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Genius nicht bestehen, wenn unsere Schönheit vor ihm zerrüttet ist! ich will nur für meine Schönheit leben, ich will nur ihr huldigen; denn sie ist der Geliebte selbst. –

Wenn wir den blick des inneren Auges umschreiben, so haben wir die Kunst und das Wissen.

Alles Wissen soll sich zur Kunst erheben, es soll ebenso unschuldig die Wahrheit nachahmen wie die bildende Kunst, und so wird sie ein Spiegel der Wahrheit, ein Bild, in dem wir sie erkennen.

Denken ist ein unmittelbares Nachahmen der Wahrheit, es ist nicht sie selbst, sie hat keinen Leib, sie hat nur eine Erscheinung.

Suche nur die Wahrheit in Deinem inneren, so hast Du den Vorteil, sie zu finden und Dich zugleich in sie aufzulösen.

In Deinem inneren wirst Du ein lebendiges Bewegen wahrnehmen, wie das Bewegen des Wassers, es ist nichts als ein Bewegen, sich in die Wahrheit aufzulösen.

Alles Leben löst sich in eine höhere Wahrheit auf, geht in eine höhere Wahrheit über, wär es anders, so wär es Sterben.

Schönheit ist eine Auflösung der sinnlichen Anschauung in eine höhere Wahrheit; Schönheit stirbt nicht, sie ist Geist.

Alle Disharmonie ist Unwahrheit.

Wenn Du schlafen willst, so ergib Dich Deinem inneren Mond. Schlaf in dem Mondlicht Deiner natur! Ich glaube, das erzieht und nährt Deinen inneren Menschen, wie das Mondlicht den Geist der Pflanze ernährt und befördert. Wer von selbst seinen Geist der natur unterwirft, für den gibt es keinen Tod.

Der Geist muss so mächtig werden, dass er den Tod des Leibes nicht empfindet.

Der Geist braucht nicht zu denken und kann doch mächtig sein, bloss durch die Reinheit des Willens.

In allem nur sich sehen und gegen sich den reinsten Willen haben, dann ist der Geist mächtig.

Auch der sinnliche Schlaf soll so genossen werden, dass er ein geistiger Balsam sei.

Vielleicht vererben sich die geistigen Reichtümer wie die irdischen, vielleicht verteilen die Geister ihre Fähigkeiten auf ihre Nachkommen! "Ich erkenne an dem Gedanken, wes Geistes Kind du bist." Dies Sprichwort beurkundet meine Bemerkung.

Wachsen ist das Gefühl, dass das Uranfänglichste zu seinem Ursprung in die Ewigkeit dringt.

Der Genius allein kann die verletzte Unschuld herstellen. O komm, Genius, und befriede Dich mit mir!

Hier übermannte mich ein tieferer Schlaf. – Am Morgen fand ich mein beschriebenes Papier, ich erinnerte mich seiner kaum, aber sehr deutlich erinnerte ich mich des Behagens in der Nacht, und dass es eine Empfindung war, wie dem Kind in der Wiege das Schaukeln sein muss, und ich dachte, dass ich oft so träumen möchte. –

Nun will ich Dir auch gleich die geschichte meines zweiten Kusses erzählen; er folgte beinah unmittelbar auf den ersten, und was denkst Du von Deinem Mädchen, dass es so leichtfertig geworden! Ja diesmal wurde ich leichtfertig, und zwar mit einem Freund von Dir. – Es klingelt, hastig springe ich an die Haustür, um zu öffnen; ein Mann in schwarzer Kleidung, ernsten Ansehens, etwas erhitzten Augen tritt ein, – noch ehe er seinen Namen genannt oder gesagt, was sein Verlangen ist, küsst er mich; noch ehe ich mich besinnen konnte, geb ich ihm eine Ohrfeige, und dann erst sehe ich ihm ergrimmt ins Antlitz und erkenne ein freundliches Gesicht, das gar nicht erschreckt und nicht erbittert über mein Verfahren zu sein scheint; um meiner Verlegenheit zu entgehen – denn ich wusste nicht, ob ich Recht oder Unrecht getan hatte – öffne ich ihm rasch die Türen zu den Zimmern der Grossmutter. Da war nun meine Überraschung bald in Schrecken umgewandelt, da diese mit der höchsten Begeistrung ausrief, einmal über das andre: "Ist es möglich? Herder, mein Herder! Dass euer Weg euch zu dieser Grillentür führt? – Seid tausendmal umarmt!" Und hier folgten diese tausend Umarmungen, während denen ich mich leise davonschlich und wünschte, es möge in diesem Schwall von Liebkosungen die eine untergehen, die ihm mit einer Ohrfeige war beantwortet worden. Allein, dem nicht so, er vergass weder Kuss noch Ohrfeige, er schielte, an das Herz der Grossmutter von ihren umfassenden Armen gefesselt, über ihre Achsel hinaus, nach der Enkelin und machte ihr einen bittenden Vorwurf. Ich verstand ihn sogleich und machte mich ihm auch verständlich, er sollte mich nicht verklagen, sonst wolle ich mich rächen, und schlich hinter die Vorzimmer. Allein Herder hatte keine Andacht mehr für die Grossmutter, für ihre schönen Erinnerungen aus der Schweiz, für ihre Mitteilungen aus den Briefen von Julie Bondeli, für ihre Schmeichelreden und begeisterte Lobsprüche, für ihre Reden von gelehrten Dingen. Er fragte, ob sie ihm nicht ihre Enkelkinder wolle zeigen? So wurden wir ihm denn alle drei feierlich vorgeführt und von der Grossmutter zugleich belehrt, wie glücklich wir seien, ihn zu sehen und von ihm gesegnet zu sein. Er war auch gar nicht faul, ging rasch auf mich zu, legte mir die Hand auf den Kopf, unter welcher ich ihn drohend ansah, und sagte langsam und feierlich: "Diese da scheint sehr selbständig, wenn Gott ihr diese Gabe als eine Waffe für ihr Glück zugeteilt hat, so möge sie sich ihrer ungefährdet bedienen, dass alle sich ihrem kühnen Willen fügen und niemand ihren Sinn zu brechen gedenke." Ziemlich verwundert war die Grossmutter über diesen wunderlichen Segen, noch mehr aber, dass er die Schwestern nicht segnete, die doch ihre