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einen solchen Fund für gute Prise erklären, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos hantieren und drehen, ob es biege oder breche; wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware handhabt, und Satire versteht und zu würdigen weiss, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats noch auf irgend dergleichen Rücksicht nimmt.

So dachte ich, pries mich glücklich und verlachte meinen komischen Prozesstraum.

Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es war keine Täuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn im Traum gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Briefe verheissen. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher.

Doch ich konnte ja nicht anders, ich musste seinen Wink befolgen, und seinen "Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben.

Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles geordnet, es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu lesen war, ich meine jene Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in einer Hütte von Malojaroslawez zubrachte, und wie von jenen Augenblicken an, so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel achtung zollen musste, vielleicht – weil er ihm nicht beikommen konnte, doch – vielleicht ist es möglich, dieses merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem anderen Orte mitzuteilen.

Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt, da wurde die tür aufgerissen, und mein Freund Moritz stürzte ins Zimmer.

"Weisst du schon?" rief er. "Er hat ihn verloren."

"Wer? was hat man verloren?"

"Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozess gegen Clauren meine ich, wegen des Mannes im mond!"

"Wie? ist es möglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend; "unser Freund, der Kandidatus Bemperlein? den Prozess?"

"Du kannst dich drauf verlassen, soeben komme ich vom Museum, der Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert."

"Aber wie konnte dies doch geschehen! Moritz! war er etwa auch in Klein-Justeim anhängig?"

"Klein-Justeim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er besorgt meine Hand ergriff; "was willst du nur mit Klein-Justeim, wo gibt es denn einen solchen Ort?"

"Ach", sagte ich beschämt, "du hast recht; ich dachte an – meinen Traum."

Der Fluch

Novelle

(Fortsetzung)

Man kann sich denken, dass ich in Rom immer viele Geschäfte habe. Die heilige Stadt hatte immer einen Überfluss von Leuten, die in der ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren.

Man wird sich wundern, dass ich eine Klassifikation der guten Leute (von anderen Sünder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, dass nur das Systematische mit Nutzen bei ihnen betrieben werden könne. Es ist dies besonders in Städten wie Rom, unumgänglich notwendig; wo so vielerlei Nüanzen guter Leute vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Fürsten, der die Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um dreissig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muss man Klassen haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein, in: I. Klasse, mit dem Prädikat "recht gut", solche, die geradehin verneinen; als da sind: Freigeister, Gottesleugner, etc. 2. Klasse, "gut". Sie sagen mit einigem Umschweif nein; gelten unter sich für Heiden, bei Vernünftigen für liberale Männer, bei der Menge für fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Türken und pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Prädikat "mittelmässig", sind jene, die ihr "Nein" nur durch ein Kopfschütteln andeuten. Es sind jene, die sich selbst für eine Art von Gott halten, mögen sie nun Ablass verkaufen, oder als evangelischmystisch-pietistische Seelen einen Seperatfrieden mit dem Himmel abschliessen; der letzteren gibt es übrigens in Rom wenige.

Es lässt sich annehmen, dass das Innere dieses Systems, die verschiedenen Übergänge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich ändern. Geld, Sitten, der Zeitgeist üben hier einen grossen Einfluss aus, und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle notwendig.

Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht unterlassen will, weil sie vielleicht für manchen Leser meiner Memoiren von Interesse sein möchten.

Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der Peterskirche spazieren, dachte nach über mein System und die Veränderungen, die ihm durch die Missionäre in Frankreich, und das Überhandnehmen der Jesuiten drohte, da stiess mir ein Gesicht auf, das schon in irgendeiner interessanten Beziehung zu mir gestanden sein musste. Ich stand stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker, schöner, junger Mann; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram; dem Auge, der Form des Gesichtes nach, war er kein Italiener – ein Deutscher, und jetzt fiel mir mit einem Male bei, dass ich ihn vor