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Verzweiflung und der Hölle zerfleischende Marter, die in den ersten Frühstunden beginnen sollte, um die Zeit, wo glücklichere Menschen ihrem Schöpfer danken und seine Gaben geniessen, doch hoffentlich überstanden sein werde.

Man fühlt sich unwillkürlich von seinem verwahrlosten, aber darum nicht minder lebendig grübelnden verstand die Frage vorgelegt, warum denn die Menschen einem Mitmenschen, der eine solche Höhe geistlicher Vollkommenheit erreicht hat, dass sein Beichtvater darüber ein frommes Entzücken fühlt, in sein Leben einbrechen, eben jetzt, da er reif wäre, der so bedürftigen Menschenwelt die schönsten Früchte zu bringen. Und wenn man aus dem mund dieses Beichtvaters antwortet, es stehe im Evangelium, dass, wer das Schwert ziehe, durch das Schwert umkommen müsse, so hört man ihn im Triumphe seiner Bibelfestigkeit entgegenhalten, das Evangelium spreche dies nicht als Vorschrift aus, sondern habe nur die jähzornigen Gemüter jener Zeit warnend darauf aufmerksam machen wollen, dass dies die bestehende jüdische Rechts- und Kirchenordnung sei. Oder wenn der Geistliche erwiderte, es geschehe, damit der bereuende Sünder in diesem Leben nicht mehr rückfällig werde, sondern drüben gleich zu noch höherer Vollkommenheit fortschreiten könne, so muss es dem grübelnden verstand, den wir kennen und den das Evangelium nicht einschläfern konnte, weil es vielmehr die Geister weckt, schwer geworden sein, die Folgerung zu unterdrücken, dass man aus dem gleichen grund jeden Gerechten zeitig vom Leben zum tod bringen müsse, damit er nicht, als ein Mensch, aus dem stand der Gerechtigkeit falle. Da jedoch über die Äusserungen oder gespräche dieser Art sich nichts angemerkt findet, so kann man auch schliessen, er habe das Abscheiden aus einem solchen Leben und einer solchen Zeit, nicht bloss im geistlichen, sondern selbst im weltlichen Sinne des Wortes, für einen so grossen Gewinn gehalten, dass er über den weltlichen Preis desselben kein Wort verloren habe.

"Den Nachmittag", erzählt sein Geschichtschreiber nach dem Auftritte zwischen ihm und dem Geistlichen weiter, "verlor sich zwar diese Freudigkeit ziemlich, weil ihn, wie er selbst sagte, die zu grosse Menge von geistlichen Zusprächen betrübt und zerstreut hatte; doch kehrte sie abends wieder zurück. Endlich erschien der letzte Tag. Morgens früh um fünf Uhr kam Krippendorff zu ihm und traf ihn im Gebet an. Er sah frisch und munter aus; dennoch hielt er, weil seine Seele nicht so hochgeschwungen und furchtlos wie gestern war, sich selbst für verstockt, ein Gefühl, welches jedoch durch Hilfe des Gebets sich bald wieder verlor."

So erfuhr auch dieser Geist, was jeder Geist in seinem Ringen nach klarheit erfährt, dass die Seele den gewaltsam ergriffenen Besitz nicht ungestört festzuhalten vermag, dass ihr die Stunden räuberisch in das Gut einbrechen, das sie schon sicher geborgen zu haben glaubte. Denn die Seele des Menschen rollt beweglich mit seiner grossen Mutter dahin, die, wie uns die Himmelskundigen in ihrer Sprache gelehrt haben, in beständiger Revolution begriffen ist. Sie fasst, im Gebiet des Geistes umherspürend, einen Gedanken, eine Wahrheit, eine Erkenntnis, die ihr plötzlich in blendendem Licht auftaucht, und will in alle Welt hineinjubeln, jetzt sei die Wurzel gefunden, die alles Verschlossene aufsprengen, alles Kranke heilen müsse. Aber die Stunden bringen und nehmen. Andere Erkenntnisse, andere Wahrheiten oder Irrtümer drängen sich in die Seele ein und verdunkeln das erste Licht, und was die Seele festzuhalten glaubte, das wird ihr so blass und farblos, dass sie sich ermattet, bangend, zweifelnd davon abwendet. Wieder erscheint jene geistige Gestalt vom Lichte der Erleuchtung begleitet, sie zeigt sich der Seele von einer neuen Seite, und die Hoffnung, der Glaube an die Sicherheit des Besitzes wächst. Aber Licht und Schatten wechseln, die sehnsucht wird zur wilden Glut, die das reine Licht der wahrheitsuchenden Seele mit Qualm umdüstert, und so, zwischen Licht und Schatten, zwischen Glauben und Zweifel, zwischen Höhe und Tiefe dahinschwebend, gelangt die Seele unter immer neuen Erleuchtungen zu der Überzeugung, dass das erste Licht das richtige gewesen sei, zur Gewissheit, dass die reine Wahrheit darin wohne. Aber die Überzeugung des Menschen, besonders wenn er sie mit Heftigkeit ergriffen hat, wäre für ihn selbst nicht echt, wenn er sie seinen Brüdern vorentielte; denn weit leichter als seine Herzens- oder Vorratskammer tut er ihnen die Schatzkammer seines Wissens oder Glaubens auf. Aber seine Brüder haben dasselbe erlebt wie er, auch ihnen sind Lichter aufgegangen, auch sie sind zu Gewissheiten und Überzeugungen gekommen. Dann geraten die Geister aneinander: der Mann des Wissens stösst den Glauben des Frommen zurück, und der Mann des Glaubens erschrickt vor der Überzeugung des Denkers; ja, unter den Gläubigen selbst, und bis in ihre engsten Kreise hinein, ist Unterschied und Zwiespalt, weil keiner die gemeinsame Wahrheit, zu der sie sich bekennen, ganz im Lichte des anderen schauen kann. Dieser Kampf der Geister verwundet das Herz, das die ganze Welt in Frieden wissen möchte, aber das Herz kann den Menschen nicht allein leiten, denn es würde ihn jeder herben Schule, die ihm nötig ist, entziehen. Der Kampf der Geister ist gut, auch wenn er schmerzt: denn der Geist der Menschheit, nicht ihrer bevorzugten Kinder nur, ist zur Erkenntnis berufen, und die Arbeit der Geister wird der Welt eine Erkenntnis bringen, so hoch und tief, dass der stolzeste Geist sie nicht durchfliegen, so reich, dass der mannigfaltigste Geist nicht an ihr erlahmen, so klar, dass der nüchternste Verstand sie nicht antasten