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Gut! Aber Ihre Familie? Wäre es nicht besser, wenn Ihnen diese ...

Nachzöge? meinte Stromer gedehnt. Ich kann es nicht wünschen. Ich habe mir eine nicht geringe Aufgabe gestellt und gerade Das, was sie allein lösen kann, ist die Freiheit meiner person. Es mag Manchem bedenklich erscheinen, wie ich so Weib und Kind von mir gleichsam abschüttele, aber ich werde später, wenn ich mein Ziel erreicht habe, sie um so inniger an ein stärker gewordenes Herz ziehen.

Egon nahm keinen Anstand seinen Beifall zu geben, gestattete ohne Weiteres, jenen Oleander zu wählen und sagte nur noch:

Um dieses Ziel? Welches ist es, Herr Pfarrer?

Stromer geriet in einige Verlegenheit. Er schien mehr gesagt zu haben, als er wollte. Egon nahm daher Veranlassung, sich noch lebhafter in seine Gedankenreihe zu versetzen und äusserte rasch:

Fast merk' ich etwas. Sie werden vielleicht weder nach Plessen, noch je überhaupt auf eine Kanzel zurückkehren wollen? Sie suchen einen ganz neuen, eigentümlichen Lebensweg. Nicht wahr?

Durchlaucht, dass ich es offen gestehe, fuhr Stromer, nun ganz mit der Sprache herausgehend, fort. Ich kann mich in dieser doppelten Existenz nicht behaupten, wenn ich nicht an eine neue Erwerbsquelle denke. Meine Art zu urteilen fiel in einigen Salons auf und Propst Gelbsattel war es vorzugsweise, der mich ermuntert hat, die Feder zu ergreifen. Ich werde schreiben ...

Ah! Das war für Egon eine ganz neue Perspective. Er hatte also einen werdenden Autor vor sich! In diesem Augenblick verstand er Guido Stromer's Weise, seine Sprechart, sein Äusseres, seine hohe Stirn, seine zurückgestrichenen Haare, die weit geöffneten Augen, dieses eigentümliche Etwas, das über des Mannes ganzer Erscheinung lag. Und weit entfernt, ihn wegen dieses Geständnisses für geringer zu achten, schenkte er seinem Besuch eine im Gegenteil sich steigernde Hochachtung. Nur eine Art beklommener Scheu kam jetzt doch über den jungen Fürsten, eine gewisse Verlegenheit, ja wenn er ganz aufrichtig sagen wollte, was ihm geschah, so musste er eingestehen, ein gewisses Mistrauen regte sich in ihm, und ein wenig auf dem stuhl rückend, gleichsam als wollte er abbrechen, sagte er:

Und nach welchem Gesichtspunkte denken Sie zu wirken?

Die Gährung des Geistes, sagte Stromer, diese nur so hingeworfene Frage festaltend, kündigt sich nach allen Richtungen an. Kein Feld des menschlichen Wissens, wo nicht ein alter Glaube neuer Prüfung unterworfen ist. Das religiöse, mir verwandteste Gebiet ist mit der Weltlichkeit in eine bisher ungeahnte Beziehung getreten. Wie fordern die vielen kirchlichen Regungen nicht selbst die Politik der Staaten heraus, und wie nahe tritt die Religion überhaupt jetzt wieder dem Leben, dem täglichen Zusammenhange unseres Ichs mit dem nächsten, dem Natürlichsten, was unsere Existenz bedingt! Weit entfernt, darin eine Entweihung des Gottesgedankens zu finden, sollen wir die Möglichkeit eines neuen Triumphes für ihn anerkennen. Alles will neugeboren werden, in einem neuen Lichte wandeln, die Taufe des Geistes empfangen, die Feuertaufe der freien Überzeugung. Nun wohlan! Da mag geirrt, blindlings getastet, das nächste Endliche und Oberflächliche zu schnell als Beantwortung einer tiefen Menschheitsfrage genommen werden; aber es ist doch ein Drang, ein Streben, eine mächtig wirkende Wahrheit des Gemütes da. Ich sehe hier ein Chaos von Principien, ein wildes, sich bäumendes Trotzen auf seine Endlichkeit, ein Prahlen sogar mit seiner Verzweiflung an der Unmöglichkeit, über die Schranken des Diesseits hinauszublicken; allein selbst im Extrem, selbst in der Caricatur muss ein Denker staunen, wie doch der Sinn der Menschheit an Idealität zugenommen hat. Ich habe hier sogenannte freie Gemeinden besucht, deutschkatolische Zusammenkünfte, ich war unter jungen Philosophen, die etwas wild und zügellos das Nichts ihres Geldbeutels auf das Nichts des grossen Alls bezogen, ich stehe staunend und verwundere mich über die Vermessenheit der Ohnmacht, und doch hat dies Sehnen und Schmachten der Creatur nach Freiheit und erkenntnis einen unendlichen Reiz für mich, einen grösseren, als früher mein allzuschroffes Verdammen jeder Richtung, die nicht zu meinem nächsten Ziele führte. Man sagte mir, dass meine Analyse dieser Erscheinungen neu sei und deshalb will ich anfangen zu schreiben, so alt ich schon geworden bin.

Und Ihr eigentliches Princip? fragte drängender Egon, den die Zuversichtlichkeit dieses Tones bei der grossen Unsicherheit über Das, was man jetzt für Wahrheit nehmen soll, fast erschreckte.

Ich gestehe fast, sagte Stromer, dass ich gegen diese Forderung eines Principes überhaupt bin. Man soll nicht mehr fragen, was ist Wahrheit? Man soll den Menschen allein nehmen und die Wahrheit individuell nur auf ihn allein beziehen. Gott, diese Fülle der Erscheinungen ist ja so interessant! Wie lieblich ist der Trieb zur Schönheit, wie himmlisch, wie göttlich das Schwelgen in äusserer Form, in der Harmonie der Teile, im Belauschen der Feiermomente der natur! Andererseits acht' ich, ehr' ich den einsamen Denker, der beim Lampenlichte mit dem grünen Schirm auf dem blöden Auge ein zweiter Faust aus pergamentnen Schriften erkenntnis sucht. Jede Freude an der Erscheinungswelt, auch wenn sie mich ganz erfüllt, ganz entzückt hat, wie lange dauert sie denn? Da kommen die Humboldt's und zerstören mir alle Märchen der Schöpfungsgeschichte; da lösen die Liebig's alles Feste und Majestätische in Wahn und kleine Täuschung auf, und die Mechanik, ist die vollends nicht ein ungeschlachter Riese, der mit der furchtbaren Keule seiner