begeifert! Der grossartige Associationsgeist, der dem triebkräftigen Boden des christentum entwächst, durch die Kirche geheiligt wird und während andertalb Jahrtausenden Wunder der Sittigung, der Bildung, der harmonischen Entfaltung aller Kräfte, der selbstständigen Bewegung auf allen Gebieten des Lebens geleistet hat und immer und überall leistet, wo man ihm Spielraum gönnt – wird entweder als böser Missbrauch gehässig gemacht, oder mit verächtlichem Achselzucken kurzweg abgefertigt als: finsteres Mittelalter! oder man drückt seinen Formen irgend ein beliebiges Brandmal auf. Das Ordenswesen befördert den Müssiggang, so wird behauptet; die Bruderschaften verbindet der Aberglaube; das Zunftwesen raubt die persönliche Freiheit: folglich sind es hassenswerte Institutionen, was zur Genüge dadurch bezeugt wird, dass sie in der christlichen Kirche wurzeln,