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ein leichter Duft um Gebirge: jetzt verdichtete er sich oft zu Wolken, die ihre Heiterkeit überschatteten und ihre Beweglichkeit lähmten. Es geschah ohne äussere Veranlassung; sie war nicht kränklich, sie hatte keine der Verdriesslichkeiten, der winzigen Sorgen, welche reizbaren phantastischen Personen unerträglich sind, keinen Unfall – es kam wie eine Schickung über sie: es war da. Ist es eine traurige Mitgift des Genies, dass er im geben ein Crösus und im Geniessen ein Uebersättigter ist – oder wähnt er leicht, das vorgesteckte Ziel nicht erreicht zu haben und nie erreichen zu können – oder lässt alles Erreichbare eine Lücke in ihm, und alles Sichtbare eine Oede – oder fühlt er vorahnend seinen Flug erlahmen – oder haben diese glühenden, dürstenden, strebenden Creaturen unaufgelöste Geheimnisse zwischen sich und dem Schöpfer, die sie auf alle Weise zu enträtseln suchen – genug, Faustine war verändert. Viele, ich weiss es, werden sagen: das Schicksal hatte sie verwöhnt, sie war übersättigt von Glück, sie machte sich Chimären, weil die Wirklichkeit sich für sie erschöpft hatte, man muss in sich das Genügen finden, und wer das nicht tut, ist ohne inneren Gehalt, und Alles, was die Klugheit der Welt und die schnöde Mittelmässigkeit zu ihrem eignen Vorteil vorzubringen wissen. Aber Faustine war nicht das Kind, das in Tränen ausbricht, weil es nicht den Mond haschen kann, und ihr Schicksal ist darum so traurig, weil es der Mittelmässigkeit gleichsam gewonnenes Spiel gibt, indem sie Fehler beging, die jener nie einfallen würden. Es ist auch traurig lehrreich, indem es zeigt, wie der glorioseste Mensch untergeht, sobald er sein Ich in der Welt isolirt, sei es auf die feinste, die geistigste Weise. Aber das wird die Menge schwerlich bemerken! sie versteht nur die Bestrebungen für das Ich, insofern sie sich auf Vermögen, Ansehen, schöne Kleider und ähnliche Aeusserlichkeiten beziehen.

"Jetzt mag ich nicht mehr reisen!" sagte Faustine; "ich weiss nun, dass die Erde überall dieselbe ist, und der Mensch ist es auch. Nur die Oberfläche wird bei jener durch das Clima, bei diesem durch das Temperament verändert. Das Neue ist immer etwas Altes, und etwas Anderes ist immer dasselbe; nur das äussere Kleid ward gewechselt. Das kann uns keine volle Befriedigung geben."

"Volle Befriedigung ist mir undenkbar für den menschlichen Zustand auf der Erde," sagte ich, "der Moment, wo ich inne würde, am Ziel alles Strebens zu sein, und keine Arena der Wünsche und Kämpfe mehr fände, würde mich trostlos machen, statt mich zu befriedigen. Fertig sein und doch nicht vollkommen – ist wie das Leben in harter Gefangenschaft."

"Das äussere Leben kann fertig und das innere strebend sein," sagte sie, "z.B. im Kloster."

"Oder in jedem andern verhältnis," setzte ich hinzu, "z.B. in der Ehe."

Sie war nicht trübe, nicht unzufrieden, nicht erkaltet gegen mich, nur von einer unbesieglichen Schwermut. Ich bat, ich beschwor sie zu malen, zu dichten.

"Wozu?" antwortete sie. "Was nicht erster Ordnung ist, braucht gar nicht zu sein, und erster Ordnung sind etwa zwei oder drei Bücher und ebenso viel Kunstwerke: sie bestimmten eine Zeit, sie brachen eine Bahn, sie gaben eine Richtung. Dies hängt nicht sowohl von dem ab, der sie schrieb, malte oder baute, sondern davon, dass Gott ihn im rechten Moment, als er ein tüchtiges Werkzeug brauchte, auf die Welt schickte. Ein solcher Genius ist für alle zeiten gross; nur für eine Epoche es zu sein, ist demütigend! denke doch: Gluck wird unsterblich genannt, aber von 1000 Menschen gähnen 999 bei seiner Musik."

"Nach dem Urteil der Menge darfst Du nicht hören, denn zuweilen beherrscht falscher Geschmack, durch irgend welche Laune einer Sommität sanktionirt, lange Epochen. Während des Baustyls der Renaissance war der gotische verachtet; erst jetzt lernt man allmälig ihn bewundern."

"Freilich, er ist erster Ordnung!" sagte sie traurig.

Wie diese Mutlosigkeit mich grämte! wie ich sie anflehte, mir deren Grund zu sagen! ich warf ihr Mangel an Vertrauen vor.

"Nein!" rief sie, "meine Seele liegt offen vor der deinen! aber Du, Mario, Du willst nicht sehen, was ich doch ganz klar und deutlich sehe, dass meine Zeit aus ist. Schweig! schweig!" rief sie, als ich antworten wollte; "weshalb sollte ich das nicht sehen? weiss doch die Wasserlilie ihre Zeit, steigt zum Blühen auf die Wellen empor, und sinkt dann in die Tiefe zurück, befriedigt, still, mit dem Schatze seliger Erinnerungen. Die Blume weiss, wann ihre Zeit vorüber ist, und der Mensch bemüht sich, es nicht zu wissen! Diese Jahre mit Dir, Mario, waren meine höchste Blütezeit!"

"Du liebst mich nicht mehr!" rief ich mit bitterm Schmerz.

"Tor!" sagte sie ruhig, mit jenem extasischen Lächeln, das ich nur auf ihrem Antlitz gesehen habe; "Tor! hast Du nicht das Tabernakel meines Herzens berührt? ist nicht Bonaventura Dein Sohn? Nein, Mario, ich liebe Dich, ich habe nichts so wie Dich geliebt, ich werde n a c h Dir nichts lieben, aber ü b e r Dir