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ich nicht anders hinunterkommen konnte, und da hat mir's auch gar nicht weh getan. werde hart, sagt ich, wie ich zur Meline ins Zimmer eintrat, die gar erschrecken wollt, als sie die Blutspuren an meinen Kleidern sah, ich musste leiden, dass sie mich ein bisschen heilte mit beaume de chiron; du wirst noch Hals und Bein brechen, prophezeite sie, wo jetzt so viel glatte Stellen am Berg sind vom schmelzenden Schnee. Ich schrieb's hierher, wenn's geschieht, so hat sie richtig prophezeit. Aber gewiss, solche Übungen, die einem die natur lehrt, sind Vorbereitungen für die Seele, alles wird Instinkt auch im Geist, der besinnt sich nicht, ob er soll oder nicht, es lehrt ihn das Gleichgewicht halten wie im Klettern und Springen, es entwikkelt eine Kraft, die degagiert und detachiert; das heisst: das Sehnen nach einem Pfeiler, sich in der Welt anzulehnen oder nach einem Stock, um weiter zu kommen, wird einem lächerlich; bald merkt man, dass man auf ziemlichen Wegen recht gut allein gehen kann, und auf steilem Pfad lässt sich durch Übung grosse Freiheit erwerben. Ängstlichkeit und Unerfahrenheit verleiten doch nicht nach dem ersten Strauch am Weg zu greifen, der durch Biegen und Brechen zum Verräter wird und dem Vertrauen den Hals bricht; und ich möchte wissen, ob der ganze innere Mensch nicht deutlich und kräftig hervorgehen könnt aus dem äussern, und ob "auf dem Seiltanzen" nicht eine höhere diplomatische Kunstanlage entwickeln könnt wie all der Wust von Intrigengeist und Korrespondenz voll Leerheit und Observanzen voll Kleinlichkeit – oder "mit Anmut auf dem Eis Schlittschuh laufen", ob das nicht lehren könnt, ohne Selbstverletzung eigner Würde, zwischen allen Verkehrteiten mit leichter Grazie sich durchwinden, und ob ein wildes Ross bändigen, mit Kälte und Ruhe, nicht auch die Kraft in der Seele weckt, den eignen Zorn zu bändigen und mit Gelassenheit das Gute aus dem Bösen entwickeln in andern und zur Selbstbeherrschung in der Gefahr, oder auch eine rasche Flamme der Selbstbesonnenheit, mit der wir einen Entschluss fassen und freudig begrüssen das Höhere, sei's auch aus unmündigem Geist ersprosst, und nicht fort und fort die alte Schlangenhaut anbeten, die der Götterjüngling, der Genius, der über den zeiten schwebt, längst von sich schleuderte. Ja – ob überhaupt dies freie Bewegen in der natur, dies Üben aller Kräfte in ihren Reizungen, so wie es die Glieder ausbildet und stärkt, nicht auch die inneren Seelenkräfte stärkt, dass sie zu hoch, zu edel für diese erbärmliche Weltschule, der Schere entwachsen, die nicht mehr hinanreicht, um sie zurecht zu stutzen; dass sie das Kleinliche nicht mehr ertragen, sondern übern Haufen stürzen. Ebenso wie ich in der einsamen natur keinen frage, soll oder soll ich nicht da hinüber springen, sondern mich auf den eignen Trieb verlasse; sollte eine innere Kraft nicht auch für den Geist gutsagen? – Und bedürfen oder suchen wir vielleicht nur deswegen Rat, weil wir furchtsam sind? – kommt's uns zu fabelhaft vor, dass der Geist, inmitten unserer, aufsteigen könnte, der uns die Weisheit des himmels kundtue? – Nun, was vermag uns denn, lieber der unserem Instinkt fremden Macht des alten Vorurteils uns zu unterwerfen, als jenes Instinktes jungem Keim nur so viel Luft und Licht zu lassen, dass er aufblühen könne? – Der höhere Geist kann nur aus sich selbst sich erzeugen; denn der mächtige Trieb der Entwicklung in uns ist grade nur, was uns der Entwicklung bedürftig macht, und also ist jedes freie Geistesregen schon ein Vorrücken des Keims, also: den inneren Geist walten lassen und keinen fremden, ist, was ihn erzeugt. – Und wär's nicht tausendmal besser, wir fehlen aus eignem Irren als auf fremden Rat? – Wenn einer in die Heimat will und läuft über die Grenze, um nach dem Eingang zum eignen Haus zu fragen? – Wie ist das? – Werden da nicht die heiligen Kräfte, deren Gesamtmacht wir Gewissen nennen, im Keim erstickt; wird da nicht aller Ahnungstrieb stocken, des Geistes Spürkraft absterben? – Und wenn ich die eigne stimme schweigen heiss und einer fremden folge, dann bin ich nicht mehr in eigner Macht und muss mir's aufbürden lassen, dass ich aus Rücksichten mein besseres Selbst verwerfe. Hör! Wenn ich eine schwierige Aufgabe im Leben hätte, ich würde nicht zu erfahrnen Weltleuten gehen, die zu fragen, nicht zu solchen, die es verstehen mit dem irdischen Leben einen Handel abzuschliessen, nicht zu denen, die das Recht der Welt handhaben, ich würde die Unmündigen fragen; ich würde denken, die Kinder haben die himmlische Weisheit, zu der wir müssen zurückkommen, wenn wir das Rechte tun wollen, was eigentlich unser teil am Himmelreich ist; denn wir bauen selbst den Himmel durch unser edles freies Tun, sonst kommt er nicht zur Welt; aber es ist Verwirrung in aller Sprache, jeder will das andre, und keiner versteht den andern, und drum kann die innere stimme allein die Sprache des Rechts wieder lehren; o, wer sie sprechen lässt, der tut Grosses und bleibt dennoch einfache natur; denn natur ist gross, und der Mensch soll gross werden; wächst er am Leib und breitet seinen Stamm aus, so soll er auch am Geist wachsen und seinen Stamm ausbreiten. Und wie in der sinnlichen natur Nahrung, Pflege, Wachstum, Sicherung