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überall verloren. Sie werden schwerlich mehr die Geistlichkeit an der Spitze einer polnischen oder französischen Revolution sehen! Grade durch das religiöse Prinzip und das streng von Oben herab aufrecht erhaltene Ansehen der ortodoxen griechischen Kirche ist Russland stark, und wir werden vielleicht gelegenheit haben, Wunder von Aufopferungsfähigkeit der massen diesem Kriege zu schauen, wenn das eintrifft, was Sie mir mit solcher Bestimmteit angekündigt haben, die Aufnahme des Krieges gegen Russland durch Frankreich und England."

"Die religiöse Apatie kann aber immer nur ein einzelner Grund sein."

"Sie haben Recht, aber ein wichtiger. Der Liberalismus hat das Volk selbst denken gemacht. Das Denken führt den Zweifel herbei und ist der Tod jedes Entusiasmus, dessen Mutter allein das Gefühl ist. Man will jetzt einen Nutzen sehen, teils individuell, teils im Ganzen. Man traut den Leuten nicht recht, die sich an die Spitze stellen. Unsere Polen, grade heraus gesagt, trauen dem polnischen Adel nicht mehr, sie haben keine Lust mehr, um unseres Ehrgeizes, unserer Interessen willen das zu opfern, was sie sicher haben."

"Pfui, Fürst, so gäbe es keinen Nationalstolz, kein Volksgefühl mehr!"

"Die Revolutionaire in Paris arbeiten ja grade darauf hin, dies auszurotten in der allgemeinen Gleichmacherei. Ich gehe aber keineswegs so weit, das zu behaupten, namentlich in unserem Falle nicht. So lange es Hass und Liebe gibt in der Welt, so lange Sprachen und Gewohnheiten die Völker scheiden, wird es auch ein Nationalgefühl, einen nationellen Ehrgeiz geben. Aber er muss richtig verstanden und geleitet werden. Seien wir aufrichtig, Freund. Sie sagen mir: in diesem Krieg, der sich bereitet, und der nach Ihren Intentionen ein europäischer werden soll, – ist die günstige gelegenheit gekommen, die Selbstständigkeit unserer Nation wieder zu erlangen. Ungarn und Italien sollen sich gleichfalls erheben, Frankreich und England werden uns unterstützen. Aber, mein Freund, wollen wir etwa selbstständig oder, wie Sie es nennen, frei werden, – leerer Name, der reiche Mann ist es überall! – um uns von Intriguanten und Ehrgeizigen unserer eigenen Klasse dominiren zu lassen? Selbst damit einverstanden, welche Aussicht auf Erfolg haben wir? Frankreich und England machen wahrhaftig keinen Krieg um unserer Nationalität willen. England will einfach das in Asien und am Bosporus für seine eigenen Interessen immer gefährlicher werdende Russland schwächen, und der Kaiser Napoleon hat eine alte Scharte und persönliche Beleidigung auszuwetzen und ausserdem durch einen solchen Krieg gelegenheit, seine sehr schwankende Position als Eindringling unter den Fürsten Europa's zu einer befestigten und mächtigen zu machen, so wie sich Heer und Land durch gloire und Interesse zu sichern. Er hat denselben Ehrgeiz wie sein Oheim, nur ist er schlauer und versteht seine Zeit. An eine Unterstützung Polens und Ungarns um ihrer selbst willen, denkt keine der beiden Mächte. Man wird uns wieder als Soldaten brauchen, als Legionaire, ja als Rebellen, aber man bekümmert sich um unser Geschick grade so wenig, wie das Recht des Sultans in Wahrheit die Ursache des Krieges ist. Sie versprechen einen europäischen Krieg, – ich zweifle daran. Er wird einfach ein Turnier einiger Herausforderer sein, – die in ihrem Interesse nicht gefährdeten Staaten werben sich frei halten und dafür sorgen, dass das freilich vielleicht etwas blutige Turnier nicht zu sehr überhand nimmt, sondern in den soliden grenzen einiger Abzapfung bleibt. – Ich wiederhole Ihnen meine aufrichtige Meinung, jede revolutionaire Schilderhebung Polens gegen Russland bei diesem Kriege würde zwecklos, nutzlos und ein Unglück für unser Vaterland sein!"

"Ich finde Sie so verändert und umgewandelt in all Ihren Gefühlen und Ansichten," sagte der Graf finster, "dass ich kaum wage, fortzufahren. Sie, einer der kühnsten und bewährtesten Führer der polnischen Armee, der hundert Mal sein Leben im Freiheitskampfe wagte, – Sie geben Polen, unser Polen auf?"

Der Fürst sah ihn gross an.

"Wer sagt Ihnen das, Kamerad? was gibt Ihnen das Recht zu zweifeln, dass ein Lubienski sein Vaterland geringer liebe, wie Sie? Mein Weg, mein Hoffen und Wünschen sind nur andere geworden, wie die Ihren. Nicht in Russlands Fall, sondern in Russlands Sieg sehe ich die Hoffnung unseres Volkes. Wer ein echter Pole ist, sollte nicht mit den Franzosen, den Engländern und Deutschen gegen den Czaren fechten, sondern mit ihm; – so allein gelingt zuletzt die Gründung eines grossen sarmatischen Reiches, eines Walles und Sieges gegen das Germanentum, das uns gefährlicher und verhasster ist, als das stammverwandte Russland."

Der Graf ihm gegenüber atmete tief auf bei dieser Erklärung, es war, als sei ihm eine Bergeslast vom Herzen gefallen.

"Das also ist Ihre Meinung, Fürst?" sagte er nachdenklich und reichte dem alten Freunde die Hand. "Mir war in der Tat ganz Angst um Ihr polnisches Herz geworden bei den Sophismen, mit denen Sie die Revolution bekämpften. Zwar, Aufrichtigkeit gegen Aufrichtigkeit, ist unser Ziel und Zweck nicht derselbe; denn ich arbeite und wirke für die Befreiung aller Völker vom Joche der Bevorrechteten, und die Erhebung unsers Vaterlandes ist mir nur ein Glied in dieser Kette. Sie aber wollen seine Erhebung als einziges Ziel und durch die Benutzung der Macht, die es unterdrückt. Ich müsste kein Sohn Polens sein, wenn ich nicht auch auf Ihrem Wege ihm den Sieg wünschte. – Schach Ihrem König!" – er tat einen raschen Zug in dem vernachlässigten Spiel.

Der