verrann nach der andern. Um die sechste dunkelte es. Man brachte ihr Licht. Sie winkte stumm mit der Hand, als man nach ihren Befehlen fragte.
Sie trat ans Klavier und schlug einige Akkorde an. Es schlug sieben Uhr.
Dann setzte sie sich und schrieb einige Zeilen: Ich muss sterben, denn hassenswert schien' ich mir, wenn ich mich durch die Welt schliche und mir selbst verbergen wollte, was ich leide. Wir erkennen Gott nicht. Nun und nimmer mehr. Das tragische und der Menschheit würdige Schicksal unsers Planeten wäre, dass er sich selbst anzündete und alle, die Leben atmen, sich auf den Scheiterhaufen der brennenden Erde würfen. Alle müssten sie sich opfern – aus Hass gegen den Himmel; opfern, wie man Rechnungen verdirbt, die ohne den Wirt gemacht werden. Alle! Alle! Dann wäre das Problem gelöst, und Gott müsste eilen, sich neue Menschen, neue Sklaven zu schaffen. Barbarischer Mord der Völker untereinander, glaubt ihr, werde das Ende der Dinge sein? Die wiedererwachende Roheit der natur? Hyänen, die sich untereinander zerfleischen, sind euch der Zweck der geschichte? Grässlicher Gedanke! Prophezeihung, würdig eines Henkers! Sie werden sterben, aber sie werden alle den Dolch in ihre eigene Brust senken und eine grosse Kette der Freundschaft schliessen, die Menschen! Sie werden sich fassen alle an ihrer Hand und mit der Rechten den Stoss vollbringen und noch im tod sich mit ihren Küssen bedecken. Sie werden sterben, weil sie reif sind, weil sie das Höchste erreichten in Wissenschaft und Kunst, weil sie alle ineinandergerechnet der Gotteit gleichkommen. Aber die Gotteit sitzt hinter einem Vorhange und verbirgt nach wie vor ihr sprödes Antlitz und zögert, zu kommen und sich zu entüllen. Was haben wir ihr getan? Es schlug acht Uhr. Sie war in eine Aufregung gekommen, welche für ihren Entschluss nicht passte. Was ist Sturm, Ungewitter, Herbst, was selbst der Schmerz der Seele und des Herzens, wenn der Geist seine Gedanken aufrüttelt und die Denkkraft ihre Fühlfäden ausschiesst? Das Denken erhält den Mut, den man am Wissen verliert. Wally war so nahe daran, ihre Verirrung zu fühlen. Aber sie war ein weibliches Herz, das nicht so leicht vergisst, was es einmal wollte, und in sich selbst kein grosses Register von Entschliessungen hat, wo sie wählen könnte. Sie fiel in den alten Schmerz zurück.
Um neun Uhr griff sie noch einmal nach der Feder und schrieb: Lebet wohl! Alle! Alle! Armselig war mein Leben; wie klein, wie nichtig alle die Beziehungen meiner Jugend! Und das war wohl des Todes wert; denn ich bin nichts, nur Staub, nur Vernichtung. Mein Leben ist unnütz. Grüsset sie alle, grüsset den Frühling des kommenden Jahres, wo ich tot sein werde und keines Vogels Ruf mich wieder wecken wird. Ich danke euch allen, die mich liebten, und Dir, Dir, Cäsar; allen! Allen! Sie musste noch viel geweint haben. Auch diese Zeilen waren verronnen in nasse Punkte. Sie musste dann den Stoss vollbracht haben mit jenem Dolche, der ihrem toten Bruder gehörte.
Man fand sie auf dem Bette ausgestreckt. Das Licht stand zu ihren Häupten. Sie hatte mit beiden Händen den in das rote Tuch gewickelten und darin auch von ihr während des Stosses gelassenen Dolch in ihr Herz gedrückt und lag da, nicht lächelnd und ruhig, wie wohl in andern Fällen hier getroffen ist, sondern mit krampfhafter Verzerrung ihres schönen Antlitzes und einem Ausdrucke der Verzweiflung in den starren Augen, der erschrecken machte.
Sie wurde mit Gepränge bestattet. Die, welche am grab standen, beweinten nicht sie selbst, sondern nur ihre Jugend.
Wahrheit und Wirklichkeit
Man kann den Zufall verdammen, man kann selbst überzeugt sein, dass in allem, was geschieht, eine konsequente Offenbarung der Gottesidee liegt; und doch würde niemand zu behaupten wagen, dass alles, was geschieht, alles, was wir als geschehen beobachten können, etwas andres sei als die zufälligen Äusserlichkeiten jener offenbarten Gottesidee. Ich glaube, dass alles gut ist, was geschieht; glaube aber nicht, dass eben nur das geschehen kann, was geschieht. Unendlich ist das Reich der Möglichkeit, jenes Schattenreich, das hinter den am Lichte der begebenheiten sichtbaren Erscheinungen liegt. Es gibt eine Welt, die, wenn sie auch nur in unsern Träumen lebte, sich ebenso zusammensetzen könnte zur Wirklichkeit wie die Wirklichkeit selbst, eine Welt, die wir durch Phantasie und Vertrauen zu combinieren vermögen. Schale Gemüter wissen nur das, was geschieht; Begabte ahnen, was sein könnte; Freie bauen sich ihre eigne Welt.
Zwei Garantien der unsichtbaren Welt sind die Religion und die Poesie. Jene schliesst das Reich der Möglichkeit auf, um zu trösten; diese, weil sie die Wirklichkeit erklären will. Beide beruhen auf Täuschungen, nur ist die Poesie glücklicher, weil sie die Wahrscheinlichkeit für sich hat. Es ist leichter, an ein Gedicht als an den Himmel glauben. Die Ereignisse des Gedichtes sind oft die heimlichen Erklärungsmotive der Wirklichkeit, die Schöpfungen des Autors haben die Analogie für sich und die Erde; aber der Himmel schwebt in der Luft und ist trotz aller Philosophie ohne Massstab, wie Gott selbst.
Die geschichte der Poesie zeigt, wie sich in ihr von jeher Wahrheit und Wirklichkeit gestritten haben. Jene Gemüter, welche wir die schalen nannten, entschieden sich für die Wirklichkeit, die freien für