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Perpetuum Mobile geht, und schwitzt sehr dabei, und die Schüler staunen das an und werden sehr dumm davon. – Verzeih mir's, dass ich so fabelig Zeug rede, Du weisst, ich hab's mit meinem Abscheu nie weiter gebracht, als dass ich erhitzt und schwindelig geworden bin davon, und wenn die grossen Gedanken Deines Gesprächs vor mir auftreten, die doch philosophisch sind, so weiss ich wohl, dass nichts Geist ist als nur Philosophie, aber wend's herum und sag: Es ist nichts Philosophie, als nur ewig lebendiger Geist, der sich nicht fangen, nicht beschauen noch überschauen lässt, nur empfinden, der in jedem neu und ideal wirkt, und kurz: der ist wie der Äter über uns. Du kannst ihn auch nicht fassen mit dem auge, Du kannst Dich nur von ihm überleuchtet, umfangen fühlen, Du kannst von ihm leben, nicht ihn für Dich erzeugen. Ist denn der Schöpfernatur ihr Geist nicht gewaltiger als der Philosoph mit seinem Dreieck, wo er die Schöpfungskraft drin hin und her stösst, was will er doch? – Meint er, diese Gedankenaufführung sei eine unwiderstehliche Art, dem Naturgeist nahzukommen? Ich glaube einmal nicht, dass die natur einen solchen, der sich zum Philosophen eingezwickt hat, gut leiden kann. "Wie ist natur so hold und gut, die mich am Busen hält." – So was lautet wie Spott auf einen Philosophen. Du aber bist ein Dichter, und alles, was Du sagst, ist die Wahrheit und heilig. "Man kann Geister nicht durch Beschwörung rufen, aber sie können sich dem Geist offenbaren, das Empfängliche kann sie empfangen, dem inneren Sinn können sie erscheinen." Nun ja! Wenn es auch die ganze heutige Welt nicht fasst, was Du da aussprichst, wie ich gewiss glaube, dass es umsonst der Welt gesagt ist, so bin ich aber der Schüler, dessen ganze Seele strebt, sich das Gehörte zum Eigentum zu machen. – Und aus dieser Lehre wird mein künftig Glück erblühn, nicht weil ich's gelernt hab, aber weil ich's empfind; es ist ein Keim in mir geworden und wurzelt tief, ja ich muss sagen, es spricht meine natur aus, oder vielmehr, es ist das heilige Wort "Es werde", was Du über mich aussprichst. – Ich hab's jetzt jede Nacht gelesen im Bett und empfind mich nicht mehr allein und für nichts in der Welt; ich denke, da die Geister sich dem Geist offenbaren können, so möchten sie zu meinem doch sprechen; und was die Welt "überspannte Einbildung" nennt, dem will ich still opfern und gewiss meinen Sinn vor jedem bewahren, was mich unfähig dazu machen könnte, denn ich empfinde in mir ein Gewissen, was mich heimlich warnt, dies und jenes zu meiden. – Und wie ich mit Dir rede heute, da fühl ich, dass es eine bewusstlose Bewussteit gebe, das ist Gefühl, und dass der Geist bewusstlos erregt wird. – So wird's wohl sein mit den Geistern. Aber still davon, durch Deinen Geist haucht mich die natur an, dass ich erwach, wie wenn die Keime zu Blättern werden. – Ach, eben ist ein grosser Vogel wider mein Fenster geflogen und hat mich so erschreckt, es ist schon nach Mitternacht, gute Nacht.

Bettine

An die Bettine

Es kommt mir bald zu närrisch vor, liebe Bettine, dass Du Dich so feierlich für meinen Schüler erklärst, ebenso könnte ich mich für den Deinen halten wollen, doch macht es mir viele Freude, und es ist auch etwas Wahres daran, wenn ein Lehrer durch den Schüler angeregt wird, so kann ich mit Fug mich den Deinen nennen. Gar viele Ansichten strömen mir aus Deinen Behauptungen zu und aus Deinen Ahnungen, denen ich vertraue, und wenn Du so herzlich bist, mein Schüler sein zu wollen, so werde ich mich einst wundern, was ich da für einen Vogel ausgebrütet habe.

Deine Erzählung vom Bostel ist ganz artig, nichts lieber tust Du, als die Sünden der Welt auf Dich nehmen, Du trägst keine Last an ihnen, sie beflügeln Dich vielmehr zu Heiterkeit und Mutwillen, man könnte denken, Gott habe selber sein Vergnügen an Dir. Aber dahin wirst du es nicht bringen, dass die Menschen Dich als etwas Bessers achten, als sie selber sind. Doch wie auch Genie sich Luft und Licht mache, es ist immer äterischer Weise, und wär es selbst den Ballast des Philistertums auf den Flügeln tragend. In solchen Dingen bist Du gebornes Genie, darin kann ich nur Dein Schüler sein und trachte auch mit grossem Fleiss Dir nachzukommen, es ist ein spassiges In-die-Runde-laufen, dass während Dich jedermann so oft über Deine sogenannte Inkonsequenzen verklagt, ich heimlich mir Vorwürfe mache, dass mein Genie hierzu nicht ausreicht. – "Sorglos über die Fläche weg, wo vom kühnsten Wager die Bahn Dir nicht vorgegraben Du siehst." – Immerhin nur das einzige tue mir, und fange nicht alles untereinander an, in Deinem Zimmer sah es aus wie am Ufer, wo eine Flotte gestrandet war. Schlosser wollte zwei grosse Folianten, die er für Dich von der Stadtbibliotek geliehen hat, und die Du schon ein Vierteljahr hast, ohne drin zu lesen. Der Homer lag aufgeschlagen an der Erde, Dein Kanarienvogel hatte ihn nicht geschont, Deine schöne erfundne Reisekarte des