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, wo Ihre Seele anders als zeitlich, räumlich, hinfällig, leiblich dachte und fühlte? Welchen teil, welche Stufe dieses Etwas wollen Sie also für jene Ewigkeit retten? Denn Sie werden immer etwas aufgeben müssen, entweder die Vernunft, wenn Sie das, was im Herzen klopfte, oder das Gemüt, wenn Sie das, was im haupt leuchtete, erhalten wünschen.

Will das nun irgend jemand? Gewiss nicht. Vielmehr ist es ja grade das Verlangen, sich in seiner Totalität zu bewahren, was man die sehnsucht nach dem Jenseits genannt hat, auf welche sehnsucht denn wieder einer der sogenannten Beweise gebaut worden ist. Weil es einen Hunger gibt, so gibt es eine Speise, weil wir Durst fühlen, so muss Getränk vorhanden sein. Also, weil wir jene sehnsucht fühlen, so wird der Gegenstand ihrer Befriedigung nicht ausbleiben. So weit bin ich einverstanden. Nur, was der Gegenstand sei, darüber herrscht eine Täuschung.

Man hat auch von Nektar und Ambrosia gesprochen, und gewiss hat mancher nach dieser Götterspeise, wie Tantalus, ein Gelüsten empfunden; gleichwohl, hat sie jemand gekostet? Musste nicht jeder sich mit gemeiner menschlicher Kost begnügen? Und so ist es mit dem Unsterblichkeitsglauben. Ein lügenhaftes, schwärmendes Etwas in uns verlangt nach Nektar und Ambrosia, während die wahre, innige und viel tröstlichere Befriedigung überall uns nahegestellt worden ist, ohne dass unsre blöden Sinne sie wahrnehmen."

"Und die wäre?" fragte der Domherr.

"Das gegenwärtige, irdische Leben selbst", versetzte der Arzt. "Auch ich sage in meinem Sinne: Der Mensch ist ewiger Dauer. Aber ich setze hinzu: Der Himmel ist auf Erden, und mit dem tod ist es nicht aus, sondern es beginnt aufs neue. Wie Feuer von oben ergreift das Psychische den Ton, bildet und wirkt ihn aus, und wenn es ihn abgenutzt hat, sucht es sich frischen Stoff. Wir sind alle Revenants, und dieser Erscheinung der Geister oder des Geistes ist kein Ziel der Zeit gesetzt."

"Das ist eine schlechte Fortdauer", seufzte der Domherr. "Was hilft es mir, zu vermuten, ich habe schon irgendwo einmal gesteckt, wenn ich nicht weiss, wo und in welcher Haut ich steckte."

"Und wenn nun jene Vermutung sich bis zur klarsten Anschauung steigern liesse? Im ahnenden Vortraume ist letztre schon gesetzt, er heisst geschichte. Diese in allen so lebendig zu machen, dass jeder sich auf Jahrtausende zurück wiederfinden kann, ist eigentlich die geheimnisvoll-verhüllte Aufgabe der Gegenwart. Wir reifen einer Periode entgegen, worin die Menschen ebensosehr Bürger der Vergangenheit sein werden, als sie eine Zeitlang in der durch das Christentum angewiesenen Richtung Anwärter der Zukunft waren. Das ist der heilig zuckende Wille des Weltgeistes unter der Decke der politischen Bestrebungen unsrer Zeit, welche eben dieses, von ihrer bewussten Absicht ganz verschiedne Resultat hervorzubringen bestimmt sind. Hin und wieder ist dieser Unsterblichkeitsglaube, oder vielmehr dieses Wissen schon vorhanden; es gibt Vorboten der neuen Epoche. So glaube ich von mir sagen zu können, dass ich mit Bestimmteit sehe, wo ich da und dort schon aufgetaucht bin."

"Ist es möglich?" rief der Domherr. "Entdecken Sie mir ..."

"Diese Kunde gehört nur mir", erwiderte der Arzt. "Allein ich glaube, dass jeder nicht ganz Verwahrlosete sie in sich erzeugen könnte."

"Und wie?"

"Man kommt zu Mysterien bekanntlich erst nach vielen Vorbereitungen. Auch wird nur der eine höhere Seelenerfahrung recht besitzen, der sie selbsttätig sich hervorbringt. Um aber auf Ihre Angst und Not, die ich mit Bedauern wahrnehme, zurückzukommen; es gibt ein sehr einfaches Mittel, sie zu heben, Sie von aller Unruhe über die Dinge jenseits des Grabes zu heilen, und Ihnen dieses so zu zeigen, wie es ist, nämlich als einen unschuldigen, harmlosen Hügel Erde."

"Nun? dieses Mittel?"

"Heiraten Sie und zeugen Sie einen Sohn. Wenn wir uns einigermassen an die natur halten wollen – und das ist wohl in jedem Falle das Sicherste – so müssen wir erkennen, dass mit jener wunderbaren Funktion, worin der ganze Mensch zu einer belebenden Flamme auflodert, auch der ganze Mensch im natürlichen und im höheren Sinne fortgesetzt wird. Nur eine verdorbne Phantasie hat um sie ihr lüsternes Unkraut gewoben, sie ist für den wahren Priester des Universums etwas so Ernstes und Schweres wie die Bewegung der Himmelskörper, die Reise des Lichts, der Drang der Voltaischen Säule. Hier ist uns auf die liebreichste Weise das Mittel in die Hand gegeben, alle kranken Schrecken abzuschütteln, und ich habe immer die Weisheit der alten Indier bewundert, welche aus dem Geschäfte, zu welchem ich Sie aufmuntern möchte, einen Punkt ihrer Pflichtenlehre machten. Meine Beobachtungen lehrten mich auch fast immer, dass Personen, welche die Zeit nach ihnen verkörpert vor sich sahn, aufhörten, dieselbe zu fürchten, und die wenigen Ausnahmen befestigten mir eben die Regel. Es ist keine Redensart, es ist eine Wahrheit, dass die Eltern in den Kindern fortleben. So aber geht es; der Mensch sucht über den Sternen, was zu seinen Füssen liegt, wie die Spanier nach dem fernen Eldorado fuhren und in den Wildnissen verhungerten, während sie mit treuer Arbeit zu haus sich hätten nähren und auch des so heiss ersehnten Goldes ein bescheidnes teil gewinnen können."

Viertes Kapitel

Am folgenden Morgen besuchte der Domherr den Arzt ganz