Kreuzes, um drei Millionen Türken das Recht wahren zu helfen, zehn Millionen Christen zu unterdrücken, zu tyrannisiren, sie aller historischen und menschlichen Rechte zu berauben? Zu wem soll das Volk der Griechen vertrauend aufsehen, zu England und Frankreich, die für ihre Teilnahme an Navarin mein armes Vaterland zu grund richten? die, Sieger über unsere Tyrannen, ihnen den grössten teil des Volkes, dessen Freiheitskampf ganz Europa damals zujauchzte, wieder unter die Sohlen warfen? – Macht denn der wiener Vertrag die Weltgeschichte und die Rechte und die Historie der Völker, oder gab es ein byzantinisches Reich, das Jahrhunderte Europa voran blühte, und dessen Verderben die westlichen Staaten durch die Kreuzzüge herauf beschworen, während sie es dann hilflos in die Hand der Feinde des Kreuzes fallen liessen?!"
"Ich glaube schwerlich, Freund, dass Sie es besser haben würden unter dem Scepter oder der Knute Russlands, als Ihre Väter es unter der Peitsche des Moslems hatten. Sie wünschen die Wiedergewinnung und Erhebung Ihrer Nationalität. Wohl! aber Russland, Ihr Beschützer, ist doch gewiss gerade der Staat, der eine fremde Nationalität am wenigsten achten würde, der Staat, der in seinen eisernen Armen jedes fremde selbstständige Leben zu unterdrücken, zu tyrannisiren droht. Wo anders her stammt die Furcht und der Hass Europa's und jedes Einzelnen vor diesem Koloss? Blicken Sie hin nach Polen –"
"Meinen Sie denn," unterbrach ihn der Grieche, "dass mein Volk auch nur den Gedanken in sich trägt, ein teil des russischen Reiches zu werden? Keinem Hellenen kommt die idee! Frei wollen wir sein auf unserer eigenen Erde, die getränkt ist mit tausend grossen Erinnerungen der Vorzeit, Herren unseres eigenen Landes, das zur Wüste geworden, dessen Kirchen zerstört, dessen Kinder geschändet und geschlachtet sind von einer Handvoll Ungläubiger. Das Kreuz soll herrschen in der alten Hauptstadt unseres Landes, die einst zwei Weltteilen gesetz vorgeschrieben, so gut wie Ihr Rom, unsere heilige Kirche gereinigt werden von der Schmach des falschen Götzendienstes!"
Sein Auge flammte, seine Hand war erhoben, als er von der Unterdrückung seines Vaterlandes, von den Hoffnungen sprach, welche die Brust jedes Hellenen schwellen. Auch Diona, die Tochter Griechenlands, schaute, auf den Knieen liegend, mit geröteten Wangen und feurigen Augen empor zu dem Bruder.
Der Räuber hatte sich aufgerichtet aus seiner trägen Stellung.
"Höre mich, Franke," sagte er mit seiner tiefen stimme. "Ich bin nicht gelehrt wie Du und mein Sohn hier aus edlem Geschlecht; ich bin ein geringer Mann aus dem land meiner Väter, ein Dieb und Mörder, und verstehe Nichts von dem, was die Könige des Frankenlandes sprechen und wollen. Aber sie sind Staub in den Augen des grossen Czaren, der stets unser Freund war, wie sie Staub sind in den unsern. Wem sollen wir trauen, auf wen sollen wir hoffen, wenn nicht auf ihn, dessen Glaube der unsere ist, der der ewige Feind unserer Tyrannen gewesen und sie bekämpft hat? Sollen wir vertrauen auf den Bruder, der sich uns bewährt und uns geschützt hat, oder auf den Fremdling, der unserer höhnt und spottet, die Früchte unseres Fleisses an sich reisst und mit unsern Unterdrückern gemeinschaftliche Sache macht?"
"Da hören Sie die stimme des Volkes," sagte Gregor; "wie dieser denken und sprechen Tausende, ja Millionen."
"Aber was wollen Sie gegen die Uebermacht? Jeder Versuch zu Russlands Gunsten würde Ihren Landsleuten unter türkischer herrschaft nicht allein das Joch schwerer auflegen, sondern auch die Westmächte zwingen, ihnen allen Schutz zu entziehen. Ganz Europa sieht die Parteinahme derselben gegen Russland als eine Demonstration der kultur und zivilisation gegen die Principien der Unterdrückung und Willkür an, die der östliche Koloss bisher geübt hat und immer weiter ausdehnen möchte. Die Politik der Staaten Europa's muss die herrschaft der Pforte ungeschmälert aufrecht erhalten."
"Die Politik?" rief mit Empörung der Grieche. "Sie haben Recht, dies herzlose Wort zu gebrauchen, das einst den Namen Europa's mit Schmach auf den Blättern der geschichte beladen wird. Diese Staaten und Könige nennen sich die christlichen, die Verteidiger und Beschützer der Kirche – und sie dulden, dass ein christliches Volk die Fesseln der Moslems trägt! Hatte Spanien ein grösseres Recht denn wir, als es ein gesittetes kunsttätiges Volk über das scheidende Meer im Namen des Kreuzes zurückwarf? zog der Pole Sobieski nach Wien bloss zur Rettung der Kaiserstadt oder für den Sieg des Christenglaubens? Schmach über die Nationen des christlichen Europa's, die Missionen auf Missionen zu den fernen Heiden senden und für ihre christlichen Brüder im eigenen Erdteil kein Gefühl haben! Schmach endlich über Ihre Liberalen und Republikaner, die Revolutionen proklamiren in Ländern, die sich wohl fühlen unterm Schutz der Ordnung und des Gesetzes, und für die Befreiung eines Brudervolks von den Ketten hundertfach ärgerer Sclaverei, als je Russland oder Oesterreich einem land auferlegt hat, kein Wort, keine Waffe haben, ja, die diese Waffen noch Denen zu leihen sich drängen, welche die Fesseln dieses geknechteten Volkes für weitere Jahrhunderte schmieden wollen!"
"Unterm Schutz Frankreichs und Englands wird die zivilisation und das Recht des Einzelnen auch hier den Sieg gewinnen, schon hat der Divan sich zu bedeutenden Verbesserungen entschliessen müssen und eine neue bessere Aera blüht auch für die christliche Bevölkerung der Türkei empor."
Caraiskakis legte die Hand auf seinen Arm.
"Glauben Sie wirklich, dass es