war, dass sie mich als einen Unwürdigen verachtete, und dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr Lafontaine und Langbein studierte, weiss ich nicht zu sagen, nur so viel ist mir bekannt, dass ihn der Fürst, Amaliens Vater, einige Wochen nachher eigenhändig aus dem Garten gepeitscht hat.
Ich sass jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein, hatte die hebräische Bibel und die griechischen Unregelmässigen vor mir liegen und auf ihnen meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heisse Tränen geweint und durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut, denn die zuchtlose Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf zwischen Hass und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest überzeugt, dass so unglücklich wie ich, kein Mensch mehr sein könne und höchstens der unglückliche Otto von Trautwangen, als er in Frankreich mit seinem vernünftigen lichtbraunen Rösslein eine Höhle bewohnte, konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.
Aber das Mass meiner Leiden war nicht voll; hören Sie, wie 'aus entwölkter Höhe', mich ein zweiter Donner traf.
Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Tema zu einem Aufsatz gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, wen wir für den grössten Mann Deutschlands halten? Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Gründe für und wider angegeben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen harten Kopf, und Aufsätze mit Gründen waren mir von jeher zuwider gewesen, ich hatte also auch immer mittelmässige oder schlechte Arbeit geliefert. Aber für diese Arbeit war ich ganz begeistert, ich fühlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken über die grossen Männer meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen Jahren nicht solche) in gehöriges Licht setzen zu können.
Geschichtlich sollte das Ding abgefasst werden? was war leichter für mich als dies; jetzt erst fühlte ich den Nutzen meines eifrigen Lesens; wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich? Und wer, der irgendeinmal diese Bücher der Geschichten in die Hand nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die grössten Männer meines Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte; Hasper a Spada? es ist wahr, es war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die Liebe seiner Freunde; aber, wie die geschichte sagt, war er sehr stark dem Trinken ergeben und dies war doch schon eine Schlacke in seinem fürtrefflichen Charakter; Adolph der Kühne, Raugraf von Dassel? Er hat schon etwas mehr von einem grossen Mann; wie schrecklich züchtigt er die pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie nach Rom wandeln und Busse tun müsste, aber dies schwächt doch sein majestätisches Bild. Es ist wahr, Otto von Trautwangen glänzt als ein Stern erster Grösse in der deutschen geschichte, dachte ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der grösste gewesen zu sein, wiewohl seine Frömmigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen ist, jeden Zauber überwand.
Island gehörte wohl auch zum deutschen Reich, wahrhaftig unter allen deutschen Helden ist doch keiner, der dem Tiodolf das wasser reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im Zorn ein Berserker, es kann nicht fehlen, er ist der grösste Deutsche.
Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung nieder; wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl zehnmal las ich mir mit lauter stimme die gelungensten Stellen vor; wie erhaben lautete es, wenn ich von der Stärke des Isländers sprach, wie er einen Wolf zähmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein wenig auf die Stirne klopfte, dass es auf der Stelle tot war, wie grossmütig verschmäht er alle Belohnung, ja er schlägt einen Kaisertron aus, um seiner Liebe treu zu bleiben, wie kindlich fromm ist er, obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte, wie schön beschrieb ich das alles; ja! es musste das harte Herz des alten Rektors rühren!
Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall lesen, wie er morgens in die Klasse kommen würde, um unsere Aufsätze zu zensieren; dann sendet er gewiss einen milden, freundlichen blick nach dem letzten platz, wohin er sonst nur wie ein brüllender Löwe schaute, dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: 'Kann man etwas Gelungeneres lesen als dies, und ratet, wer es gemacht hat? Die Letzten sollen die ersten werden; der Stein, den die Bauleute verworfen haben, soll zum Eckstein werden; tritt hervor, mein Sohn, Garnmachere! Ich habe immer gesagt, du seiest ein bête, konnte ich ahnen, dass du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin den Preis, der dir gebührt.'
So musste er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins reine, und um zu zeigen, dass ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert sei, sagte ich am Schluss, dass ich nach Erfindung des Pulvers den deutschen Alcibiades, und nächst ihm Hermann von Nordenschild für die grössten Männer halte. Man könne ihnen den Ritter Euros, welcher nachher als Domschütz mit seinen Gesellen10 so grosses aufsehen gemacht